Interview zum 75. Geburtstag Wenn Kahn Bayern-Vorstand wird, gibt Sepp Maier sein Comeback

"Hauptsache gesund bleiben und eine Gaudi haben. Dann werde ich gern 100", ist Sepp Maiers Lebensmotto. Foto: dpa

Im Interview mit der Abendzeitung München zu seinem 75. Geburtstag spricht Bayerns Torhüter-Legende Sepp Maier über seine Kindheit, Lebensretter Uli Hoeneß, seine Ausbootung durch Klinsmann und den Fußball heute.

Der ehemalige Torhüter wird am Donnerstag 75. Mit dem FC Bayern gewann er je viermal die Meisterschaft und den Pokal und drei Mal den Europapokal der Landesmeister. Im Nationaltrikot wurde er 1972 Europameister und 1974 Weltmeister. Von 1994 bis 2008 war er Torwarttrainer beim FC Bayern, von 1988 bis 2004 Torwarttrainer der DFB-Elf.

Herr Maier, vor einigen Tagen sagten Sie, jetzt mit 75 hätten Sie erst drei Viertel hinter sich. Wollen Sie wirklich 100 werden?
Sepp Maier: Logisch. Ich hab’s zumindest vor. Mir gefällt das Leben, ich hab noch immer eine große Gaudi und mit meiner Frau Monika eine Partnerin, mit der ich mich in unseren 30 Jahren noch nie gestritten hab. Ein großes Glück. Und wenn ich mit 75 noch immer sagen kann, dass mich das Leben freut, warum sollt’s nicht bis zum Hunderter so weitergehen?

Eine rauschende Party wird es aber nicht geben?
Maier: Nein. Ich bin mit meiner Frau in Südtirol, das wird ein ruhiger Tag. Groß gefeiert habe ich meinen Geburtstag noch nie.

Auch als Kind nicht?
Maier: Was wir gefeiert haben, war der Namenstag, das war bei uns im katholischen Bayern viel mehr wert. Aber viel Geschenke hat’s nicht gegeben. Wir haben auch nicht viel gebraucht. Ein Radl und einen Fußball, das hat gereicht. Und einmal im Monat ins Kino. Wir haben nichts vermisst.

Eine glückliche Kindheit?
Maier: Und wie. Außer freitags, da hat es immer Tomatensoße mit Nudeln gegeben, und das hab ich immer ganz gräuslich gefunden. Meine Eltern waren fröhliche, lustige Menschen. Sicher, ich hab mir schon jeden Tag meine zwei, drei Watschn bei der Mutter abgeholt, die war recht schnell mit der Hand. Heute würde man aufschreien und sagen: Kindsmisshandlung. Aber wenn ich ehrlich bin, geschadet hat’s mir nicht.

Sprechen wir von persönlichen Bindungen im Fußball. Als Sie zum FC Bayern kamen, bildeten Sie mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller bald die legendäre Achse, wie eng befreundet waren Sie privat?
Maier: Der Gerd war recht zurückgezogen. Aber mit dem Franz war ich viel unterwegs. Wenn ich da nur an unsere Faschingsdienstage denke... Nach dem Training sind wir immer in die Stadt. Rein ins Getümmel, den ganzen Tag, abends ins Weinhaus Neuner und hinterher noch in den Nachtclub Moulin Rouge. Und von dort dann wieder am Aschermittwoch um 9 in der Früh direkt zum Training an die Säbener.

Noch im Kostüm?
Maier: Nein, kein Kostüm, wir hatten nur Pappnasen auf und ein bisserl Schminke. Der Udo Lattek hat dann einmal gesagt: „Von daheim kommt Ihr aber nicht.“ Und wir haben ihm geantwortet: „Trainer, da könnten Sie fast recht haben.“ Und dann waren wir aber gleich mit 100 Prozent Einsatz da und haben das Spiel am nächsten Samstag eh wieder gewonnen.

Sie haben viele Spiele und Titel gewonnen, alles lief leicht, bis zu Ihrem Autounfall am 14. Juli 1979, der Tag, der auch Ihre Laufbahn beendete.
Maier: Nach der schlechten WM 1978 wollte ich noch die EM 1980 mitnehmen und die WM 1982. Aber in der Zeit war ich etwas leichtsinnig, liederlich, dachte mir, einem wie mir passiert doch nix. Ich hab noch die Autofahrer belächelt, die bei dem sintflutartigen Wolkenbruch rechts ran sind. Ich bin weitergefahren. Und dann bin ich ins Schleudern gekommen.

Sie kollidierten mit einem entgegenkommenden Auto, die beiden Insassinnen erlitten schwere Verletzungen, so wie Sie auch.
Maier: Dass ich überlebt habe, hab ich dem Uli Hoeneß zu verdanken. Der Uli hat mir die richtigen Experten besorgt. Die haben festgestellt, dass mein Körper schon mit drei Liter Blut vollgelaufen war. Im letzten Moment haben sie mich operiert, sechs Stunden lang aufgeschnitten. Ich hab ein Riesenmassel gehabt. Ich hatte eine Versicherung gegen Spielunfähigkeit, dann hab ich die Million genommen und aufgehört.

Aufhören mussten Sie 2004 auch als Torwarttrainer beim DFB, als Sie während der Länderspielreise in den Iran von den Medien erfuhren, dass Jürgen Klinsmann Sie gefeuert hatte. Die schlimmste Demütigung Ihres Lebens?
Maier: Es war einfach nur link. Ich kannte den Jürgen gut. Von der WM 1990, der EM 1996, seinen zwei Jahren bei Bayern. Wir waren bei der Reise die ganze Zeit zusammen, auch beim Essen am Tisch, aber er hat nix gesagt. Und dann kommt nach dem Spiel in Teheran ein ZDF-Reporter zu mir und sagt, dass ich nicht mehr dabei bin. Ich hab’s nicht glauben können und erst gedacht, ob heut der 1. April ist.

Sie hatten sich damals bei der Frage nach der Nummer eins im DFB-Tor klar pro Oliver Kahn positioniert. Jetzt soll Kahn 2020 als Nachfolger von Karl-Heinz Rummenigge als Vorstandsboss bei den Bayern installiert werden. Trauen Sie ihm das zu?
Maier: Absolut. Das würde ich nur begrüßen. Er kennt sich aus im Management, ist intelligent und vernetzt und bringt alle Eigenschaften mit. Wenn der Olli kommt, gebe ich auch wieder mein Comeback. Als Torwarttrainer. Oder als Torwarttrainerratgeber. Noch besser.

Ein anderer Weggefährte von Ihnen ist bei den Bayern zur Persona non grata erklärt worden: Paul Breitner, der laut Dekret von Uli Hoeneß nicht mehr auf die Ehrentribüne darf. Haben Sie die Verbannung verstanden?
Maier: Ich hab das übertrieben gefunden. Der Paul hat sich ja nicht als Einziger aufgeregt über die berühmte Pressekonferenz, die ja wirklich nicht glücklich gelaufen ist. Ich halt mich da zurück, finde aber auch, dass sie das so nicht hätten machen dürfen. Der Uli und der Kalle hätten da doch drüberstehen müssen. Sie können doch nicht verlangen, wenn die Bayern schlecht spielen, dass die Presse gut drüber schreibt. Das ist ziemlich schlecht gelaufen. Für die Bayern hingegen läuft es ja wieder ganz gut, das Meisterrennen ist wieder offen. Natürlich werden sie wieder Meister. Dann vielleicht mal nicht mit 14 Punkten Vorsprung, sondern nur mit zwei. Das hab ich auch schon gesagt, als Dortmund neun Punkte vorn war.

Würde es Sie reizen, mit diesen Rahmenbedingungen heute Fußballprofi zu sein?
Maier: Finanziell sicher. Sonst nicht. Fußball ist nicht mehr echt, sondern zu einem Theater geworden, einer Show. Früher hat es das nicht gegeben, dass die Übertragung drei Stunden vorher losgeht und neben der Eckfahne ein Tisch aufgestellt wird, an dem vier Experten auf einem Barhocker sitzen. Ja, wer schaut sich das denn an? Fußball ist eine aufgeblähte Blase geworden, es kann doch nicht sein, dass ein Spieler 222 Millionen Euro kostet. Irgendwann wird die Blase platzen, ganz sicher.

Was wünschen Sie sich jetzt für das letzte Lebensviertel?
Maier: Dass ich mich weiter viel bewege, zum Golfen gehen kann und in die Berge. Hauptsache gesund bleiben und eine Gaudi haben. Dann werde ich gern 100.

 

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