Berufsporträt Neben Papst und Präsidenten: Patrick Strassmanns Alltag als Schweizergardist im Dienst des Papstes

Patrick Strassmann bei seiner Vereidigungsfeier im Mai 2019. Foto: Päpstliche Schweizergarde/Oliver Sittel

Patrick Strassmann dient dem Heiligen Vater als Schweizergardist. Der 21-Jährige balanciert dabei zwischen Extremen: Vatikan und Rom, Kirche und Militär, Shoppinggästen und Staatschefs. So sieht sein Alltag hinter den Mauern des Kirchenstaats aus.

Hier in den vatikanischen Gärten ist es ruhig, doch wenige hundert Meter weiter tost der römische Verkehr. Patrick Strassmann schlendert durch die Parkanlage, als er an einem Vormittag im Januar am Telefon von seinem Leben erzählt. Prächtige Brunnen, große Bäume, viel Grün: Hier geht der gebürtige Schweizer oft spazieren. Vor ihm erhebt sich die Rückseite des Petersdoms. Nur dieser und der Petersplatz davor trennen ihn von Italien, das für ihn Ausland ist. Patrick ist Schweizer und zugleich Staatsbürger des Vatikans.

2019 zog er aus Bütschwil im Kanton St. Gallen in den Zwergstaat, der wie eine Insel mitten in Rom liegt. Patrick schätzt die Geschichte der Stadt. Dennoch erlitt er einen Kulturschock: „Die Straßen haben Risse, es müffelt und ich sehe Obdachlosigkeit“, berichtet er. „Die Schweiz und Italien – das sind zwei verschiedene Welten.“ Die Millionenstadt Rom und der winzige Vatikanstaat auch.

Im Zentrum der Kirche

Patrick ist Teil der Päpstlichen Schweizergarde. Vor 515 Jahren, am 22. Januar 1506, wurde das älteste Militärkorps der Welt gegründet. Papst Julius II. bat schweizer Söldner zu sich, da sie als sehr tapfer und treu galten. Bis heute bestehen traditionelle Regeln. Wer Teil der Garde werden will, muss unter anderem männlich, katholisch, Schweizer sowie mindestens 1,74 Meter groß sein und einen einwandfreien Leumund besitzen.

Diese Voraussetzungen hat Patrick erfüllt. Auch sein Onkel, der seit 2001 als Gardist dient, bestärkte Patrick, sich für die Zeit im Vatikan zu entscheiden. Heute weiß Patrick, wie besonders die Arbeit in der Schaltzentrale der katholischen Kirche ist, in der er den Mächtigsten der Welt begegnet. Dennoch beendet er im März 2021 nach den 26 Pflichtmonaten seinen Dienst. Er will wieder in seinem Beruf als Automobil-Fachmann arbeiten. „Aber die Jahre in der Garde sind eine prägende Erfahrung“, sagt er.

Wache vor dem Vatikan

Patrick bewohnt mit einem Kameraden ein Zimmer der Gardenkaserne. Es ist ein gewöhnliches Zimmer für Jungs Anfang 20, mit Playstation und Fernseher. Doch neben T-Shirts und Pullovern hat er noch spezielle Kleidung: seine Uniformen im farbenfrohen Renaissance-Design.

Passend gekleidet kommt Patrick zum Posten, aktuell oft ans Sankt-Anna-Tor, den Haupteingang des Vatikans. Dort befinden sich ein Postenchef und weitere Hellebardiere. Das sind Soldaten, die eine Hellebarde tragen dürfen, also einen Stab mit axtförmiger Klinge. Beim Wachdienst führen Patrick und seine Kameraden diese Waffen meist nicht mit sich. Sie sind besonderen Anlässen vorbehalten. 

Um Hellebardier zu werden, absolvierte Patrick 2019 die zweimonatige Rekrutenschule. Im Mai 2019 wurde er vereidigt. Das Sankt-Anna-Tor durfte er da noch nicht bewachen. Er hatte zu wenig Erfahrung und gerade erst mit dem Italienischunterricht begonnen.

Schnäppchenjäger am Tor

Inzwischen steht Patrick oft am Haupttor. Und gleichzeitig an einer Nahtstelle. Ohne Pandemie tobt vor ihm die Großstadtenergie, voll mit Gläubigen und Touristen aller Erdteile. Hinter ihm ruht das Zentrum der Weltkirche. Der 21-Jährige steht dazwischen, im Look des 16. Jahrhunderts.

Patrick soll jeden kontrollieren, der die Grenze passieren will. Das sind erstaunlich viele Schnäppchenjäger. Denn der Vatikan erhebt keine Mehrwertsteuer. Und auch im kleinsten Staat der Welt befinden sich Geschäfte. Doch hier können nur Bewohner und Angestellte des Vatikans einkaufen. Will jemand in die Apotheke, muss er ein Attest zeigen. Die Vatikanpolizei stellt zudem sicher, dass sich keiner in die Gärten verirrt. Neben der Schweizergarde verfügt der Kirchenstaat auch über eine Gendarmerie.

Manch einer, der ans Tor kommt, ist verwirrt, hält sich für einen Gesandten Jesu und will den Papst sprechen. Akzeptieren solche Besucher Patricks Zurückweisungen nicht und werden aggressiv, kann er ranghöhere Gardisten sowie die vatikanische oder die italienische Polizei um Hilfe rufen. Für Notfälle befinden sich in seinen Taschen Handschellen und Pfefferspray, welches er aber noch nie benutzen musste.

Teil der Saga des Vatikans

Denn Patricks Hauptaufgabe bleibt die Repräsentation. Die Schweizergarde besitzt zwar Dienstgrade und gehört zum Sicherheitsplan. Doch sie ist nicht vergleichbar mit Armeen wie der Bundeswehr. Viele Hellebardiere tragen keine einsatzbereiten Waffen. Patricks Hellebarde ist nicht scharf. Sein Schwert ist ebenfalls stumpf. Beide zeugen von vergangenen Zeiten – die Patrick mit Leben füllt. Er scheint damit Teil einer Saga zu sein, die der Vatikan von sich erzählt. Einer von Tradition, Mythos und Macht.

Deshalb gehören auch Ehrendienste zu Patricks Arbeitsalltag. Gibt Papst Franziskus eine Generalaudienz, befindet Patrick sich nur wenige Meter entfernt von ihm. Hier kommt seine Hellebarde zum Einsatz. Mit ihr in der Hand steht Patrick bei dieser sogenannten Thronwache wie versteinert da, ohne ein Wort zu sagen oder einen Finger zu bewegen. Während der Pandemie entfallen viele Anlässe für Ehrendienste. Ordnungsdienste wie Ticketkontrollen erübrigen sich meist auch.

Präsidenten, Kanzler und Co.

So ist der Terminkalender des Pontifex leerer. Für gewöhnlich empfangen er und die Kardinäle stets Gäste im Apostolischen Palast. Dort leistet Patrick auch Wach- und Ehrendienste. Präsidenten oder Kanzler gehen vor seinen Augen ein und aus: Religion trifft auf Politik. Und Patrick befindet sich mittendrin – als stumme Randfigur.

Trotz der hohen Besuche ist die Stimmung im Dienst entspannt. Der Papst selbst sorgt dafür. Hat Patrick Glück, marschiert Franziskus an ihm vorbei. „Er wünscht ‚Guten Tag‘ und fragt, wie es mir geht“, schildert Patrick. „Er führt gerne Small Talk mit uns.“

Ein außergewöhnlicher Job

Haben die Gardisten frei, stürzen sie sich – sofern möglich – ins Nachtleben Roms, machen Ausflüge ins Umland und lernen neue Leute kennen.

Auch wenn Patrick nur einer von etwa 80 Hellebardieren der Schweizergarde ist, mit dem Papst plaudern kann und die politische Elite der Welt an ihm vorbeigeht, sieht seine Freizeit so aus wie die vieler anderer Jungs in seinem Alter. Er ist ein ganz normaler 21-Jähriger – mit einem der außergewöhnlichsten Jobs überhaupt.

Weitere Infos zur Päpstlichen Schweizergarde gibt es hier. 

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