Bezirks-/Landesschülersprecher im Interview Jugend an der Macht: Wir haben uns mit den Schülervertretern Leonie Brandl und Joshua Grasmüller unterhalten

Joshua Grasmüller (18) war vom Schuljahr 2018/19 bis Januar 2021 Koordinator im bayerischen Landesschülerrat, will später ein Studium im Bereich des Katastrophenschutzes beginnen und sich politisch engagieren. Leonie Brandl (17) ist seit diesem Schuljahr erste Bezirksschülersprecherin für die niederbayerischen Gymnasien, will sich später für einen Freiwilligendienst bei United Nations Volunteers bewerben und ein Studium im Bereich Politik/Journalismus beginnen. Foto: privat

Schüler, Vermittler, Eventleiter, Politikberater: Leonie Brandls und Joshua Grasmüllers Aufgaben scheinen endlos. Sie erzählen, wie Schülervertreter arbeiten.

Du warst lange Landesschülersprecher. Was ist das Besondere im Vergleich zur SMV an der Schule?
Joshua Grasmüller: Hier besprechen wir keine praktische Arbeit wie einen Schulball. Auf Landesebene geht es vor allem um Schulrecht. Für mich ist ein großer Erfolg die Gestaltung der Oberstufe im neunjährigen Gymnasium. In zahllosen Sitzungen diskutierten wir mit dem Kultusministerium selbst kleinste Details. Wenn ich einmal Kinder habe, können sie sich auf die letzten Jahre ihres Schullebens freuen!

Das klingt wie wahre Macht …
Joshua Grasmüller: Einmal zog eine spontane Aktion tatsächlich größere Kreise. Ich fuhr in einer überfüllten S-Bahn zur Schule. Es war heiß, die Klimaanlage funktionierte nicht. Dann las ich, dass die S-Bahn München weniger Züge einsetzen will. In meinem Bahn-Ärger verfasste ich eine Pressemitteilung. Wenig später zitierten mich sämtliche großen Münchner Zeitungen. Prompt kam die Einladung von der Deutschen Bahn und vom Münchner Verkehrsverbund für ein Gespräch. Ergebnis: Die Verstärkerzüge wurden nicht gestrichen.

Du hast mit Politikern und Unternehmen gesprochen. War das nicht zu viel für einen Schüler?
Joshua Grasmüller: Mein Schulleiter meinte bei der Vergabe der Abiturzeugnisse, ich sei der Erste, der die Schule im Fernstudium abgeschlossen hat. Ich habe wegen all der Tagungen viele Schulstunden verpasst – und trotzdem alles geschafft. Darauf bin ich stolz. Aber es gab Phasen, in denen ich keinen Bock hatte. Da nahm ich mir eine Auszeit. Echten Frust spürte ich nie. Gerade wenn etwas nicht funktionierte, spornte mich das an.

Blieb dir Zeit für das, was Jugendliche sonst so machen?
Joshua Grasmüller: Ich wusle schon sechs Jahre in diesen Kreisen herum. Mittlerweile sind meine Freunde auch meist die, mit denen ich als Schülervertreter zu tun hatte. Abends nach den Konferenzen hatten wir immer viel Spaß. Da hatte ich meine schlimmsten Morgenstunden!

Wie schränkt die Pandemie die Arbeit der Schülervertreter ein?
Joshua Grasmüller: Um gegenüber der Politik die Interessen der Schüler zu vertreten, war ich oft auf der Zuschauertribüne im Landtag. Der Kontakt zu den Abgeordneten entstand dann im Vorbeigehen. Das war in der vergangenen Zeit nicht möglich – leider. Meiner Meinung nach sind Debatten im Zoom-Meeting nie so konstruktiv wie am Tisch, wo man sich zu fünft gegenübersitzt.

Corona trifft die Schulen besonders hart. Wie läuft es aktuell?

Leonie Brandl: Zwischen Mai und November ist nicht genug passiert. Klar: Es dauert, den Unterricht während einer Krise zu planen. Aber die aktuelle Situation war absehbar. Die Verantwortlichen hätten Worst-Case-Szenarien aufstellen müssen – die seit Ende 2020 eintreten. Wir stehen technisch teilweise am selben Punkt wie im vergangenen Jahr. Aber ich glaube, viele Lehrer haben sich mittlerweile tief eingearbeitet und setzen den Distanzunterricht so gut um wie möglich. Nur wurde keiner dazu ausgebildet. Wir müssen also gemeinsam versuchen, möglichst alle in die digitale Zeit mitzunehmen. Eine gute Kommunikation ist deshalb das wichtigste Werkzeug von uns Schülern. Wir haben unsere eigene Perspektive, die helfen kann, die Probleme zu beurteilen.

Die Informationslage für Schulen während der Pandemie steht in der Kritik. Wie hast du sie erlebt?
Leonie Brandl: Ich kann – vor allem meiner Schule – keinen direkten Vorwurf machen. Aber es stimmt: Wir erhalten Informationen teils wöchentlich von anderen Stellen. Der Umgang mit den Plattformen war lange unklar, die Handhabung der Prüfungen auch. Doch ich muss mich als Schüler auf irgendetwas einstellen. Die Schulleitung hängt oft stundenlang am Hörer und kann nur sagen: „Mia wiss’n ’s a ned!“ Genauso geht es uns im SMV-Team. Immerhin weiß ich nun ungefähr, wie ich mich verhalten kann bei jemandem, der verzweifelt ist und Fragen hat, auf die es keine Antworten gibt.

Mit welchen Zielen gehst du in das kommende Jahr?
Leonie Brandl: Ich will an meiner Schule helfen, Einheit zu schaffen. Sodass alle mit denselben Plattformen und zu denselben Zeiten unterrichten. Auf Bezirksebene möchte ich die Schülersprecher aus Niederbayern bestmöglich informieren, welche Möglichkeiten sie in ihrem Amt haben. Vor Corona organisierten wir Veranstaltungen. Heute müssen wir dafür sorgen, dass der Austausch zwischen den Schulen auch im Lockdown nicht versiegt.

Was macht dir als Schülervertreterin besonders Spaß?
Leonie Brandl: Wenn die Arbeit eines halben Jahres, die unzähligen Mails, Anrufe und Wutausbrüche sich gelohnt haben. So ein Erlebnis war unser Schulball 2019. Ich schloss mich mit einem Mitschüler der Technik-AG zusammen. An was wir alles denken mussten: vom Licht und der Musik über die Location, das Catering und die Security bis zu den richtigen Versicherungen. Aber es hat geklappt. Dann stehen wir auf dem Ball und der Schulleiter sagt, ich soll den Anfangswalzer tanzen. Erst dachte ich: Hilfe! Doch zum Glück ist der Mitschüler von der Technik ein hervorragender Tänzer. In dem Moment war mir klar: Für so was mach ich’s!

Halbstark oder hilfreich: Wie sehen Politiker aus dem Bayerischen Landtag Schülervertreter? Und was sagt ein Professor der Uni Passau dazu? Ihre Stimmen gibt es hier

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