Corona-Maßnahmen in Bayern Noch bis Ende des Jahres OP-Stau in den Krankenhäusern?

Mit der sinkenden Zahl nachgewiesener Sars-CoV-2-Infektionen stehen an den Krankenhäusern in Bayern wieder mehr Ressourcen für den normalen Klinikalltag zur Verfügung. Patienten müssen aber wohl weiterhin länger auf geplante Eingriffe warten, sagt Siegfried Hasenbein, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG).

Als Reaktion auf die drohende Pandemiewelle hatten Gesundheits- und Innenministerium im März die bayerischen Krankenhäuser verpflichtet, alle Ressourcen, die irgendwie frei gemacht werden konnten, für Covid-19-Patienten vorzuhalten. „Soweit medizinisch vertretbar“ sollten alle planbaren Behandlungen und Operationen zurückgestellt oder unterbrochen werden. Wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums auf idowa-Anfrage bestätigte, wurde der normale OP-Betrieb auf etwa 63 Prozent heruntergefahren.

Die zur Verfügung gestellten Ressourcen haben möglicherweise dafür gesorgt, dass die Intensivstationen der Krankenhäuser zu keiner Zeit im Verlauf der Covid-19-Infektionswelle an ihre Belastungsgrenze kamen: „In der Hochphase Mitte April 2020 lag die Auslastung der Intensivbetten mit invasiver Beatmungsmöglichkeit im bayernweiten Durchschnitt bei einem Wert von etwa 72 Prozent der zur Verfügung stehenden Kapazitäten“, teilt ein Ministeriumssprecher mit. Die Auslastung der Intensivbetten lag demnach maximal bei 70 Prozent, darunter waren allerdings auch Nicht-Covid-19-Fälle. Die höchste Zahl an Patienten, die bayernweit gleichzeitig wegen einer Sars-CoV-2-Infektion auf der Intensivstation waren, lag bei rund 900.

Ressourcen waren zu keinem Zeitpunkt voll ausgelastet

Diese Zahlen bestätigt Siegfried Hasenbein von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft: „Über ganz Bayern gesehen waren die Ressourcen zu keinem Zeitpunkt voll ausgelastet. Es gab einzelne Krankenhäuser in den sogenannten Corona-Hotspots, wie zum Beispiel in der Nordoberpfalz, in Mühldorf, in Rosenheim, teilweise auch in München, die voll belegt waren über mehrere Tage, dann wurden Patienten in die Nachbarkrankenhäusern verlegt.“ Bezogen auf die Pandemie ist der Kraftakt also geglückt.

Für Siegfried Hasenbein hat das bayerische Krankenhauswesen seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Ihn habe es selbst beeindruckt „wie in kürzester Zeit Betten freigeräumt wurden, wie OP- und Aufwachräume umgewidmet wurden, dass Personal geschult und aufgebaut wurde, wie die Krankenhäuser sich gegenseitig ausgeholfen haben. Wie zum Beispiel in der Nacht Personal von einem Krankenhaus ins andere gewechselt hat, wenn es Engpässe gab.“

Über 400.000 OPs in der Warteschleife?

Das hatte aber freilich auch Auswirkungen: Über fast drei Monate wurden sogenannte „planbare Eingriffe“ verschoben. Wer kein Notfall und kein Covid-19-Patient war, musste warten. Laut Siegfried Hasenbein von der BKG werden aufs Jahr gerechnet drei Millionen Eingriffe in bayerischen Krankenhäusern durchgeführt. Rein rechnerisch ergibt sich durch die drei Monate Corona-Betrieb damit ein Stau von über 412.000 OPs, die nun nachgeholt werden müssen. Das Warten dürfte für viele Patienten auch noch eine Zeit lang weitergehen, schätzt Hasenbein: „Der Stau, der sich in den letzten Monaten gebildet hat, kann nur langsam abgebaut werden. Es können mehr Betten belegt werden als bisher, aber bei weitem nicht so viele wie vor der Krise.“

In der Zwischenzeit scheint die Hochphase der Infektionen in Bayern vorbei. Auf idowa-Nachfrage berichten Krankenhäuser, dass nur noch wenige Covid-19-Patienten bei ihnen auf Station sind. Im Klinikum Sankt Elisabeth in Straubing beispielsweise lagen an Fronleichnam noch drei Patienten mit einer nachgewiesenen Sars-CoV-2-Infektion – alle auf der Normalstation.

„Wir hätten Zeit, zu reagieren“

Eine Rückkehr zum Normalbetrieb lässt die Politik derzeit noch nicht zu: „Nach der aktuell geltenden Allgemeinverfügung sind grundsätzlich 30 Prozent der Intensivkapazitäten, 25 Prozent der Normalkapazitäten und 30 Prozent der Reha-Kapazitäten für die Behandlung von Covid-19-Patienten zur Verfügung zu halten“, bestätigt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums auf Anfrage. Der OP-Stau könne nach Einschätzung der BKG nur langsam abgearbeitet werden. Im jetzigen Tempo dauere das bis Ende des Jahres, vielleicht länger.

„Ich verstehe, dass die Politik sehr vorsichtig ist, weil immer noch von einer zweiten Welle die Rede ist und befürchtet wird, dass das Infektionsgeschehen wieder aufflackert“, erklärt Siegfried Hasenbein von der BKG. Dennoch – und mit Blick auf den OP-Stau, der auf Ärzte und Personal in den Häusern wartet – spricht er sich dafür aus, die Freihalte-Kapazitäten zurückzufahren: „Sollte sich das Infektionsgeschehen erhöhen, dann treffen die Patienten mit einem Zeitverzug von 14 Tagen in den Krankenhäusern ein. Wir hätten also Zeit, zu reagieren.“

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