Benediktbeuern Blick hinter die Kulissen des Leonhardiritts im Klosterdorf

Prächtig herausgeputzt sind die Rösser und Reiter beim Leonhardiritt in Benediktbeuern. Foto: Dieter Warnick

Leben im Tölzer Land bedeutet für die meisten Menschen Traditionen hochhalten (und nicht nur davon reden), Brauchtum pflegen (und nicht nur bestaunen), alte Sitten hüten sowie uralte Gepflogenheiten bewahren (und sie nicht nur genießen). Im Tölzer Land, speziell in der Stadt Bad Tölz, ist die bedeutendste Pferdewallfahrt zuhause. Aus diesem Grund wurde der Leonhardiritt im Juli 2016 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO in Bayern anerkannt.

Zu Ehren von St. Leonhard, dem Ross- und Viehpatron, finden jedes Jahr im Herbst festliche Umzüge mit Reitergruppen, Pferdegespannen, Hufeklappern und Glockengeläut statt. Die Ursprünge der Leonhardifahrt in Benediktbeuern liegen wahrscheinlich im Stephaniritt im 17. Jahrhundert. Im Laufe der Zeit ging die Verehrung von Stephanus auf Leonhard als Hauptperson der Rösser über. Mit der Säkularisation endete die Tradition vorerst und wurde 1881 wieder aufgenommen, mit Ausnahme der Kriegsjahre 1941 und 1944 jedes Jahr.

Am ersten Sonntag im November steigt der Ritt

Nur noch knapp zwei Wochen sind es, bis am Sonntag, 3. November, in Benediktbeuern der 138. Leonhardiritt steigt. Deshalb laufen die Vorbereitungen an den Gerätschaften wie Motiv-, Truhen- und Tafelwagen und den Pferden. Alles wird aufwendig geschmückt, dekoriert und verziert. Natürlich putzen sich hierfür die Teilnehmer ebenfalls heraus. Denn zu so einem Festtag ist es eine Selbstverständlichkeit das Beste aus dem Schrank zu holen, was dort hängt - die Tracht. "Leonhardiritt und ein Trachtengwand," so beschreibt es ein Einheimischer, "gehören genauso zusammen wie ein Paar Weißwürste und ein Weißbier."

Ein Blick hinter die Kulissen im letzten Jahr gibt einen Einblick, mit wie viel Herzblut Teilnehmer und Beteiligte bei der Sache sind. Zum Beispiel auf dem Hof von Peter Sonner in Benediktbeuern, dem Geigerhof: Mit großem Eifer wird der Motivwagen mit dem Titel "Abendläuten", auf dem die Enkel und Enkelinnen des Bauern Platz nehmen werden, hergerichtet. Alle drei Generationen des Geigerhofs legen Hand an. Auch an den Wagen der Gebirgsschützenkompanie, den der Geigerbauer persönlich zur Verfügung stellt.

Die vier Pferde je Gespann werden am Vortag des Rittes auf Hochglanz gebracht, immer und immer wieder mit lauwarmem Wasser abgespritzt, mit einer Bürste geputzt und gestriegelt, der Schweif geflochten und mit einem kleinen Blumengebinde dekoriert. "Bergfee" hat die Ruhe weg und lässt die Prozedur mit stoischer Ruhe geduldig über sich ergehen. Ein süddeutsches Kaltblut, das nichts erschüttert.

Bauer Peter Sonner ist auch die Gelassenheit in Person. Es ist ja nicht seine erste Pferdewallfahrt. Er weiß nur zu gut, wie es ist und was noch zu tun ist, in den letzten Stunden vor dem Start. Um 4.30 Uhr wird der Wecker klingeln. Danach werden die Pferde angespannt und sich allmählich auf den Weg gemacht zum Treffpunkt, ehe es zum Geläut der Kirchenglocken, um Punkt 9 Uhr, losgeht.

Die Gespannlenker verrichten Schwerstarbeit

Auf einem der vier Pferde zu sitzen, die einen Wagen ziehen, das ist Schwerstarbeit. Um ein Gespann zu steuern und in der Spur zu halten, braucht es viel Kraft. Die Tiere sind nervös, mitunter scheuen sie. Konzentration in jeder Sekunde ist ebenso gefragt. Peter Sonner schafft das nicht mehr: "Die langen Jahre hier als Bauer auf dem Hof, die Feldarbeit und die Arbeit mit den Tieren, das macht sich körperlich jetzt bemerkbar."

Mittlerweile ist der Geigerbauer als "Brettlhupfer" unterwegs. So nennt man den, der auf einem Trittbrett an der Wagenrückseite steht. Dieser hat eine wichtige Funktion: Er muss, wenn es nötig ist, herunterspringen und den Wagen mit speziellen Holzblöcken abbremsen.

Auch Evi Sziedat nimmt am Leonhardiritt teil, im Motivwagen "Jungfrauen in Tracht" - einer von 48 Wägen. Die Friseurmeisterin sitzt am Vorabend in ihrem Dirndl, das sie beim Ritt tragen wird, im Salon und lässt sich von ihrer Mutter Sabine das Haupthaar richten. Jede Leonhardifrisur muss zur Kopfbedeckung, ob Hut, Haube, Krönchen, Kral oder Schifferl, passen. Das Haar wird oben streng nach hinten gekämmt, seitlich wird es geflochten. Da muss jeder Handgriff sitzen. Mutter Sabine ist Profi, und hat in 20 Minuten ihre Tochter soweit "präpariert", dass der Ritt schon jetzt beginnen könnte. Doch bis zum Start muss sie noch einiges vorbereiten. Heißt im Klartext: Die selbst gebackenen Plätzchen, die es während des Ritts zu verzehren gibt, in Dosen zu verstauen, den Speck, den sie während des Ritts verteilt, in kleine Streifen zu schneiden.

Auch das Festtags-Dirndl muss nach einer sehr kurzen Nacht so ausstaffiert werden, dass es an nichts fehlt. Vor allem das Dekolleté muss sitzen: Sie schmückt es mit Gemüsespargel. Ein bunter Blumengruß darf auch nicht fehlen.

Kinder verfolgen alles mit großen Augen

Um Punkt 9 Uhr setzt sich am nächsten Tag der Festzug von der Ortsmitte aus langsam in Bewegung. Die zahlreichen Zuschauer entlang der Strecke sind gespannt auf das, was kommt. Kinder verfolgen das Geschehen mit großen Augen. Alle tragen Tracht.

Die fast 50 Wagen, 200 Pferde und 500 Teilnehmer haben schon frühzeitig Aufstellung genommen. Als Erstes kommt der Vorreiter mit Standarte, ihm folgen die Wagen der Klostergeistlichkeit, der Gebirgsschützenkompanie, der Musikvereinskapelle, der Ministranten sowie der Wagen mit Mitgliedern des Gemeinderates und der Kirchenverwaltung. Danach kommt das "gemeine" Volk. Immer mehr Zuschauer säumen den Weg. Nach etwa einer Stunde ist der Innenhof des Klosters erreicht, in dem eine der bedeutendsten Leonhardi-Säulen Bayerns in den Himmel ragt.

Pause: Alle Wagen und Teilnehmer haben ihr Zwischenziel erreicht. In der Basilika findet ein Wallfahrtsgottesdienst statt und die Pferde erhalten durch Klosterdirektor Pater Lothar Bily den Segen. In der Zwischenzeit kommt Stimmung auf, Volksfestatmosphäre herrscht. Stände mit Wiener Würstchen und Weißwürsten gibt es genügend, auch Bier ist reichlich da. Die Damen, die auf dem Wagen sitzengeblieben sind, schäkern mit den Männern und unterstreichen dies durch das Anbieten des einen oder anderen hochprozentigen Getränks. Die Frauen, die zu Fuß unterwegs sind, sind diesbezüglich ebenfalls bestens ausgerüstet. Wer ein Schnäpschen ablehnt, wird gern als "Anfänger" tituliert. Der Spaß darf nicht zu kurz kommen, genötigt wird niemand. Nach etwa 90 Minuten macht sich der Tross wieder auf den Weg. Alle Teilnehmer verlassen den Klosterinnenhof und begeben sich zum Dorfplatz, der gleichzeitig Startort war. Dort kommt es zum "Goaßlschnalzn", dem althergebrachten Peitschenknallen der Fuhrleute. Feierlicher Ausklang des Festtages ist der abendliche Leonharditanz.

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