Auslandsblog Eintrag 3: Zu Gast bei Alan Turing (20. September 2019)

Bis vor knapp 50 Jahren wurde in England Homosexualität unter Männern bestraft. Die Urteile lauteten meist Haft oder Kastration. Neben vielen wurde zum Beispiel auch der Schriftsteller Oscar Wilde verurteilt. Außerdem noch jemand, ohne den unser Leben heute anders wäre. Er rettete Tausenden von Menschen das Leben, entschied den Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg mit und wird als einer der Gründer der Künstlichen Intelligenz gesehen. Die Rede ist von Alan Turing. Mit seinen Grundlagen funktionieren unsere Computer und unsere Handys. Seine Ideen trugen maßgeblich zu unserem heutigen Lebensstil bei und trotzdem ist er vielen kein Begriff.

Eine Maschine für den Weltkrieg

Alan wurde 1912 in London geboren. Er war immer anders als die anderen Kinder, ein Außenseiter, ein Träumer. Mathematische Fähigkeiten zeigte er schon von klein auf. Er studierte in Cambridge und landete dann 1940 in einem Geheimdienst der britischen Regierung, der sich auf die „Enigma“-Maschine der Nazis spezialisiert hatte. Diese war eine komplizierte Konstruktion, die eine Botschaft so sehr verschlüsseln konnte, dass es schier unmöglich war, diesen zu knacken. Die Nazis nutzten Enigma, um untereinander zu kommunizieren. Man brauchte einen bestimmten Code, der sich jeden Tag änderte, um die Funksprüche verstehen zu können. Alan schaffte es, eine Maschine zu bauen, die jede Buchstabenkombination auf der Suche nach dem richtigen Code rasend schnell durchspielte. Und so konnten die Briten und Amerikaner ab 1941 jede einzelne Lagemeldung der Nazis entziffern. Was Alan dort erfunden hatte, war eine Möglichkeit, Unmengen an Daten in einer Maschine zu verarbeiten. Es wird vermutet, dass diese Enigma-Entschlüsselung den Zweiten Weltkrieg um mindestens zwei Jahre verkürzt hat. All dies war jedoch streng geheim. Erst in den 1970er-Jahren erfuhren die Menschen, was wirklich hinter geschlossenen Türen passiert ist. Alan arbeitete nach dem Krieg weiterhin an seinen Maschinen und unterrichtete als Professor an der Universität in Manchester.

Alan wurde chemisch kastriert

Sieben Jahre später fand die Polizei durch Zufall heraus, dass er Beziehungen zu Männern hatte. Er wurde daraufhin wegen Unzucht und sexueller Perversion angeklagt. Um weiterhin an seinen Maschinen arbeiten und in Freiheit leben zu können, musste er sich einer chemischen Kastration unterziehen, welche dramatische psychische und körperliche Folgen hatte.

Zwei Jahre lang hielt er durch, bis er kurz vor seinem 42. Geburtstag dem Leiden selbst ein Ende setzte. Er biss in einen vergifteten Apfel, wie Schneewittchen aus seinem Lieblingsfilm, nur leider kam niemand, um ihn wach zu küssen.

2009 würdigte der ehemalige Premierminister Gordon Brown Alans Verdienste und entschuldigte sich im Namen der Regierung für die grauenhaft inhumane Behandlung. Erst 2013 hob die Queen Alans Verurteilung offiziell auf. Ein Jahr später machte der Film „The Imitation Game“ seine Geschichte bekannt. Und die neueste Ehrung für Alan Turing: Ende 2021 wird sein Gesicht auf dem neuen 50-Pfund-Schein zu sehen sein.

Durch Toleranz in Ehren halten

Für Alan kommt all das viel zu spät. Die Verbrechen und das große Leid, das der Staat mit diesen Paragraphen anrichtete, kann nie mehr wiedergutgemacht werden. Auch eine Entschuldigung der Queen macht all das nicht ungeschehen. Aber es ist ein wichtiger Schritt. Es ist ein gutes Zeichen, dass wir heute offen darüber sprechen können, denn nur so kann Veränderung stattfinden. Wir sind offener und toleranter geworden. Wenn wir mit dieser Sichtweise in die Zukunft schreiten, halten wir nicht nur den Wissenschaftler Alan Turing, sondern auch jeden, dem ein solches Leid in seinem Leben widerfahren ist, in Ehren.

 

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