"Die Leidenschaft nach fremden Ländern ist das süßeste und weiteste Laster, welches diese Erde kennt." - Kasimir Edschmid

Noch nie war Reisen so einfach wie heute, noch nie so billig. Einmal im Jahr Urlaubmachen ist lange nicht mehr genug: im Winter eine Woche in die Dominikanische Republik und im Sommer zwei Wochen nach Thailand oder Cuba - Fremde Länder und Kulturen ziehen uns an und auch die Sehnsucht, dem Alltag zu fliehen, trägt hierzu bei. Doch kennen wir unsere europäischen Nachbarn überhaupt so gut, wie wir glauben? Diese Frage stellten meine Studienfreundinnen und ich uns, als wir unseren Urlaub für unsere freie Woche im April zu planen begannen.

Ich muss zugeben, ich habe selber erst auch einmal die Flugpreise nach Griechenland gecheckt und wollte gerne in den Süden, doch meine Freundinnen überzeugten mich unsere unmittelbaren Nachbarn kennenzulernen. Dies spart nämlich viel Reisezeit und Geld (immer wichtig für Studierende und einen Kurztrip) und ist ganz im Sinne unseres Studiengangs "nachhaltig", da sie mit dem Zug zu erreichen sind. Wir entschieden uns für eine Städterundreise in Hollands und Deutschlands unmittelbaren Nachbarn Belgien: Antwerpen, Brügge, Gent und Brüssel.

Wir verbrachten eine Nacht in Antwerpen und Brügge und zwei in Gent und Brüssel in tollen Airbnbs. Airbnbs werden ja kontrovers diskutiert, aber für uns war es dann doch die beste Option, da Jugendherbergen und Hostels genau zu teuer waren und wir im Airbnb zusätzlich unsere eigene Küche zum Kochen zur Verfügung hatten. Von einer Stadt zur anderen kann man mit dem ‚Jugend GoPass‘ für 6,40 Euro pro Person unter 25 Jahren bequem und günstig eine beliebige Strecke mit dem Zug an dem ausgewählten Tag fahren.

Jede Stadt hatte ihren eigenen Charme und Charakter, doch unser Fazit: Gent war unser absoluter Favorit, da es dort nur so von Studenten wimmelt und die Stadt dadurch sehr lebendig wirkt. Alte und beeindruckende Kirchen reihen sich aneinander und säumen den Rand des Kanals, der sich mitten durchs Zentrum zieht. Dies erinnert sicherlich an die holländischen Grachten, jedoch erinnerten mich die Gebäude und die prachtvollen Kirchen eher an Deutschland, aber doch auch nochmal anders.

Brügge kommt an zweiter Stelle und wird trefflich im Reiseführer auch als Open-Air-Museum beschrieben. Die ganze Stadt ist UNESCO-Weltkulturerbe und dementsprechend wimmelt es dort auch nur so von Bussen mit Opas und Omas. Die haben jedoch im Gegensatz zu anderen Touristen ein ganz eigenes, ruhiges Tempo und die Hälfte ist in Bötchen auf den Kanälen unterwegs, sodass das Städtchen keineswegs zu voll mit Touristen ist.

Antwerpen ist bekannt für das Nachtleben, die vielen Bars und Diamantenshops. Einzigartig ist hier die Lage an der Schelde, die der Stadt ihren Charme verleiht.

Brüssel war, obwohl keine Schulferien waren, voll mit deutschen und englischen Touristen. Brüssel ist im Gegensatz zu den anderen Städten eine echte Großstadt, wo arm und reich nebeneinander leben. Das europäische Viertel mit seinen riesigen Amtsgebäuden ist schon wahnsinnig beeindruckend und der Zugang zu allen Museen zur europäischen Geschichte, Einheit und Politik gratis. Dies nutzten wir natürlich aus, hatten jedoch keine Zeit einer Plenarsitzung beizuwohnen, das man aber durchaus auch kostenlos machen kann.

Wir erlebten eine unvergessliche Zeit und hatten alle wirklich nicht erwartet, dass Belgien so schön und doch so anders sein kann als die Niederlande oder Deutschland. Uns fiel zum Beispiel auf, dass viele Belgierinnen sehr viel Wert auf ihr Äußeres legen und sich dementsprechend kleiden. Hier merkt man die Nähe zu Frankreich, da Französinnen ja auch dafür bekannt sind. Flämisch klingt nochmal ganz anders als Holländisch und klang für mich beim ersten Hinhören wie Deutsch.

Europa ist einzigartig in seiner kulturellen Vielfalt und ich liebe es, all die Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit eigenen Augen zu entdecken. Für meine Generation ist ein geeintes Europa so selbstverständlich wie Frieden. Wir kennen keine Grenzen und Passkontrollen oder unterschiedliche Währungen mehr. Wieso dies dann nicht erstmal ausnutzen? Fliegen steht auf Platz 6 der Klimakiller und trotzdem fliegen immer mehr Menschen in die weit entferntesten Regionen der Welt - auch nur für eine Woche.

Ich plane jedenfalls meine nächsten Reisen nach England und Osteuropa, bequem und nachhaltig mit Interrail. Übrigens bekommen Jugendliche, die am 1. Juli 18 Jahre alt sind, ein kostenloses Interrail-Ticket. Also nichts wie los, denn…

…"Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf." - Oscar Wilde