Bayern Gedenkstätten für Nazi-Verbrechen sanieren und erweitern

In der KZ-Gedenkstätte Dachau wird das rekonstruierte Tor "Arbeit macht Frei" montiert. Foto: picture alliance/Peter Kneffel/dpa/Archivbild Foto: dpa

München (dpa/lby) - Die bayerischen Gedenkstätten für die Gräueltaten der Nationalsozialisten sollen in den kommenden Jahren umfassend überarbeitet und teilweise auch erweitert werden. Dies sieht das am Dienstag vom Kabinett in München beschlossene Gesamtkonzept zur Erinnerungskultur vor. "Es steht generell eine Zäsur an, weil uns die Zeitzeugen langsam verloren gehen", sagte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Es sei daher wichtig, ein neues Gesamtkonzept zu ermöglichen, welches weiter erlaube, Lehren aus dem "beispiellosen Zivilisationsbruch" zu ziehen.

Laut Piazolo ist der konkrete Kostenrahmen für die verschiedenen Projekte noch nicht absehbar - Piazolo nannte als erste Schätzung rund 200 Millionen Euro. "Dies ist ein epochaler Durchbruch für die Erinnerungskultur in Bayern, insbesondere für die Opferorte", sagte der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller.

Das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft jähre sich 2020 zum 75. Mal, sagte Piazolo. Aus diesem Grund sei es wichtig, sofern möglich, die Nachkommen von Zeitzeugen der damaligen Zeit aktiv in die Erinnerungsarbeit einzubinden. Es sei aber klar, "wir können die Zeitzeugen nicht eins zu eins ersetzen."

Jedes Jahr würden Millionen Menschen aus aller Welt, darunter viele Schulklassen, die Gedenkstätten besuchen. Daher sei es auch nicht verwunderlich, dass viele der Einrichtungen bauliche Mängel aufweisen würden. "Wir wollen hier den Bund an unserer Seite haben, nicht nur finanziell sondern auch inhaltlich", sagte Piazolo. Bis wann die Arbeiten alle abgeschlossen würden, sei ebenfalls nicht absehbar. Der Gesamtplan werde sicher mindestens ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen.

Von besonderem Interesse für die Weltöffentlichkeit sei die KZ-Gedenkstätte Dachau als zentraler Opferort, sagte Piazolo. Mit der Neugestaltung der Ausstellungen, Maßnahmen der Sanierung und unter Einbezug bislang nicht berücksichtigter Teile des historischen Areals soll ein europäischer Gedenk- und Erinnerungsort entstehen, an dem die Gesamtgeschichte der Konzentrationslager in einzigartiger Weise aufgearbeitet und ihrer Opfer gedacht wird.

An der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg sei unter anderem ein Ausbau der Kooperation mit der Universität Regensburg geplant. Auf dem Gelände sollen zudem bedeutende Teile des historischen Lagerbereichs wie etwa der Steinbruch für die Gedenkstättenarbeit weiterentwickelt werden. Auch in den ehemaligen KZ-Außenlagern wie Landsberg/Kaufering und Mühldorf würden bestehende Einrichtungen weiter erschlossen.

Für Nürnberg sieht das Konzept eine Erneuerung des dortigen Dokumentationszentrums und umfangreiche Erhaltungsmaßnahmen an der Zeppelintribüne und auf dem Zeppelinfeld vor, finanziert von der Stadt Nürnberg, dem Freistaat und dem Bund. Auch für das Memorium Nürnberger Prozesse ist die erweiterte Überarbeitung der Dauerausstellung geplant. Dank des Neubaus eines Sitzungssaalgebäudes für die Strafjustiz des Landgerichts Nürnberg-Fürth (Eröffnung voraussichtlich März 2020) könne der historische Saal 600, in dem von 1945 bis 1949 Nürnberger NS-Prozesse stattfanden, künftig vollständig für die Ausstellung genutzt werden.

Bayern stärke, so Piazolo, zudem die Projekte der internationalen Bildungszusammenarbeit. Vor allem junge Menschen sollten nicht nur etwas über die europäische Dimension der NS-Verbrechen erfahren, sondern auch die Antworten des demokratischen und freiheitlichen Europas auf die Geschichte. Die Zusammenarbeit mit Israel, Frankreich, Tschechien und Österreich solle daher mit Blick auf Schulbesuche von KZ-Gedenkstätten mit internationaler Perspektive weiter vertieft werden.

Nach der Kritik des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zum schlechten Benehmen von jungen KZ-Besuchern, setzt Piazolo weiter auf Aufklärung. Lehrer müssten hier anders als früher schon mehr Aufklärung leisten, weil in vielen Familien nicht mehr viel über die Nazi-Verbrechen gesprochen werde. Er habe den Eindruck, dass sich die Mehrheit der Schüler gut benehme. Schuster und die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, hatten kritisiert, dass Schüler in den Lagern unangemessene Fotos oder "nazistische Aussagen" machten.

 

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