Auslandsblog Eintrag 19: Alles hat ein Ende (17. Dezember 2020)

Fast vier Jahre habe ich in den Niederlanden gelebt – erst als Au-pair und dann als Studentin. Obwohl ich dieses Land und seine Menschen sehr liebgewonnen habe, zog es mich in Pandemie-Zeiten vorübergehend zurück in die bayrische Heimat. Viele Erinnerungen bleiben. Was hat mich besonders beeindruckt und was habe ich für mich mitgenommen? Hier vier Beispiele.

Wie wär’s mal mit Gemütlichkeit?!

Ein Donnerstagabend wie jeder andere: Ich schwinge mich eilig auf mein „fiets“ (holländisch für Fahrrad) und flitze auf den gut ausgebauten Fahrradwegen los zum Dinner mit meinen holländischen Freundinnen. Nach kurzem kräftigen Tritt in die Pedale, werde ich langsamer und denke, dass ich mich ja gar nicht so sehr beeilen muss, auch wenn ich schon spät dran bin. Denn die anderen werden noch später sein! Der Grund: Pünktlichkeit wird in den Niederlanden zwar geschätzt, aber doch nicht so genau genommen wie bei so manchen Verabredungen unter Deutschen. Flexibilität und Spontanität sind gefragt. „Wir gehen noch eben was trinken!“, „Oh, ich komme doch später!“ oder „Es war wieder so gesellig!“ sind für mich gefühlt die am häufigsten gehörten Ausrufe. Die Niederlande leben einfach für ihre Gelassenheit und Gemütlichkeit von der sich so manche ordentlichen Deutschen, einschließlich mir, ruhig eine Scheibe abschneiden können. Fun Fact: Die Züge sind übrigens immer pünktlich. Falls es zu einer Verspätung von nur fünf Minuten kommt, regen sich die Leute bereits unglaublich auf. Die niederländische Gelassenheit werde ich mir wohl vor allem auf meinen Bahnfahrten innerhalb Deutschlands beibehalten müssen …

Die Welt ein Stückchen besser machen

Es ist nicht leicht, jeden Tag aufs Neue im Studium mit verheerenden Zahlen und Fakten über den Klimawandel und dessen Folgen konfrontiert zu sein. Doch gerade dann ist es wichtig, sich auf positive und erfolgreiche Beispiele zu konzentrieren! So tauschten meine Freundinnen und ich stets neue Tipps und Tricks für einen nachhaltigen Lebensstil aus: Interrail durch Europa statt ferne Länder mit dem Flugzeug, regionales Biogemüse, plastikfreie Do-it-yourself Kosmetik und Kleidertauschpartys unter uns.

Generell fiel es mir in Utrecht sehr leicht, nachhaltig zu leben, denn die Wohnfläche ist im dichtesten besiedelten Land Europas pro Kopf deutlich kleiner als in Deutschland. Ich lernte, wie gemütlich es sein kann, auf kleiner Fläche zu leben und alles von Arbeit über Uni bis hin zu Partys und Einkäufe mit dem Fahrrad zu erledigen. Dies will ich unbedingt und egal wo weiter betreiben. In Sachen Fahrradkonzepte und Stadtplanung kann Deutschland noch so einiges von unserem kleinen, aber perfekt organisierten Nachbarland lernen.

„Ich krieg’s kalt!“ – Niederländisch trifft Deutsch

Fast immer bei unseren wöchentlichen Telefonaten fällt mein Papa mir ins Wort: „Das sagt man so aber nicht im Deutschen!“ Er meint damit wieder eine von mir eingedeutschte holländische Redewendung. Die Sprachen ähneln sich sehr, gehören sie doch zur selben Sprachfamilie. Das hat mir das Erlernen einerseits natürlich sehr einfach gemacht, andererseits mische ich eben Ausdrücke, Wörter und ganze Redewendungen beider Sprachen bunt durcheinander. Nach einiger Übung wieder in Deutschland hat sich mein Gehirn aber nahezu perfekt umgestellt auf meine Erstsprache. Trotzdem werde ich einige niederländische Ausdrücke und Wörter wie zum Beispiel „leuk“ (meint so viel wie spaßig, schön und großartig) und „gezellig“ (meint so viel wie gesellig, gemütlich, unterhaltsam) einfach weiter benutzen, denn eine wirklich deutsche Entsprechung gibt es nicht.

Völkerverständigung: europäische Freundschaften

„Nicht schon wieder eine Gruppen-Hausarbeit!“, stöhnte ich in der ersten Vorlesung des neuen Kurses. Die Niederlande legen sehr viel Wert auf Kompromiss, Diskussion und Zusammenarbeit. Das spiegelte sich auch in meinem Studium wider. Zu Beginn empfand ich die vielen Meetings, das Korrekturlesen der anderen Beiträge und die Aufgabenverteilung als anstrengend, aber je mehr und besser ich in diese Strukturen hineinwuchs, umso mehr entdeckte ich meine Begeisterung für das Arbeiten im Team. Gerade in dieser komplexen Welt, die dringend innovative Lösungen braucht, ist Teamgeist gefragt. Außerdem entstanden dadurch auch tiefe Freundschaften mit Menschen aus Asien, Amerika und Europa. Ich bin dankbar, das Projekt Europa und Völkerverständigung hautnah miterlebt zu haben, und möchte es auch in Zukunft mitgestalten und weitertragen.

Und wie geht es jetzt für mich weiter?

Nachdem ich mein Bachelorstudium „Globale Nachhaltigkeitswissenschaften“ erfolgreich abgeschlossen habe, mache ich dieses Jahr Praktika unter anderem in München. Ab September nächsten Jahres möchte ich meinen Master beginnen. Wo und was wird sich in den kommenden Monaten herausstellen. Eins ist aber sicher: Von mir zu lesen, wird’s weiterhin geben!

 

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