Auslandsblog Eintrag 5: Die aktuelle Lage in England (10. April 2020)

Gerade sitze ich in meinem kleinen Studentenzimmer in Brighton und lasse mich von der Sonne bescheinen. Vom Fenster aus sehe ich die ersten Blumen, Narzissen und Maiglöckchen. Es wirkt friedlich und ruhig. Doch der Schein trügt.

Von Corona hat man hier eigentlich relativ früh gehört. Bereits im Januar sind erste kleine Hinweise und Warnschilder aufgetaucht. Wer in den vergangenen Wochen aus Asien angereist sei, solle sich bitte nach diesem Virus testen lassen, hieß es da. So richtig ernst hat das aber zu der Zeit niemand genommen. Mittlerweile sieht die Situation natürlich anders aus: Die Schulen haben ihren Unterricht wie in Deutschland in das Internet verlegt. So gut wie alle Einrichtungen - ob Kino, Restaurant oder Friseur - haben seit mehreren Wochen geschlossen und soziale Kontakte müssen unbedingt vermieden werden. Die Supermärkte waren die erste Zeit über fast komplett leergeräumt. Mittlerweile scheinen sie dies wieder etwas unter Kontrolle zu haben, aber bestimmte Produkte wie Nudeln oder Reis sind nach wie vor kaum aufzufinden (von Toilettenpapier möchte ich erst gar nicht anfangen). Nun hat man eigene Lösungen gefunden, um das Hamstern und nahe Menschenkontakte zu vermeiden. So ist zum Beispiel der Verkauf eines Produkts, das angeboten wird, auf drei, teilweise nur zwei Stück beschränkt. Zudem muss man sich vor dem Supermarkt anstellen, denn es dürfen nur so viele Menschen den Laden betreten, dass man dort noch den nötigen Sicherheitsabstand locker einhalten kann. Manche Supermärkte werden dabei kreativ und bauen vor dem Eingang eine Art Parcours mit Einkaufswägen auf, so dass jeder weiß, wo und mit wie viel Abstand man sich anzustellen hat. Das kann teilweise auch echt verwirrend sein.

Noch vor ein paar Wochen hätte wohl niemand geahnt, dass die Situation so aus dem Ruder laufen wird. Ich habe zwar das Gefühl, dass meine Universität relativ gut darauf vorbereitet gewesen ist, bei der Regierung scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. Jeden Tag steigt die tägliche Anzahl der Todesfälle deutlich an. Und doch hinkt Großbritannien, im Gegensatz zu anderen Ländern in Europa wie zum Beispiel Deutschland oder Frankreich mit wichtigen Maßnahmen stark hinterher und das merkt man auch in der Bevölkerung. Die leeren Supermärkte sind ein Indiz für die Ungewissheit, die in den Menschen steckt. Für die Panik, die aufkommt, wenn man sich plötzlich nicht mehr sicher fühlt. Etwas Klarheit würde helfen, denn Großbritannien steht das schlimmste noch bevor. Hier sind die Krankenhäuser deutlich weniger gut ausgestattet wie in Deutschland. Der Premierminister selbst ist infiziert und liegt derweil in einem. Die Queen richtete sich mit einer historischen Ansprache an die Bevölkerung, lobte die Arbeitskräfte und sprach den Leuten Mut zu, bat aber auch darum, die Ausgangsbeschränkungen einzuhalten.

Mein Leben hat sich dadurch ein klein wenig verändert, aber besonders umständlich ist es nicht. Ich wohne in einem Studentenwohnheim am Campus, der außerhalb der Stadt liegt und von viel Natur umgeben ist. Mittlerweile ist kaum jemand mehr hier. Die meisten sind zu ihren Familien nach Hause gefahren, weshalb es hier häufig gespenstisch ruhig ist. Bis auf meinen wöchentlichen Besuch im Supermarkt mache ich hin und wieder einen Spaziergang durch die Felder, aber ansonsten verlasse ich mein Zimmer nicht. Ich habe Vorlesungen und Seminare im Internet und arbeite an meinen Aufgaben für die Universität. Vor allem lese ich sehr viel. Ich vermisse meine Freunde, das Kino, die Cafés, den Strand, welcher übrigens auch geschlossen wurde.

Mein Ostern wird dieses Jahr wohl nicht besonders spaßig werden. Aber die Zeit alleine regt zum Nachdenken an, und mir wird bewusst, wie viele Dinge wir als selbstverständlich sehen, wie dankbar wir eigentlich sein sollten. Vor allem denke ich auch an die Menschen, für die diese Zeit besonders schwer ist. Ältere Menschen, die alleine sind, Obdachlose, Erkrankte und deren Angehörige. Aber auch die, die tagtäglich alles dafür tun, um diesen Virus zu bekämpfen und unser momentanes Leben einfacher zu machen. Damit meine ich nicht nur die großartige Arbeit in den Krankenhäusern, sondern auch Verkäuferinnen und Verkäufer in den Supermärkten oder die Post. Es ist schade, dass es immer noch Leute gibt, die die Situation nicht ernst nehmen, und somit nicht nur ihr Umfeld in Gefahr bringen, sondern auch die Arbeit der Helfer erschweren.

Ich denke, Egoismus ist in dieser Zeit fehl am Platz. Jeder einzelne trägt die Verantwortung für sein unüberlegtes Verhalten und gefährdet damit Andere mehr denn je. Denn nur, wenn wir in dieser Zeit alle an einem Strang ziehen, können wir bald wieder in eine bessere Zukunft blicken.

 

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