Auslandsblog Eintrag 3: Friluftsliv oder "In der Natur aktiv sein" (24. November 2018)

Volda ist von Bergen umgeben – wie quasi jede norwegische Stadt. Einer sticht aber besonders hervor und wird auch als „Hausberg“ Voldas bezeichnet. Er ist so „heilig“, dass der Fotolehrer an der Hochschule es wirklich nicht gutheißen kann, wenn man ihn auf einem Foto nicht in seiner vollen Größe zeigt und er beispielsweise von einem Ortsschild oder – schlimmstenfalls – von einem Kopf angeschnitten wird. Ich spreche vom Rotsethornet, der am höchsten Punkt 661 Meter misst.

Ich bin eigentlich nicht besonders wanderbegeistert. Meine letzten Wanderungen waren irgendwann in der Grundschulzeit und liegen damit lange zurück. In Norwegen hat sich das allerdings geändert. Es mag daran liegen, dass es hier nicht besonders viel anderes zu tun gibt, aber vor allem daran, dass es hier um einiges erfüllender ist, wandern zu gehen.

„Friluftsliv“ – also das Leben und die Aktivität in der Natur – sind hier ein wichtiger Bestandteil im Leben eines jeden Norwegers. Es gibt sogar einen Studiengang mit diesem Namen. Und für all jene, die es nicht gleich studieren wollen, gibt es Kurse, die einem beibringen, wie man richtig mit der Natur umgeht, nachhaltig lebt oder einen Rucksack richtig packt.

Gleich an meinem allerersten Tag in Volda schrieb mir eine andere Studentin meiner Universität, dass für den Abend ein „kurzer Spaziergang“ in Richtung Berge geplant sei, um die angekündigten Sternschnuppen zu sehen. Dieser „kleine Spaziergang“ brachte mich mit seinen vier Stunden ohne Pause, dafür aber mit steilem Anstieg, mehrmals an meine Grenzen und ich wusste, worauf ich mich in den kommenden Monaten einstellen musste. In der Zwischenzeit bin ich um einiges fitter geworden und habe schon diverse Gipfel erklommen.

Horrorgeschichten

Bei all meinen Einführungsveranstaltungen wurde betont, dass man die Natur zwar genießen solle, aber dass man nie in kleineren Gruppen als zu dritt und immer mit gut geplanter Strecke, mit Handy und genügend Proviant und Wasser aufbrechen sollte. Zudem wurde nicht an Horrorgeschichten gespart. Wie zum Beispiel, dass andere „Internationals“ schon mit Helikoptern vom Rotsethornet gerettet wurden, weil es dunkel wurde, sie sich verlaufen hatten, Sturmwarnungen aufkamen oder einfach im Eis nicht mehr vorankamen. Die vielen Wetterumschwünge, die man hier vor allem im Herbst erlebt, können auf einem Berg nämlich verheerende Folgen haben.

Besteigung des Wahrzeichens

Trotzdem war Ende Oktober nur noch eine kleine Gruppe von uns übrig, die aus diversen Gründen immer noch nicht das Wahrzeichen der Umgebung, den Rotsethornet, bestiegen hatte. Die Zeit drängte, da der Winter nahte. Auf der Spitze des Berges lag zwar schon Schnee, aber die Sonne schien und wir dachten, dass der Schnee wahrscheinlich nicht mehr tauen würde – womit wir schon mal falsch lagen. Also brachen wir eines samstags mit Schneespikes an den Schuhen ausgestattet auf Richtung Gipfel.

Wir hatten von unseren Freunden schon gehört, dass es einige Kletterparts gibt, an denen man sich am fast senkrecht abfallenden Stein mit Seilen hochziehen muss – diese kamen also nicht unerwartet. Was wir allerdings nicht ganz mit eingerechnet hatten, war, dass die wenigen Metalltritte, die zur Hilfe am Fels angebracht sind, komplett vereist waren und es ab und an schon ziemlich schlittrig zuging, wo wir wohl mehrmals mehr Glück als Verstand hatten.

Hätte Iulia vom International Office, die uns die vorher erwähnten Horrorstories erzählt hatte, das gesehen, hätte sie wahrscheinlich schon den Helikopter vorbestellt. Ich war also wirklich überrascht, als wir alle ohne größere Schockmomente am Gipfel ankamen und über Volda blicken konnten.

Oben hatte es etwa minus zehn Grad, unsere Finger waren vom Einstellen unserer Kameras vereist, aber wir waren sehr stolz auf uns und genossen die Aussicht.

Vom Rückweg war allerdings keine Spur. Alle Norweger, denen wir auf dem Weg hoch begegnet waren, hatten den kurzen Weg zurückgenommen, der uns aber einfach lebensmüde vorkam, da wir ja schon auf dem Weg hoch mehrmals fast gefallen wären. Der Schnee war so hoch, dass wir einfach rennen konnten, ohne auf Steine oder andere Untergrundeigenheiten achten zu müssen – wir fühlten uns wie im Winterwunderland. Eine spanische Freundin und ich rutschen Teile des Wegs auch einfach so herunter, was natürlich auch eine sehr komfortable Art des Wandern war.

Als wir die Schneegrenze erreichten, waren wir aber irgendwo im Wald – ohne Weg. Unsere zwei iPhones hatten die Kälte am Gipfel nicht überstanden. Doch zum Glück hatte mein Mitbewohner noch etwas Akku und konnte immerhin grob den Weg zum See, wo der Rückweg war, navigieren.

Wir schlugen uns also durch Äste, füllten unseren Wasservorrat an einem Wasserfall auf und währenddessen wurde es langsam dunkel. In einem besonders dunklen Teil des Waldes fing ich an, mir Sorgen zu machen, ob wir noch vor Sonnenuntergang den vorgesehenen Weg finden würden. Schließlich schafften wir es aber noch und hatten sogar noch eine halbe Stunde Sonne übrig, um den befestigten Weg den See entlang zurück Richtung Volda zu gehen. „Friluftsliv“ ist also nicht immer komplett harmlos, dafür bringt es aber meist Erfahrungen, die man nicht mehr vergisst.

 

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