Auslandsblog Eintrag 1: Unser Leben in Systemen

Das Ächzen hoher Nadelbäume im Wind, der Duft von Moos und Laub, in der Ferne hört man Wasser. Ich hole tief Luft – ja, genau so habe ich mir die schwedische Natur vorgestellt. Pilze, Farne und Heide sprießen in allen Formen und Farben vor mir aus dem Boden. Ich befinde mich mit ein paar Studienkommilitonen im Naturreservat Södra Törnskogens, nahegelegen meines neuen Zuhauses: Stockholm.


Von „Planetaren Grenzen“ und ökologischer Widerstandsfähigkeit


Nach einem guten Jahr Auslands- und Pandemiepause rief mich eine neue Herausforderung - mein Masterstudium in Schweden. Meinen Bachelor hatte ich online beendet. Doch ich wollte noch mehr wissen, lernen, forschen. Bereits in meiner ersten Vorlesung faszinierte mich das Modell der „Planetaren Grenzen“. Dieses teilt unsere Erde in neun verschiedene Grenzen ein, die wir als Menschheit durch unser Handeln großflächig beeinflussen, einige sogar überschreiten. Ein Beispiel, neben der wohl bekanntesten Grenze der Erderwärmung, ist der weltweite Artenverlust. Je mehr Arten aus den Ökosystemen (das Zusammenspiel von Lebewesen und ihrer Umwelt, zum Beispiel ein Wald) verschwinden, desto schwieriger wird es für das gesamte Ökosystem, sich an die verändernden Bedingungen anzupassen.
Denn jede Art erfüllt eine Aufgabe, sei es die Zersetzung von abgestorbenen Materialien oder die Bestäubung von Pflanzen. Sind beispielsweise nur noch wenige Bestäuber in einer sich rasant erwärmenden Welt vorhanden, nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass diese Arten sich schnell genug anpassen und ihre Aufgabe noch erfüllen können. Der bisher bekannte Zustand des Ökosystems droht zu kippen und das Ökosystem nimmt einen neuen Zustand an. Wir halten also fest: Je reicher die Artenvielfalt in einem Ökosystem ist, desto besser kann sich das gesamte System an verändernde Umweltbedingungen anpassen. Es ist somit widerstandsfähiger, resilienter. Zur Verdeutlichung kann ich die Netflix-Doku „Breaking Boundaries“ empfehlen.


Wir leben in sozial- ökologischen Systemen


Unsere Welt ist komplex, sehr sogar. Egal wo wir uns befinden oder was wir gerade tun, wir handeln in sozial-ökologischen Systemen. Ein Beispiel: Du beginnst deinen Tag höchstwahrscheinlich mit einem Kaffee, Tee oder Kakao. Diesen hast du sicher im Supermarkt gekauft. Dorthin gelangte er über einige Lagerhallen und Schiffe aus beispielsweise Indien (Tee), Elfenbeinküste (Kakao) oder Brasilien (Kaffee). Dort wurde er vermutlich aus sozialer und ökologischer Sicht unter eher zu bemängelnden Umständen angebaut. Allein schon dein morgendliches Getränk verbindet dich also mit einem globalen Netzwerk an Lieferketten – einem System, in dem Tausende Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen, in dem global gewirtschaftet wird und in dem ökologische Leistungen der Natur in Form von Landwirtschaft in Anspruch genommen werden.


Neue Modelle für die Welt


Wozu diese kleinen Ausflüge in die Ökologie und komplexe Lebensmittel-Systeme? Um mein Masterstudium etwas verständlicher zu machen. Am Stockholm Resilience Centre dreht sich nämlich alles um Widerstandsfähigkeit und unsere sozial-ökologischen Systeme. Hier entstand das Modell der „Planetaren Grenzen“. Hier geht es um die Erforschung von Transformation, ökologischem Wirtschaften und um interdisziplinäre Ansätze für unsere immer komplexer werdende Welt von heute und morgen. Genau wegen dieses Instituts und Studiums „Social-ecological Resilience for Sustainable Development“ zog es mich nach Stockholm.


Freundlichen Menschen und viel Natur


Meine ersten Eindrücke hier sind positiv: Die Leute sind freundlich, höflich und hilfsbereit. Stockholm scheint eine gepflegte, diverse und lebensfrohe Stadt zu sein. Die Natur ist präsent – nicht nur im Naturreservat, sondern auch in den vielen Parks, wie dem in der Stadt gelegenen Nationalpark, der königliche Tierpark Djurgården, oder auf den nicht weit entfernten 10 000 Inseln in den Schären.
Nach fünf Stunden Wanderung quer durch Södra Törnskogens wird es schon dämmrig. Auf der Rückfahrt sehen wir noch mehr Wald und Natur. Doch einige Flecken sind kahl und ausgedörrt. Auch hier sieht man die Folgen von drei Hitzejahren. Es wird Zeit zu handeln, zu retten, was zu retten ist, und sich an neue Extreme anzupassen – es ist Zeit für Veränderung, für mehr Flexibilität, Resilienz und Krisenfestigkeit.
 

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