Cham Das Bärtchen muss ab: Friseursalon landet Marketingcoup gegen Rechts

 Foto: mic

Man muss einfach hinschauen, ob man will oder nicht. Die stechenden Augen, der typische Seitenscheitel, der unverkennbare Oberlippenbart. Den allerdings hat Ursula Gresser, Inhaberin des Boderwerks in Cham, dem Hitler-Konterfei in ihrem Schaufenster schon abgezogen und so dem Diktator ein „Waxing gegen Rechts“ verpasst.

So heißt die Aktion, mit der die Friseurin seit Ende vergangener Woche im wahrsten Sinne des Wortes Gesicht zeigt gegen rechtsradikale Umtriebe im Land. Für jeden Kunden, der eine Rasur, einen neuen Haarschnitt oder eine Waxing-Behandlung machen lässt, spendet der Friseursalon einen Euro an die Organisation Exit, die Aussteigern aus der rechtsradikalen Szene zurück ins Leben hilft.

„Wir glauben, dass jeder etwas tun kann. Gegen eine bestimmte Art zu denken. Oder besser: nicht zu denken“, steht in fetten Lettern auf dem Flyer, der für die Aktion wirbt. „Deshalb tun wir das, was wir am besten können: Die Welt ein bisschen schöner machen“, haben sich die Friseurinnen zum Motto gemacht.

Die Idee für die Aktion und deren Umsetzung stammt von der Münchner Werbeagentur Publicis Pixelpark. „Sie haben jemanden gesucht, der mitmacht“, erzählt Gresser. Und die 28-Jährige hat sich nicht lange bitten lassen. Seit Freitag hängt das markante Plakat im Schaufenster in der Hafnerstraße, Flyer liegen aus. Und Reaktionen ließen auch nicht lange auf sich warten. In der Nacht von Sonntag auf Montag beklebten Unbekannte das Schaufenster mit NPD-Stickern. „Das war zu erwarten“, sagt Gresser gelassen. Sie findet diese Art der Erwiderung eher amüsant. „Das war ein Eigentor für die.“

Ansonsten fällt die Resonanz meist positiv aus. Auf der Facebook-Seite des Friseursalons wird die Aktion regelrecht gefeiert. „Respekt“, „genial“, „so geht friedvoller Widerstand“, kommentieren die Nutzer. Dass dies Wellen auch über die Region hinaus schlägt, damit hatte Gresser nicht gerechnet. Seit Tagen wird sie immer wieder um Interviews gebeten. „Wir waren ganz perplex, wie viel Interesse das geweckt hat“, sagt sie mit fast ungläubigem Staunen.

Allerdings glaube nicht jeder daran, dass es hier hauptsächlich um die Botschaft gegen Rechts geht. Ihr sei auch schon Profitgier unterstellt worden, erzählt die Friseurin. Je mehr Kunden kommen und sich frisieren lassen, desto höher fällt die Spende an Exit aus. Damit wirbt der Salon auch um Kunden. Gresser findet das nicht verwerflich, wehrt sich aber gegen den Vorwurf, ihr gehe es nur um Profit. „Das steht ganz hinten. Wir spenden so oder so, um die Organisation zu unterstützen. Ob neue Kunden dazu kommen oder nicht“, beteuert sie.

Die Aktion wird noch eine Zeit lang laufen. Langsam scheinen sich auch die Passanten an das Hitler-Bild im Schaufenster gewöhnt zu haben. Die meisten laufen einfach daran vorbei, ein paar blicken auf, manche seien auch in den Laden gekommen. Aber vor allem in der ersten halben Stunde, bevor sie den Klebestreifen mit dem Bart vom Plakat abgezogen hatte, seien Leute davor stehengeblieben, erzählt Gresser. Das haarige Detail im Gesicht macht offensichtlich eine Menge aus. Genau darum geht es bei der Aktion: Mit einer kleinen Tat eine große Wirkung erzielen.

 

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