Auslandsblog Eintrag 4: Introvertiert (7. November 2019)

"Freshers Week" nennt sich hier in England die erste Woche eines neuen Studenten und ist vor allem dazu da, Leute ohne Leistungsdruck kennenzulernen. Dazu gehören Einführungsstunden, Organisatorisches aber auch soziale Events wie Partys, die jede Nacht stattfinden.

Was aber, wenn man die laute Musik, Alkohol und Co. gar nicht mag? Was, wenn man lieber alleine oder zumindest mit einzelnen Leuten an einem ruhigen Ort wäre? In unserer Gesellschaft wird so etwas eher verpönt oder als unsozial gesehen. Als junger Mensch muss man nämlich mindestens Freitagabend unterwegs sein, sich als Lieblingsort eine Disco oder einen Club aussuchen und sich mit lauter Musik volldröhnen lassen. So kommt es mir häufig vor. Wenn man jedoch anders ist und das gar nicht mag, dann wird das meist nicht verstanden oder belächelt. Das ist zumindest meine Erfahrung. Ich habe mich lange damit beschäftigt, zu verstehen, dass ich nicht komisch oder schwach bin. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass das alles okay ist. Ich bin introvertiert, schüchtern und hochsensibel und da bin ich nicht die einzige.

Introvertiert sein bedeutet im Grunde, dass das Leben eher im Inneren stattfindet. Viele Introvertierte haben zum Beispiel kein Problem damit, alleine zu sein, bevorzugen dies meist sogar. Sie holen sich ihre Kraft aus sich selbst, während Extrovertierte diese aus dem Umgang mit anderen Menschen schöpfen. Introvertierte sind feinfühlig, nehmen Rücksicht auf andere und sehen Smalltalk als unnötig und oberflächlich. Berühmte Beispiele für introvertierte Menschen sind Barack Obama, J.K. Rowling oder Stephen Spielberg.

Nicht verwechseln sollte man Introvertiertheit mit Schüchternheit. Sie ist mit Ängsten verbunden, was leider häufig fälschlicherweise mit Schwäche gleichgesetzt wird. Es geht dabei vor allem um die Unsicherheit bei menschlichen Beziehungen. Man hält sich zurück, beobachtet lieber. Das ist eigentlich gar nichts schlimmes. Wir alle haben Angst vor irgendetwas. Allerdings wird Schüchternheit von Außenstehenden häufig mit Arroganz verwechselt, obwohl meist das genaue Gegenteil der Fall ist. Man will, kann aber nicht. Man muss erst durch diese Mauer von Selbstzweifeln durch und das ist gar nicht so einfach, wenn man nichts hat, um sie zu durchbrechen. Mit Schwäche hat das also nichts zu tun.

Und auch Hochsensibilität ist etwas anderes. Das heißt nicht etwa, dass man keinen Spaß versteht oder alles persönlich nimmt. Es geht eher darum, dass man Reize viel stärker wahrnimmt, als es normal der Fall ist. Zum Beispiel Licht, Lärm, Gefühle und Schmerzen. Der Empfang von Stimmungen ist stark ausgeprägt und der Sinn für Gerechtigkeit überdurchschnittlich groß. Wir begegnen Reizüberflutungen heutzutage häufig, ob es die Medien, der Verkehr oder der Stress bei der Arbeit bzw. in der Schule ist. Bei hochsensiblen Menschen kosten diese jedoch besonders viel Kraft und Energie, die sie dann erst wieder in Ruhe auftanken müssen.

Unsere Gesellschaft ist immer noch extrovertiert-orientiert, die ruhigen Menschen werden dabei häufig übersehen und den Lauteren untergeordnet. Sätze wie „Sei nicht so sensibel.“, „Sprich lauter!“ oder „Rede mal mehr.“ können wehtun und tragen nur zu dem Gefühl bei, dass etwas nicht in Ordnung ist. Auch die Aussage „Ich beiße nicht.“ ist erniedrigend und verletzend.

Jeder ist so, wie er ist. Ob intro- oder extrovertiert, ob schüchtern oder selbstbewusst, diese Merkmale machen uns zu dem, was wir sind. Nichts davon ist besser oder schlechter, stärker oder schwächer. Es ist einfach nur menschlich. Und wenn wir alle gleich wären, dann wäre die Menschheit verloren.

 

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