Beirut unter Schock Kreuzfahrtschiff nach Explosion gesunken

Rauch steigt von der Stelle auf, an der sich die Explosion ereignete. Foto: Hussein Malla/AP/dpa/dpa

Am Tag nach der gewaltigen Detonation in Beirut wandern die Menschen über Scherben und Trümmer. Tausende haben ihre Unterkunft verloren. Aus anderen Ländern reisen Ärzte-Teams und Katastrophenhelfer an, um nach verschütteten Opfern zu suchen. Die Zeit drängt.

Nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut suchen Retter mit ausländischen Spezialteams in den Trümmern nach weiteren Opfern. Mehrere Länder schickten Rettungsmannschaften mit Spürhunden und Experten für die Bergung von Verschütteten.

Die Zahl der Opfer steigt indes immer weiter. Dabei seien in der libanesischen Hauptstadt mindestens 135 Menschen getötet und weitere 5.000 verletzt worden, sagte Gesundheitsminister Hassan Hamad laut einem Bericht des Fernsehsenders MTV am Mittwoch. Zuvor war nach offiziellen Angaben von mindestens 113 Toten und etwa 4.000 Verletzten die Rede.

Kreuzfahrtschiff sinkt nach Explosion

Nach der Explosion im Hafen ist auch das Kreuzfahrtschiff "Orient Queen" gesunken. Zwei Besatzungsmitglieder seien ums Leben gekommen, sieben weitere verletzt worden, teilte die libanesische Kreuzfahrtgesellschaft Abou Merhi Cruises mit, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA am Mittwoch meldete. Das 1989 fertiggestellte und rund 121 Meter lange Schiff fuhr unter der Flagge der Bahamas und hatte nach Angaben des Dienstes "Marine Traffic" Ende Juni in Beirut angelegt.

"Leider wurde das Schiff, das im Hafen von Beirut anlegte, vor dem Eindringen des Wassers schwer beschädigt. Alle Rettungsbemühungen waren erfolglos", zitierte die NNA aus einer Erklärung des Eigners Mari Abu Merhi. Er trauere um die Opfer auf dem Schiff und um andere, die bei der Explosion gestorben seien.

 

Noch viele Vermisste unter den Trümmern

Aus Sicherheitskreisen hieß es außerdem, es würden insgesamtnoch mindestens 100 Menschen vermisst. "Es liegen noch immer viele Menschen unter den Trümmern", sagte ein Offizieller, der ungenannt bleiben wollte.

Die schweren Schäden machten viele Häuser unbewohnbar. Zwischen 200.000 und 250.000 Menschen hätten ihre Unterkünfte verloren, sagte Gouverneur Marwan Abbud dem libanesischen Fernsehsender MTV. Sie würden mit Lebensmitteln, Wasser und Unterkünften versorgt. Es seien Schäden in Höhe von drei bis fünf Milliarden US-Dollar entstanden - "möglicherweise mehr", sagte er der Nachrichtenagentur NNA zufolge.

Mehrere Länder schickten Unterstützung. Über den EU-Krisenmechanismus machte sich unter anderem aus den Niederlanden ein Team aus 70 Spezialisten auf den Weg. Frankreich schickte zwei Militärflugzeuge mit 55 Angehörigen des Zivilschutzes und tonnenweise Material zur Behandlung von Verletzten. Tschechien schickte ein Team, das auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert ist. Auch Griechenland und Zypern schickten Rettungsmannschaften mit Spürhunden. Russland schickte fünf Flugzeuge mit Ärzten und einem mobilen Krankenhaus.

Unterstützung aus Deutschland zugesichert

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte dem libanesischen Regierungschef Hassan Diab in einem Kondolenzschreiben ebenfalls Unterstützung zu. Das Auswärtige Amt richtete einen Krisenstab ein. Eine Gruppe des Technischen Hilfswerkes (THW) sollte noch am Mittwoch in den Libanon aufbrechen. Die Bundeswehr prüfte, welche Hilfe gegebenenfalls möglich ist. Auch das Gebäude der deutschen Vertretung in Beirut wurde beschädigt, weshalb Botschaft und der dortige Krisenstab vorübergehend aus einem älteren Gebäude arbeiteten. Auch das Gebäude des Goethe-Instituts sei schwer beschädigt worden, hieß es. Es gebe auch einige Meldungen über Verletzte unter den Deutschen.

Die Libanesen vernetzten sich unter anderem über ein Instagram-Konto für die Suche nach Vermissten. Mehr als 86 000 Nutzer abonnierten das Konto, über das Betroffene mit Fotos nach Hinweisen zu Freunden und Verwandten suchen können. Meist sind Telefonnummern hinterlegt. "Ich erhalte 100 Nachrichten pro Minute", hieß es in einem Beitrag. Viele baten außerdem Schlafplätze über das Konto an. Mehrere deutsche Hilfsorganisationen richteten Spendenkonten für die Betroffenen ein.

Der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) im Libanon, Malte Gaier, sprach im Deutschlandfunk am Mittwoch von "großen Zeichen von Solidarität". "Ich habe selbst in meinem Viertel gesehen, wie sich Nachbarn untereinander geholfen haben", sagte er. Die Lage sei "vielleicht etwas vergleichbar mit dem Schockzustand, den wir am Morgen nach 9/11 in den USA hatten", erklärte er.

 

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron wollte am Donnerstag nach Beirut reisen. Der Libanon war früher Teil des französischen Mandatsgebiets, beide Länder sind immer noch eng verbunden. Aus Solidarität mit den Betroffenen wurden unter anderem der Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai und die Pyramiden in Ägypten in Libanons Nationalfarben beleuchtet. Auch das Rathaus von Tel Aviv sollte am Mittwochabend in den Farben der libanesischen Fahne erleuchtet werden. Der Libanon und Israel haben keine diplomatischen Beziehungen. Offiziell befinden sich die Nachbarländer noch im Krieg.

Die Ermittler suchten weiter nach der Ursache für die gewaltige Detonation auf einem Industriegelände am Hafen. Möglicherweise wurde sie durch eine sehr große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die dort gelagert worden war. Regierungschef Diab hatte am Dienstag gesagt, dass 2.750 Tonnen der Substanz jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden seien. Laut Gouverneur Abbud wurde in einem Bericht von 2014 auch vor einer möglichen Explosion gewarnt.

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