Auslandsblog Eintrag 2: Die Wahrheit über den Brexit (21. Juli 2019)

Seit dem Brexitvotum sind die Supermärkte nur noch zur Hälfte gefüllt, jeder Zweite ist arbeitslos und überhaupt scheint sich ganz England auf die Apokalypse vorzubereiten. So kommt es mir manchmal vor, wenn ich zuhause in Deutschland die Nachrichten über England verfolge.

Klare Ansage erwünscht

In Wahrheit hat sich nicht viel verändert, zumindest nicht für mich kleine europäische Studentin. Die meisten Leute sind genervt und wollen das verhasste „B-Wort“ gar nicht mehr hören. Natürlich herrscht Unsicherheit, denn niemand weiß wirklich, was passieren wird. Aber die ewigen Verhandlungen und Diskussionen, die nichts hervorzubringen scheinen, hinterlassen statt Sicherheit nur einen bitteren Geschmack gemischt mit Langeweile. Die meisten wollen einfach nur, dass es vorbei ist. Sie sind gelangweilt und wollen eine klare Ansage, um zu wissen, was zu tun ist und was geschehen wird. Die Mehrheit der Menschen in London ist gegen den Brexit. Das merkt man auch ziemlich schnell, wenn man hier etwas Zeit verbringt. Die Stadt ist sehr international und tolerant. Der Bürgermeister Sadiq Khan, übrigens britisch-pakistanischer Abstammung und dem Islam angehörig, stemmt sich gegen den Ausstieg, ist pro Europa und einer der wenigen, der sich den Besuch Donald Trumps im Juni nicht gefallen lies.

Es finden auch immer wieder Demonstrationen statt und, wenn ich so recht überlege, habe ich in meiner Zeit hier bis jetzt nur einen Briten getroffen, der für den Brexit gestimmt hat, es mittlerweile aber bereut.

Landgebiete werden vergessen

Allerdings kann man London an sich schwer mit dem Rest Englands, vor allem dem Norden, vergleichen. Der Lebensstandard ist hier im Süden etwas besser und wie so oft ist die Aufmerksamkeit meistens auf die Hauptstadt gerichtet. Vor allem die Landgebiete werden dabei häufig übersehen und natürlich fühlen sich die Menschen dort benachteiligt. Das Hauptargument für den Brexit ist im Grunde Unabhängigkeit und die komplette, uneingeschränkte Kontrolle über die Grenzen, die Gesetze und andere Bereiche wieder zu erhalten. Wenn man an das große Imperium Großbritannien denkt, ist dieser Gedanke sogar verständlich. Aber man muss mit der Zeit gehen. Das Leben verändert sich und auch wenn es Angst macht, sollte man meiner Meinung nach mit Toleranz und Verständnis vorangehen.

Entschuldigungen für den Brexit

Die Meinungen spalten sich nach wie vor, aber spätestens dann, wenn sich der zehnte Brite bei dir für den Brexit entschuldigt, spürt man, wie sehr sich die Leute für ihr eigenes Parlament schämen. Bei dem ewigen Verschieben des Ausstiegstermins stellt sich nach der Zeit die Frage, ob es den Brexit überhaupt geben wird.

Manchmal scheint er wie ein Märchen, wie eine Prophezeiung, die sowieso nicht eintreffen wird. Eigentlich kann man nur zuschauen, wie sich die Politiker streiten und hoffen, dass das Unwissen irgendwann ein Ende hat. Aber solange die Erde sich dreht, geht auch in England das Leben weiter. Ob mit EU oder ohne.

 

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