Auslandsblog Was schwedische Wälder über Ökologie verraten

Noch viel zu tun: Freischreiben-Autorin Julia Fritzsche macht gerade ihren Master in Stockholm. Hier erzählt die 24-Jährige, was sie in ihrem Studium über Ökologie lernt.

Ein neuer Kurs hat begonnen und prompt steht wieder der letzte Bericht des UN-Weltbiodiversitätsrats (IBPES) auf unserer Literaturliste. IBPES ist das Gremium, das weltweit Ergebnisse der Forschung über Biodiversität und Ökosystemleistungen sammelt und Politiker berät. Viele meiner Professoren haben daran mitgearbeitet.

Generell ziehen sich Natur- und Artenschutz wie ein roter Faden durch mein Studium. Ganzheitliches Denken ist ebenfalls wichtig. Das bedeutet also, nicht nur auf einen Sektor zu schauen, wie Landwirtschaft, sondern auf das gesamte System. Natur spielt dabei eine bedeutende Rolle. Sie ist zur Bekämpfung des Klimawandels ausschlaggebend: 60 Prozent der jährlichen globalen, menschengemachten Treibhausgasemissionen werden von den Land- und Wasser-Ökosystemen unseres Planeten aufgenommen und gespeichert.

Ein Blick auf Schwedens Wälder

Schweden hat viele gute Seiten, aber am meisten begeistern mich die Wälder. Erstaunliche 70 Prozent des Landes sind bewaldet. Das war nicht immer so: Im vergangenen Jahrhundert führten Maßnahmen wie das Verbot, junge Bäume zu fällen, und verpflichtende Vorsorge zur Schädlingsbekämpfung zur Verdopplung der Waldfläche. Doch können wir die Wälder überhaupt Natur nennen? Ganze 80 Prozent von Schwedens Wäldern sind Forste.

Wie steht es um unsere Wälder?

In Deutschland sieht es ähnlich aus: Ein Drittel Deutschlands ist bewaldet, jedoch waren davon im Jahr 2019 nur knappe drei Prozent Naturwald, das heißt Wald, der nicht forstwirtschaftlich genutzt wird. Die intensive Holzwirtschaft führte dazu, dass Deutschlands Laubwälder langsam schwanden und durch Fichtenwälder ersetzt wurden. Hitzesommer und Insektenausbrüche, wie beim Borkenkäfer, gefährden die wenig diversen Wälder. Im IBPES-Bericht 2019 wurde gemahnt, dass wir Diversität verlieren. Egal, ob in der Vielfalt von Nutzpflanzen oder in uralten, noch bestehenden Ökosystemen. Das wiederum gefährdet unsere Widerstandsfähigkeit gegen die Klimakatastrophe, und fördert eine Ernährungsunsicherheit und Schädlinge. Was ist zu tun?

Erst Au-pair, jetzt Studentin: Julia Fritzsche war ab Ende August 2016 ein Jahr lang Au-pair in Den Haag, einer Stadt in Holland. Was sie in dieser Zeit erlebt hat, berichtet sie in ihrem Auslandsblog:

Im Land der Tulpen: Julia Fritzsche studiert in Holland

  

Naturbasierte Lösungen

Gerade bei der großen Klimakonferenz in Glasgow im vergangenen Herbst wurden naturbasierte Lösungen gepriesen: Städte mit ausgeprägten Grünflächen wie Parks oder bepflanzten Dächern heizen sich im Sommer weniger schnell auf und haben somit ein angenehmeres Klima als Städte mit wenig Grün. So funktionieren Pflanzen wie eine natürliche Klimaanlage.

Viele Konzerne verstehen allerdings unter naturbasierten Lösungen die Möglichkeit, ihre Treibhausgasemissionen mit dem Kauf von beispielsweise Wald zu kompensieren. Kompensieren bedeutet in diesem Fall, dass die ausgestoßenen Emissionen mit dem vom Wald aufgenommenen Kohlenstoff verrechnet werden. Das ist fatal, denn das größte Ziel sollte erst einmal sein, die Emissionen so weit wie möglich zu senken.

Renaturierung ist wichtig

In einem meiner Uni-Projekte habe ich mich mit dem Potenzial von Renaturierung befasst – genauer gesagt, mit der Wiedereinführung von Wölfen in Schottland. Denn gerade große Raubtiere wie der Wolf wurden vom Menschen in Europa ausgerottet. Das führte dazu, dass sich die gesamte Nahrungskette und Landschaft verändert hat. Um das natürliche Gleichgewicht zu erhalten und die ungebremste Vermehrung von Beutetieren wie Rehen zu stoppen, wird gejagt.

Schnell konzentrierten sich meine Gruppe und ich auf soziale Konfliktfaktoren und die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung bei einer möglichen Wiedereinführung von Wölfen im dünn besiedelten Schottland. Renaturierung in unseren Breitengraden bedeutet allerdings viel mehr als große Raubtiere und reicht von der Wiederherstellung natürlicher Flussläufe gegen Überschwemmungsgefahr, über Wiederaufforstung von Laubwäldern bis hin zur Renaturierung von Moorlandschaften als Kohlenstoffsenken.

Potenzial in der Landwirtschaft

Ein weiterer, großer Bereich, in dem wir auf Biodiversität angewiesen sind, ist unsere Landwirtschaft. Weltweit wird nur noch ein Bruchteil der bekannten Arten genutzt. Nur drei Pflanzenarten, Mais, Reis und Weizen, stellen über 50 Prozent der globalen Nahrungsenergie. Auch in Deutschland werden nur 25 Marktfrucht- und 35 Futterpflanzenarten angebaut. Je mehr wir jedoch auf Monokulturen für unsere Ernährung angewiesen sind, desto anfälliger sind wir für Schädlinge. Heimische Arten sind dagegen gut an lokale Bedingungen angepasst.

Ein regenerativer Anbau fördert die Bodenqualität und Wasserspeicherkapazität. Und Permakultur, eine sich selbst erhaltende Landwirtschaft, sowie ökologische Landwirtschaft sparen nicht nur Ressourcen, sondern sind auch gut für unsere Gesundheit. Kurzum: Gerade in der Landwirtschaft ist viel Luft nach oben.

Jeder kann etwas beitragen

Egal, ob in der Landwirtschaft, in Städten oder Wäldern: Artenvielfalt spielt eine immense Rolle in der Minimierung der Auswirkungen der Klimakatastrophe. Die Politik und wir alle sind gefragt, sozial verträgliche Wege für naturbasierte Lösungen, Renaturierung und Veränderungen in der Art, wie wir unsere Lebensmittel anbauen, zu schaffen.

Übrigens: Wir alle können ganz einfach und direkt ein Stück zum Naturschutz beitragen: zum Beispiel im eigenen Garten, Balkon oder beim Einkauf von Lebensmitteln.

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