Bewertungen im Internet Nervenzusammenbruch, Depression und zehn Wochen Krankenhaus

Dass derlei Auswüchse nicht nur geschäftsschädigend sein können, das musste Conny Sperger am eigenen Leib erfahren. Die 46-Jährige hat Anfang 2016 gemeinsam mit ihrem Ehemann Anton den Spitalgarten in Regensburg übernommen. Unter widrigen Bedingungen. Der Spitalgarten war zwar bereits seit 33 Jahren eine etablierte Größe in der Regensburger Gastro-Szene. Aber eine Baustelle erschwerte den Neustart für das Ehepaar Sperger. Nach nur wenigen Monaten, etwa zu Beginn der Biergarten-Saison im April, gab's dafür auch schon die Quittung im Internet. Es hagelte nur so negative Kritiken. Der Stein des Anstoßes: Wurstsalat in Weckgläsern. Das stieß etlichen Gästen sauer auf. „Wir haben hier knapp 800 Plätze. Um im Tagesgeschäft die Gäste auch bei vollem Biergarten schnell bedienen zu können, hatten wir uns damals für diese Variante mit den Weckgläsern entschieden“, erinnert sich Conny Sperger.

Ein "Schnitzel-Post" und die Folgen

So kam der Stein ins Rollen und war nicht mehr aufzuhalten. Plötzlich störten sich Gäste an allem Möglichen. Sperger: „Ein Gast postete auf Facebook, dass er aus der Küche nicht gehört hätte, wie der Koch sein bestelltes Schnitzel geklopft hat. Daraus schlussfolgerte er, dass das Schnitzel bei uns gar nicht selbst zubereitet sein kann.“ Ein Trugschluss. „Wir haben bei der Anzahl an Plätzen und Bestellungen gar nicht die Zeit, jedes Schnitzel zu klopfen. Daher erledigt das bei uns eine Metallplatte, die das Schnitzel plättet“, erklärt Conny Sperger. Doch von all dem kriegen die Gäste draußen am Tisch natürlich nichts mit. Und trotzdem finden Spekulationen und Gerüchte unbeirrt ihren Weg ins Internet. Wie sich die 46-Jährige erinnert, hatte der „Schnitzel-Post“ damals innerhalb von nur zwei Stunden knapp 300 Kommentare. Damit einhergehend ein weiteres Phänomen: denn wie die Regensburger Wirtin berichtet, wird heutzutage kaum noch Kritik vor Ort geäußert. Vielmehr wird damit gewartet, bis man vor dem heimischen Rechner sitzt oder man das Lokal verlassen hat, um sich sofort via Handy „an die Arbeit zu machen“.

"Ich habe 20 Kilo in sechs Wochen abgenommen"

Seit 21 Jahren ist Conny Sperger mittlerweile in der Gastronomie tätig, aber was sie im Frühjahr 2016 erleben musste, war ihr bis heute eine Lehre. Damals nahm sie sich die unsachlichen Kritiken derart zu Herzen, dass sie im Mai  einen Nervenzusammenbruch erlitt und starke Depressionen hatte. Zehn Wochen musste sie in einer Klinik verbringen, fünf weitere in der Reha. Das Erlebte setzte ihr derart zu, dass sie innerhalb von nur sechs Wochen 20 Kilo abnahm. „Seitdem schaue ich mir die ganzen Kritiken auf Facebook gar nicht mehr an. Außerdem arbeite ich nur noch tagsüber“, erzählt die 46-Jährige. Lediglich die Kritiken auf Google würde sie einmal pro Woche überprüfen. Dort kann man undifferenzierte Bewertungen zumindest melden. Doch auch das ist meistens ein Schuss in den Ofen, wie Conny Sperger weiß: „Ich habe in der Vergangenheit schon ein paar dieser Kritiken bei Google gemeldet, vom Unternehmen aber nie eine Rückmeldung erhalten.“ Mittlerweile habe sich die Situation aber ohnehin beruhigt und der Spitalgarten wieder Fuß gefasst in der Domstadt.

Wie man negative Bewertungen zu Geld macht

Dass man negative Bewertungen aber auch ins Gegenteil umkehren kann, zeigt das Beispiel von Davide Cerretini, der 2009 ein italienisches Restaurant in Kalifornien eröffnete. Weil er sich weigerte, Werbungen auf dem Bewertungs-Portal Yelp zu schalten, verschwanden positive Bewertungen innerhalb von Stunden. Stehen blieben stattdessen nur die negativen Bewertungen. Das ließ der Restaurant-Inhaber nicht auf sich sitzen und legte sich mit dem Unternehmen an. Dabei griff er zu kuriosen Maßnahmen. Der Küchenchef stellte ein Schild vor seinem Restaurant auf: „Gib uns eine Ein-Stern-Bewertung auf Yelp und du bekommst 25 Prozent Rabatt auf jede Pizza. Beleidige uns auf Yelp.“

Später erhöhte er den Rabatt sogar auf 50 Prozent. Das war nicht nur medienwirksam, sondern schlug ein wie eine Bombe. Immer mehr Gäste schlossen sich an und hinterließen offensichtlich sarkastische negative Bewertungen für das Botto Bistro. Schon bald waren es daraufhin rund 2.000 Ein-Stern-Bewertungen innerhalb kürzester Zeit. Gäste zeigten sich solidarisch und verzichteten sogar auf den Rabatt. Und für den gewieften Gastronom klingelte die Kasse wie nie zuvor.

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