Bergwanderung Zu Fuß über die Alpen: Freistunde-Autorin Sophia erlebt hoch oben ein großes Abenteuer

Bilder aus den Bergen: Abends auf der Kemptner Hütte. Foto: Sophia Häns/privat

140 Kilometer, neun Tage, drei Länder. Autorin Sophia Häns überquerte mit ihren Freunden Felix Hüsch und Miriam Denk im August die Alpen. Zu Fuß. Früher hätte sie sich das nie zugetraut. 

DIE IDEE 

Das letzte Mal Wandern in den Alpen ist so lange her, dass ich mich kaum daran erinnere. Grundschulzeit vermutlich. Dreizehn Jahre später ist meine Bergerfahrung noch immer auf Grundschulniveau. Doch seit Corona habe ich mehr Zeit für Sport, außerdem längere Semesterferien. Und durch die Weltgeschichte zu reisen, ist schwierig. Also in die Berge. Wie das gerade alle machen, sagt mein Insta-Feed. Daraus gleich eine Alpenüberquerung zu machen, ist anscheinend nur für uns – Miriam, Felix und mich – eine logische Konsequenz. Die Eltern sind skeptisch, doch die Hütten sind gebucht.

„Mit dem Fahrrad?“, fragen viele, wenn wir von unserem Vorhaben erzählen. Nein, zu Fuß. Mit einem Rucksack, der nicht mehr als zehn Kilo wiegen sollte. Eher acht. Zwei bestehen aus Wasser, das ich in einem Plastikbeutel mit Schlauch am Rücken trage. Von so einem Trinksystem habe ich bisher genauso wenig gehört wie von Hirschtalg-Creme, Pferde-Salbe oder der Wassersäule einer Regenjacke.

Am Abend vorher schauen wir eine Doku über unsere Strecke, den „Europäischen Fernwanderweg E5“. Was wir da sehen, lässt mich in dieser Nacht nicht schlafen. „Da gehen wir nicht lang“, meinen Miriam und Felix. Spoiler: Da gehen wir sehr wohl lang.

DIE TOUR 

Mit dem Zug geht es um 6.25 Uhr nach Oberstdorf. Auf der ersten Etappe zur Kemptner Hütte begleitet uns spontan Julius, ein Freund von Miriam, der in Oberstdorf wohnt. Ein guter Zufall, wie sich noch zeigen wird.

Es ist schon Nachmittag, als wir starten. Der Deutsche Alpenverein empfiehlt, eine Bergtour frühmorgens zu beginnen. Da sei das Gewitterrisiko am geringsten. Eine Stunde später: Gewitter. Dazu ohrenbetäubender Platzregen. Meine Füße schwimmen im Schuh. Der Weg, der sich in einen Bach verwandelt hat, ist kaum einen halben Meter breit, links und rechts teils Dickicht, teils Abgrund. Als die ersten Abschnitte mit Seilen gesichert sind und wir Flüsse überqueren, die es bei gutem Wetter nicht gibt, frage ich mich zum ersten Mal, was ich hier tue.

Durchgefroren, eine kalte Dusche und ein nasser Schlafsack

Zwei Stunden später kann ich kaum mehr gehen. Ich habe starke Schmerzen in der Leiste. Das Gewitter ist vorbei, der Regen nicht. Bei etwa sieben Grad Celsius kommen wir irgendwann bei der Hütte an. Ich war noch nie so nass und durchgefroren. Der Trockenraum wird seinen Zweck nicht erfüllen, egal wie viel Toilettenpapier wir auch in Schuhe und Socken stopfen. Nachdem auch die Dusche kalt ist, stört es fast nicht, dass auch unsere Schlafsäcke nass sind.

Neuneinhalb Stunden schätzt unser Wanderbuch für die nächste Etappe zur Memminger Hütte. Meine Leiste kapituliert schon am Abend vor der Treppe ins Matratzenlager der Hütte. Nach den ersten zwanzig Höhenmetern voller Schmerzen am nächsten Tag muss ich mich entscheiden: Abbruch. Frustriert und enttäuscht gehe ich mit Julius nach Oberstdorf zurück.

Eine heiße Badewanne, massieren, cremen und Käsespätzle helfen mir so weit, dass ich an Tag drei am Bahnhof Richtung Österreich sitze. Hier verabschiedet sich Julius aus unserem Abenteuer. Nach zwei Fahrten mit dem Zug, einer mit BlaBlaCar und einem Stück mit der Seilbahn treffe ich auf der Schihütte Zams wieder auf Felix und Miriam. Denen hat sich mittlerweile Leo, ebenfalls Student in unserem Alter, angeschlossen.

Über den Panoramaweg entlang des Venetberg-Hangs starten wir die nächste Etappe frühmorgens. Es sind über acht Stunden Gehzeit in die Ötztaler Alpen bis zur Braunschweiger Hütte, die höchste unserer Tour auf rund 2 800 Metern. Eine der wenigen Mittagspausen machen wir nach dem Abstieg in Wenns. Für Vegetarier gibt es Kartoffelsalat ohne Bratwurst. Die über 1 000 Höhenmeter zur Hütte klettern wir hauptsächlich. Meine Leiste meldet sich trotz Schmerztablette schon früh. Die Bergziegen, wie ich Felix und Leo nenne, springen mehr, als sie gehen. Durch meine Größe muss ich aber auch doppelt so viele Schritte machen, rede ich mir ein.

Ein grandioser Gletscher-Blick heitert mich auf. Zur Hütte schaffen wir es knapp vor einem Wetterumschwung. Beruhigend, nicht mehr in einem steilen Meer aus Steinen zu sein, von denen man nicht weiß, welcher hält und welcher nicht.

Auf knapp 3 000 Metern kommt der Nebel – samt Regen und Wind

Unser nächstes Ziel: die Talhütte der Regensburger Sektion des Alpenvereins in Zwieselstein. „Die heutige Etappe sollte nur bei wirklich gutem Wetter in Angriff genommen werden“, schreibt der Wanderführer. Wir fragen den Hüttenwirt nach der Prognose. Bis elf Uhr soll das Wetter halten, gerade ist es sieben. Das gefährliche Stück dürften wir bereits nach kurzer Zeit erreichen. Doch kaum sind wir am Pitztaler Jöchl auf 2 996 Metern, kommt der Nebel. Mit ihm seine treuen Begleiter Regen und Wind.

Irgendwie schaffen wir es durch Geröllfelder, steile Steinwände und Schneefelder kriechend und rutschend auf der anderen Seite hinab. Mit der schwindenden Lebensgefahr bessert sich auch meine Laune. Gebannt blicken wir auf das riesige Fels-Massiv, das hinter uns liegt. Nach diesem Abstieg verabschiedet sich Leo. Er geht eine andere Variante des E5.

Stunden später kommen Miriam, Felix und ich erschöpft in Zwieselstein an und fahren direkt mit dem Bus nach Sölden. Miriam braucht neue Wanderschuhe. Bei ihren alten löst sich die Sohle. Die behalten wir aber. Sie werden für mich und meine Blasen in den kommenden Tagen eine angenehme Alternative sein.

Die längste Wanderung, zehn Stunden, führt uns an Tag sechs in das Bergdorf Moos im Passeiertal. Morgen für Morgen das gleiche Schema: früh aufstehen, den Rucksack nach bewährtem System packen, loslaufen.

Kaum in Italien bilden sich Blasen auf den Blasen

Zunächst: über 1 000 Höhenmeter zum Timmelsjoch. Oben: Nebel, Wind und Regen. Und: Italien. Kaum dort, reißt der Himmel für den Abstieg auf und die Murmeltiere pfeifen. Nach sieben Stunden und 1 600 Höhenmetern weniger erreichen wir Moos. Endlich. Ich habe Blasen auf meinen Blasen. Eine heiße Dusche und eine Pizza später hört man nur noch tiefe Atemzüge. Um halb neun habe ich schon lange nicht mehr geschlafen.

Die Tage sieben und acht sind kürzer. In je drei Stunden wandern wir auf die Pfandler Alm und zur Hirzer Hütte.

Mit den Aufstiegen haben meine Leiste und ich bis zum Schluss zu kämpfen. Besonders am letzten Tag. Der Weg zum Hirzer Kar geht nur bergauf. Immer die gleiche Bewegung, die so schmerzt. Ich kann meine Tränen nicht mehr halten. Nicht nur wegen der Schmerzen. Auch aus Trotz und Erschöpfung. Endlich oben sind die Tränen getrocknet. Ich grinse, denn ich weiß: Das war der letzte Anstieg. Und ich fühle etwas stärkeres: Stolz.

Nach den wenigen noch fehlenden Kilometern bringt uns eine Seilbahn nach Meran und somit fast direkt ins warme Wasser der Therme.

DAS FAZIT 

Noch eine Woche später trage ich ausschließlich offene Schuhe. Ein Zehennagel ist blau. Sport mache ich barfuß und die Haut auf meiner Nase schält sich zum zweiten Mal. Unsere Alpenüberquerung war gefährlich, hin und wieder riskant und wir waren wahrscheinlich naiv. Aber sie war eines meiner größten und schönsten Abenteuer.

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