Corona-Erkrankung Der lange Weg zurück eines jungen Regensburgers

Die vergangenen Monate: Jakob geht viel spazieren, findet in sein Studium zurück. Seine Lunge wird mehrmals untersucht und er setzt sich dem Hass im Internet aus. Foto: pixabay.com

Seit sich Jakob mit Corona infiziert hat, ist fast ein Jahr vergangen. Der 27-Jährige hat das Virus besiegt. Doch die Folgen machen ihm bis heute zu schaffen.

– AUFTAKT –

Das Datum hat sich in Jakobs Gedächtnis eingebrannt wie eine Narbe in die Haut: 16. März 2020. Es ist der Tag, an dem er Husten und Gliederschmerzen bekommt. Neun Tage später bestätigt ein Test: Jakob hat Corona. Mit Atemnot wird er am selben Abend in die Lungenklinik nach Donaustauf gebracht. Die Ärzte stellen acht kleine Lungenentzündungen fest, seine Sauerstoffsättigung ist auf dem Niveau eines 85-Jährigen. Jakob erhält eine Woche lang zusätzlichen Sauerstoff durch die Nase, Anfang April wird er entlassen.

Ende April erscheint in der Freistunde sein Virus-Tagebuch. Am Ende heißt es: „Corona ist für Jakob weitestgehend erledigt. Das Virus hat ihn sechs Wochen beschäftigt.“ Was damals keiner ahnt: Über 300 Tage später kämpft Jakob noch immer mit den Folgen.

Die Vorgeschichte, Jakobs Tagebuch zu seiner Erkrankung und Genesung, gibt es hier zu lesen: "Das Virus-Tagebuch eines 26-jährigen Regensburgers"

– MAI 2020 –

Jakob (Name von der Redaktion geändert) erholt sich zu Hause. Er möchte anderen Erkrankten helfen und Blutplasma spenden, erhält jedoch eine Absage: „Es gab schon so viele Freiwillige, sie haben mich nicht mehr gebraucht.“ Diese Solidarität findet Jakob wichtig in diesen Zeiten.

Der 27-Jährige arbeitet als Heilerziehungspfleger. Die Nachricht einer Kollegin verstimmt ihn: „Sie fand es schwach, dass ich mein Team im Stich lasse. Ich sei jung, da könne es mich doch nicht schlimm treffen.“ In seinem Umfeld bleibt diese Meinung ein Einzelfall, Jakob wird aber schon bald merken, dass manche das Virus nicht mehr ernst nehmen.

– JUNI 2020 –

Das Coronavirus ist längst aus Jakobs Körper, die Angst jedoch nicht. Angst, dass der Körper nie wieder richtig gesund wird. Angst, sich erneut anzustecken. Immer wieder sticht es ihn in der Herzgegend. „Da überlegt man dann schon: Ist das was Schlimmeres?“ Heute weiß er: Nein, das feine Muskelgewebe zwischen seinen Rippen ist verkrampft und verursacht den Schmerz. Physiotherapie hilft ihm, diese Muskeln zu lockern. Jeder Morgen beginnt mit Übungen: „Ich be- und entlaste bestimmte Körperzonen und dehne meinen Oberkörper auf“, schildert Jakob. Er trainiert mit einem Gymnastikball und inhaliert zweimal täglich. Sein neuer Alltag. Das alles hilft Jakob auch, im Juni seinen Husten loszuwerden – er hat ihn seit den ersten Symptomen begleitet.

Jakob geht viel spazieren, kommt aber schnell an seine Grenzen: „Nach einer halben Stunde war das brutal anstrengend. Ich habe Schweißausbrüche bekommen und war kaputt.“ Ende Juni ist er zur Nachkontrolle in Donaustauf. „Die Ärzte haben meinen kompletten Körper durchgecheckt.“ Das Ergebnis: alles soweit in Ordnung, Jakobs Lunge ist aber noch gereizt, dadurch ist er morgens oft verschleimt.

Die Mediziner vergleichen seine Corona-Erkrankung mit einer Lungenentzündung. „Da kann es bis zu zwei Jahre dauern, bis sich diese Reizung beruhigt“, sagt Jakob. Eine lange Zeit. Bereits jetzt fühlt es sich wie eine Ewigkeit an: „Daheim zu sitzen und zu warten, dass es besser wird, ist furchtbar.“

– JULI 2020 –

Corona macht Jakob auch geistig zu schaffen. Der 27-Jährige studiert berufsbegleitend Soziale Arbeit. „Anfangs habe ich wirklich überlegt, ob ich durch Corona dumm geworden bin“, sagt er. „Es ist mir schwergefallen, überhaupt Gesprächen zu folgen. Nach zwei, drei Minuten habe ich nicht mehr begriffen, was da geredet wird.“ Doch so wie seine Spaziergänge länger werden, wird seine Konzentration besser. Er kann sich wieder mehr seinem Studium widmen.

Mit den kleinen körperlichen Fortschritten, die Jakob in den vergangenen Wochen zu Hause gemacht hat, gelangt er Ende des Monats aber an eine Grenze. Er bespricht sich mit seinen Ärzten und beantragt eine Reha.

– AUGUST 2020 –

Jakob informiert sich regelmäßig auf der Facebook-Seite eines bekannten Radiosenders über neue Corona-Maßnahmen. Dort fallen ihm immer mehr Kommentare auf, die das Virus verharmlosen und die Regeln schwachsinnig finden. In einem schreibt jemand, dass es Corona gar nicht gibt. „Sachlich habe ich geantwortet, dass es das Virus sehr wohl gibt und meine Erkrankung geschildert“, erinnert sich der 27-Jährige. Die Reaktion darauf: Jakob wird als Fake bezeichnet, er existiere gar nicht, sein Post sei Propaganda der Regierung. Was dazu kommt: Dieser Kommentar erhält über 100 Likes. „Da bin ich fassungslos dagesessen“, sagt er. „Da fehlt einfach jede Grundlage, zu diskutieren.“

Auch Jakob kann nicht jede Corona-Maßnahme nachvollziehen, möchte aber mit keinem Politiker tauschen: „Es ist wahnsinnig schwierig, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Wohl keinem macht es Spaß, sich einzuschränken – auch Jakob nicht: „Wer sich aber komplett weigert, die Maßnahmen mitzutragen oder das Virus sogar leugnet, den kann ich nicht verstehen“, sagt er. „Solche halbdurchdachten Sätze sind ein brutaler Schlag ins Gesicht für alle, die krank waren oder jemanden durch Corona verloren haben. Es ist so wichtig, dass wir solidarisch bleiben.“

Bis in den Dezember versucht Jakob auf Facebook immer wieder, vor Corona zu warnen. Er wird beleidigt, ihm wird unterstellt, vom Staat bezahlt zu werden und mit Satan im Bunde zu sein. „Es war absolut wirr, wirklich weltfremd“, sagt er. Schließlich beendet er sein „Hobby“, wie er es nennt, und deabonniert die Seite. „Ich habe gemerkt, dass das nichts bringt, so viel Negatives will ich nicht mehr in meinem Leben haben.“

Mehr zu diesen Erfahrungen gibt’s im Sprechstunde-Podcast der Redaktion Freistunde:

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