Kult-Trainer Wettberg: "Die totale Katastrophe abwenden"

, aktualisiert am 23.05.2017 - 09:12 Uhr
Karsten Wettberg trainierte bereits die Münchner "Löwen" und den SSV Jahn Regensburg. Foto: sampics/Augenklick

In der Relegation trifft 1860 auf Regenburg. Hier spricht Karsten Wettberg, der beide Teams trainierte, über das bayerische Duell.

Karsten Wettberg führte den TSV 1860 im Jahr 1991 in die 2. Liga. 1992 und von 1998 bis 2001 coachte er Jahn Regensburg.

Herr Wettberg, wie ist die Gefühlslage nach dem 1:2 des TSV 1860 beim 1. FC Heidenheim, gleichbedeutend mit dem Einzug in der Relegation?
Karsten Wettberg: Wie es einem eben geht, wenn man auf die direkte Rettung hofft und maßlos enttäuscht wird. Für mich am Schlimmsten: Die Konkurrenz hat sogar mitgespielt, nach Sechzigs Führung war die Ausgangslage glänzend – und am Ende muss man heilfroh sein, dass Würzburg in der Rückrunde kein Spiel gewinnt. Sonst steigst du direkt ab.

Wie können Sie sich den Einbruch nach Stefan Aigners Führungstreffer erklären?
Wettberg: Das kann ich nicht. Es war doch bekannt, dass Heidenheim mitunter die besten Standards schießt in der Liga. Wie kann ein Marc Schnatterer aus fast 35 Metern treffen? Wie kann der Torwart (Stefan Ortega, d. Red.) den nicht halten? Das ist mir ein Rätsel. Und auch, warum der Trainer so wechselt.

Vitor Pereira hat in der Schlussphase Maximilian Wittek für Levent Aycicek gebracht, einen defensiven Wechsel vorgenommen.
Wettberg: Ich verstehe die Taktik nicht. Warum spielt man nach dem 1:0 ganz anders als vorher? Zuvor hatte man doch die einzig starke Phase im gesamten Spiel. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison, schon bei mehreren Wechseln muss man sich fragen: Warum behält der Trainer nicht die Ruhe?

Pereira wollte mit 1860 "to the top", jetzt droht er mit den Löwen abzustürzen. Ist er für Sie noch der Richtige?
Wettberg: Ich hätte sicher mehr von ihm erwartet. Aber jetzt geht es nur darum: Sechzig muss die totale Katastrophe abwenden. Nach der Saison muss man knallhart analysieren und darf keinen Stein auf dem anderen lassen. Sich jetzt zu zerfleischen hat keinen Sinn! Jetzt muss man zusammenstehen. Mit Pereira und Daniel Bierofka an seiner Seite, auf dessen Rat er hören sollte. Aber nicht an allen Dingen ist der Trainer schuld. Von 34 Spielern läuft die Hälfte unzufrieden umher – was soll das?

Nun geht es gegen den SSV Jahn Regensburg, Ihnen nach zwei Trainerengagements bestens bekannt.
Wettberg: Ich hatte dort eine wunderbare Zeit. Wir sind zweimal nacheinander aufgestiegen, haben es aus der Landesliga in die Regionalliga Süd geschafft (1998 bis 2001, d. Red.). Ich würde dem Jahn den Aufstieg in die Zweite Liga wünschen, aber ich bin immer noch ein Löwe – und hoffe inständig, dass sich Sechzig durchsetzen wird. Das wird eine Kopfsache.

Was zeichnet Regensburg aus?
Wettberg: Das ist eine gefährliche Mannschaft, die um jeden Meter kämpfen wird. Und, was sie den Löwen sicher voraushaben: Das ist ein eingeschworenes Team. Sie haben keine ganz großen Verstärkungen geholt, aber mit Marco Grüttner einen guten Torjäger. Philipp Pentke ist ein sehr guter Torwart, in der Abwehr stehen sie nach der Genesung von Sebastian Nachreiner wieder stabiler. Im Mittelfeld gefällt mir links Erik Thommy, die Leihgabe vom FC Augsburg. Ein kleiner, dribbelstarker Mann, der genau das kann, was mir bei 1860 fehlt: mal einen oder zwei Gegner austanzen.

Der Trainer ist ein alter Bekannter: Ex-Bundesligaprofi Heiko Herrlich.
Wettberg: Herrlich ist top, er ist authentisch. Er imponiert sicher nicht jedem, weil er seinen Typus beibehält. Aber er ist eben keiner, der ausflippt. Fachlich ist er ein hervorragender Trainer, der trotz allen Erfolges bescheiden bleibt und ganz nahe an der Mannschaft ist.

Bescheidenheit ist nicht gerade die größte Stärke der Löwen.
Wettberg: Nein, beileibe nicht. Pereira hat sich mit seinen Äußerungen keinen Gefallen getan. Aber auch viele andere haben große Töne gespuckt. Jetzt müssen den Sprüchen endlich Taten folgen. Aber damit man es schafft, muss man was tun.

Ein Kurz-Trainingslager hatte man bereits vor dem Saisonfinale abgehalten. Was kann nun noch helfen?
Wettberg: Ich würde mir 18 Spieler suchen, von denen ich weiß: Sie geben alles bis zum Schluss. Da habe ich bei manchen meine Zweifel. Es geht jetzt nicht um die Zukunft eines Einzelnen, um Verträge. Es geht um die Zukunft der Löwen, nur noch um diese zwei Spiele. Alles andere zählt nicht. Jetzt gibt es nur noch schwarz oder weiß. Trotz aller Abstiegsängste: Ich erwarte, dass die Mannschaft mit diesen Zielen, mit diesem Kader und diesem Geld, das darin steckt, jetzt das Ruder herumreißt.

Dieses Interview stammt von unsererm Kooperationspartner abendzeitung-muenchen.de

 

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