Chemtrails, Reptiloide und Co. Warum Verschwörungstheorien faszinieren

Vor Kondensstreifen wie diesen hatte Anna (Name von der Redaktion geändert) lange Zeit Angst. Foto: Federico Gambarini/dpa

Verschwörungstheorien sind beliebt. Eine Aussteigerin, eine Aktivistin und ein Philosoph erklären, warum sie so attraktiv sind und wie wir uns dagegen schützen können.

Ein Zimmer in dezenten Grautönen. Auf einem Schreibtisch liegen ein Laptop, zwei Bleistifte und ein DIN-A4-Block. Dahinter ein Fenster, das den Blick auf die Silhouette einer oberpfälzischen Kleinstadt freigibt. Über ihr strahlend blauer Himmel.

In diesen Himmel zu schauen, hat Anna große Sorgen bereitet. „Ich hab‘ mir immer gedacht, hoffentlich sprühen sie nicht wieder“, flüstert die 23-Jährige. Fünf Jahre hat die junge Frau an Chemtrails geglaubt. Sie war davon überzeugt, dass Flugzeuge nicht einfach nur Kondensstreifen hinter sich herziehen, sondern dass die Pharmaindustrie Gifte ausbringt, um uns krank zu machen. „Ich hatte mit 17 Jahren eine Phase, in der es mir nicht so gut ging“, erinnert sich Anna, die in Wirklichkeit anders heißt. Kopfschmerzen, Müdigkeit, die Trennung ihrer Eltern. All das habe sie belastet. Eigentlich wollte sie nur nach Ursachen für ihre Beschwerden googeln. Über Umwege stieß sie dabei auf eine Webseite über Chemtrails.

In der Blase: aus Interesse tritt Anna einer Facebook-Gruppe bei

Anna klappt den Laptop auf und öffnet eine improvisiert wirkende Seite. Auf dieser wird empfohlen, bei einem „Chemtrail-Fallout“ Aufenthalte im Freien zu vermeiden, heiß zu duschen und sich im Anschluss mit Olivenöl einzureiben. Das erschien Anna nicht sonderlich schlüssig, neugierig wurde sie trotzdem.

Am selben Tag sah sie sich in entsprechenden Facebook-Gruppen um und trat aus Interesse bei. Es dauerte nicht lange, bis der Admin einen Chat mir ihr begann. Bald schrieben sie sich häufiger. Er führte sie weiter in die Chemtrail-Theorie ein. Das habe zwar ihre Ängste geschürt, ihr allerdings auch ein Gegenüber gegeben. Jemanden, der ihr zuhört. Vor Familie und Freunden verheimlichte sie ihre Ansichten. Die würden sie ohnehin nicht verstehen, hat ihr der Admin versichert.

Ende 2018 der Zusammenbruch. Trotz massiver Gegenwehr setzte ihre Mutter durch, dass Anna zu einer Psychologin ging. Deren Diagnose lautete: Angststörung und Depressionen. Die Sache mit den Chemtrails erwähnte sie selbst ihrer Therapeutin gegenüber erst nach Monaten. Seitdem begleitet sie die Fachfrau bei einem wechselhaften Ausstiegsprozess. „Manchmal zweifle ich an meinem Zweifel“, sagt Anna. „Vielleicht sprühen die ja doch.“

Kampf gegen Aluhüte: am Anfang war es Spaß, jetzt ein Projekt

Giulia Silberberger war genervt – von einer Verschwörungstheorie-Gruppe, die ihren Newsfeed in Beschlag nahm. Um die Plage loszuwerden, wurde sie Mitglied, wollte dann schnell wieder austreten und die Beiträge blockieren. Zumindest hatte sie das vor. „Ich bin irgendwie hängengeblieben, hab‘ Leute gefunden und mich mit ihnen ausgetauscht“, erzählt sie. Zunächst hat sie in den Kommentarspalten Witze gerissen und die Verschwörungstheorie-Gläubigen darauf aufmerksam gemacht, wie absurd ihre Gedankenspiele sind.

Aus dem anfänglichen Spaß wurde 2014 ein ernsthaftes Projekt. In diesem Jahr gründete Giulia Silberberger die gemeinnützige Organisation „Der goldene Aluhut“ (dergoldenealuhut.de). Mit ihm engagiert sie sich seitdem gegen Verschwörungstheorien – ideologischen Missbrauch, wie sie es nennt. Sie und ihr Team gehen zum Beispiel an Schulen und helfen Jugendlichen in Sachen Medienkompetenz auf die Sprünge. Zu einem Verschwörungsideologen durchzudringen, sei nahezu unmöglich, vorzubeugen daher entscheidend.

Nazis in Neuschwabenland: „wirklich geiler Scheiß“

Das ist der eine Teil von Giulia Silberbergers Arbeit, der andere ist, einschlägige Verschwörungstheorieforen und -gruppen zu beobachten. Dafür bewegt sie sich mit Fake-Profilen in unterschiedlichen sozialen Netzwerken. Es sei erschütternd, zu sehen, wie manch einer durch einen Schicksalsschlag, wie einen Krankheitsfall in der Familie, über alternative Heilmethoden und die Ablehnung der konventionellen Pharmaindustrie bei der jüdischen Weltverschwörung landen würde.

Jede dieser Theorien sei potenziell gefährlich, trotzdem hätten einige einen hohen Unterhaltungswert. Giulia Silberbergers persönlicher Favorit: Nazis in Neuschwabenland. Anhänger dieser Idee glauben daran, dass die Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg nach Neuschwabenland in der Arktis geflüchtet und ins Innere der Welt eingetreten sind. Dort bestehe das Deutsche Reich fort. „Das ist wirklich geiler Scheiß und wäre eine tolle Vorlage für Science-Fiction-Filme“, meint sie und lacht.

Mit Humor gegen Fake News: wie der Philosoph vorgeht

Mit verqueren Weltanschauungen beschäftigt sich auch Philipp Hübl. Der Philosophieprofessor analysiert in seinem Buch „Bullshit-Resistenz“, warum wir so anfällig für Fake News beziehungsweise Verschwörungstheorien sind, und entwickelt Strategien, wie wir uns dagegen schützen können. Kurzfristige Lösungen sind seines Erachtens Konzentration, gesunder Menschenverstand und Humor.

Wer zum Beispiel eine Falschnachricht satirisch überspitzt, kann die Aufmerksamkeitslogik gegen die Lügner ausspielen. Für langfristige Erfolge rät Philipp Hübl dazu, sich nicht auf das Bauchgefühl zu verlassen. Stattdessen müsse man von einem intuitiven zu einem analytischen Denkstil wechseln. Das bedeutet, nicht zu vereinfachen, sondern zu ertragen, dass die Welt komplex ist. Genau das versucht Anna gerade. Noch fällt es ihr schwer.

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