Bärnau Das Mittelalter hautnah erleben

Weben, ratschen und einfache Kleidung - so hat das Leben in Mittelalter vermutlich ausgesehen. Foto: Geschichtspark
Weben, ratschen und einfache Kleidung - so hat das Leben in Mittelalter vermutlich ausgesehen. Foto: Geschichtspark

Schon der hohe, roh gefügte, massive Palisadenzaun aus Holzstämmen macht neugierig. Was dann aber Alfred Wolf erzählt, rückt das Mittelalter ein ganzes Stück näher ans Handyzeitalter.

Man duckt sich in ein halb im Boden versenktes Grubenhaus und stellt sich vor: schlafen, kochen, arbeiten auf kleinstem Raum, eine ganze Familie, die im tiefen Winter nicht viel vor die Tür kann, karges Essen. Der Rauch vom offenen Feuer in der Ecke brennt in der Lunge - "ein Leben von und mit der Natur" wie es Alfred Wolf beschreibt "im Winter wohl eher ein Winterschlaf". Wir sind unterwegs im Geschichtspark Bärnau-Tachov in Bärnau. Irgendwie ist es passend, dass die älteste und kleinste Stadt des Stiftlandes im Oberpfälzer Wald auch eine Zeitreise in eine weit zurückliegende Epoche ermöglicht: das Mittelalter.

Die Zeit zwischen Antike und Neuzeit ist beliebter Tummelplatz in Romanen, lieblich verklärt oder mit schaurigen rohe Sitten. Auch in wissenschaftlichen Diskussionen unterscheiden sich die Meinungen über diese Zeit durchaus. In Bärnau geht man der Sache auf den Grund. Hier ist in den letzten acht Jahren in liebevoller Arbeit vieler Mittelalterfreunde das größte archäologische Freilandmuseum Deutschlands entstanden. Einem Museum entsprechend basieren hier nicht nur die Rekonstruktionen der Gebäude, sondern auch die Ausstattung der ehrenamtlichen Darsteller auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Verein Via Carolina Goldene Straße betreibt den Park, zeigt belebte Geschichte vom 9. bis 14. Jahrhundert und hat rund 650 Mitglieder.

So hat eine Gruppe älterer Handwerker monatelang zusammengearbeitet, um eine Holzkirche in Stabbauweise zu errichten. Gut dass ein 70-jähriger Zimmermann noch wusste, wie man einen Dachstuhl ohne Computer entwirft. So leer einem diese kleine Holzkirche auch erscheinen mag, wenn man daran erinnert wird, dass hier jeder Balken nur mit Hand und mittelalterlichem Werkzeug bearbeitet wurde, stellt sich Ehrfurcht ein. Die Menschen standen vor über 1.000 Jahren auf gestampftem Erdboden. Für was sie wohl gebetet haben?

"Natürlich bauen wir hier nach Idealvorstellungen. Schließlich sind nicht alle Details rekonstruierbar", räumt Alfred Wolf ein. Aus der mittelalterlichen Asche der Ausgrabung konnten Archäologen damals sogar Nahrungsreste rekonstruieren. Dieses Wissen wird in Bärnau wieder real umgesetzt.

Wie im Mittelalter leben

In fast jedem Haus spannt sich ein geschwärztes Fell über die Feuerstelle. Es schützt dass Reetdach vor Funkenflug. Darüber hinaus ist es auch ein Beweis dafür, dass hier im Park wirklich mittelalterliches Leben nachgestellt wird. Mittelalterfans beleben als ehrenamtliche Darsteller in historischer Kleidung und Lebensweise die Häuser. Sie weben, kochen, schnitzen und sind jederzeit bereit die zahlreichen Fragen der Besucher zu beantworten. Nebenbei geht es um alltägliche Sorgen und Freuden und immer wieder um Neuigkeiten aus der Mittelalterszene. So sorgt die Nachricht von der Besetzung der neuen Stelle für Museumspädagogik für Freude. "Julia Gräf kenn' ich, die ist da richtig gut. Sie hat tolle Ideen für die Kinder."

Denn auch die Kinder, sind hier mit Feuereifer dabei. Sie verbringen die Tage ohne Strom und technisches Spielzeug im Museum und haben mit vielen Spielgefährten sichtlich Spaß am einfachen Leben. Auch ihr Brot kann im Lehmofen in sicherer Entfernung von den Häusern gebacken werden. Ihr Geschirr wird getöpfert und erhält im sogenannten Grubenbrand seine Belastbarkeit. "Wir achten darauf, dass Töpfe und Krüge oder auch Babywiegen und Stühle in Handarbeit ohne modernes Werkzeug hergestellt werden", erklärt Wolf.

Hildegard-Kräutergarten

Neben einem hochmittelalterlichen Bauernhaus liegt ein Wirtschaftsgarten, in dem - nach Pollenfunden von Forschern - Pflanzen für einen Hildegard-Garten angebaut werden. Mit dem überlieferten Wissen der Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert gelebt hat, gärtnern die Darsteller und bereichern wie damals die historisch karge Küche mit Kräutern, die im Mittelalter anstelle von Salz zum Würzen des Getreidebreis verwendet wurden. Zum Thema bietet Andrea Wolf Kräuterführungen an.

Schon fast als Luxus erscheint die Heizung im nächsten frühmittelalterlichen Haus: Ein Vorgänger des Kachelofens steht hier. Alfred Wolf erzählt dabei, dass beim Beheizen des ersten Grubenhauses sich das Hausinnere mit Rauch füllte. Die kleinen Abzugslöcher unter der Decke, die Eulenlöcher hätten ihre Funktion nicht erfüllt, weil man sie in der falschen Himmelsrichtung ungeachtet des Windes eingebaut hatte. Schließlich kam man auf die Idee, einen halben Zwischenboden unter der Decke einzuziehen und siehe da, die Probleme waren behoben: "Das ist experimentelle Archäologie in Reinstform", schwärmt er.

Aus dem Frühmittelalter stammt ein Langhaus, das im Original an der Ostsee stand. Es ist die größte Rekonstruktion eines mittelalterlichen slawischen Gebäudes in Europa. Solche Bauten standen in bedeutenden Orten und dienten als Wohnung, Versammlungsort und auch zur Repräsentation. Weiter geht es zum heidnischen Kultplatz und zur hochmittelalterlichen Siedlung mit einer gemütlichen Herberge des 13. Jahrhunderts.

Motte mit Aussicht

Das auffälligste Gebäude ist die Turmhügelburg in der Mitte des Geschichtsparks. Auf einem fünf Meter hohen Hügel steht das Wahrzeichen des Museums. Es ist von Darstellungen auf dem Teppich von Bayeux abgeleitet. Vom französischen "Chateau sur la motte" - Burg auf dem Hügel hat es seinen Namen. Der Holzturm trägt eine Kampfplattform, auf der ein einziger Bogenschütze zahlreiche Angreifer abwehren konnte. "In einem nachgestellten Kampf mit echten Waffen haben wir dies schon eindrucksvoll erlebt", schildert Wolf.

Man sieht von dort oben auf das Dorf, die Niederungen der Waldnaab - und weit in die Tschechei hinein. Fast direkt an der Grenze ist es selbstverständlich für den Verein, dass hier alles zweisprachig deutsch und tschechisch passiert. Im Mittelalter befand sich Bärnau inmitten einer mehrere Kilometer breiten, vielbefahrenen Grenzmark. Das Gebiet liegt direkt auf der Via Carolina von Nürnberg nach Prag.

Burg im Kleinformat

Das neueste Projekt im Museum ist ein ganz besonderes: Auf einer Dauerbaustelle des 14. Jahrhunderts wird in den nächsten zwanzig Jahren eine Reisestation von Kaiser Karl IV. nachgebaut. Auf einer Fläche von 20 auf 30 Metern entsteht ein mauerumwehrter Herrenhof. Warum das so lange dauert? Die Burg soll mit möglichst originalgetreuen mittelalterlichen Werkzeugen und der damals üblichen Arbeitsweise Mauer um Mauer erbaut werden.

In diesem Frühjahr wurden schon viele bautechnische Voraussetzungen geschaffen. So sind Sägewerk, Zimmermannshütte, Steinmetzplatz, Kalkbrennofen, Steinbruch und die Wegeführung bereits fertig. Ende März hatten viele Freiwillige in historischer Kleidung ein Fundament für die ersten beiden Gebäude gegraben. Mit Holzspaten hoben sie 1,50 Meter tiefe Gräben aus.

Historisches Marktspektakel

Zahlreiche Führungen und Veranstaltungen werden von April bis Oktober angeboten. Ein Höhepunkt ist alle zwei Jahre das große "Historische Marktspectaculum mit Ritterturnier", das heuer vom Freitag, 15., bis Sonntag, 17. Juni, stattfindet. An diesen Aktionstagen erlebt man das Mittelalter in voller Pracht, wenn auch weniger wissenschaftlich als im Museum. Handwerk und Tierwelt, Ritterfeste und Markttage und im Geschichtspark verrichten mehr Darsteller als üblich in historischer Kleidung altes Hand- und Hauswerk. Ein Ritterlager mit 500 Gewandeten und 200 Zelten aus Deutschland, Ungarn und Tschechien wird aufgebaut. Auf mehreren Bühnen machen "Cultus Ferox" und "Amici Musicae Antiquae" Mittelaltermusik. Feuershows, Puppentheater, Gaukler, Artisten und Jongleuren sorgen für Abwechslung und Unterhaltung. Auch in der Bärnauer Altstadt verwandelt sich der Marktplatz in ein Mittelalterareal. Auf dem Vorplatz des Geschichtsparks wird am Freitagabend das große Abendritterturnier mit Feuer, Schwert und Lanze zu Ehren "Kaiser Ludwig dem Bayern" veranstaltet. Auch an den Nachmittagen des Wochenendes geben sich Lanzenreiter und die oberen Stände die Ehre.

Weitere Informationen:

Geschichtspark Bärnau-Tachov, Naaber Str. 5b, 95671 Bärnau, info@geschichtspark.de, www.geschichtspark.de; Öffnungszeiten: 25. März bis 4. November, Dienstag - Sonntag 10- 18 Uhr, montags nur an Feiertagen; Gruppenführungen ab fünf Personen.

 

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