Auslandsblog Eintrag 4: Kurs auf 78 Grad Nord (2. Januar 2018)

Wo soll man denn noch hin, wenn man gerade schon weiter nördlich wohnt, als man je zuvor selbst zum Urlauben war? Wahrscheinlich so hoch in den Norden, wie es irgendwie geht, schließlich hat man jetzt ja nicht mehr so weit hin. Diese Idee kam auf, als wir unsere norwegischen Mitbewohner fragten, was ihrer Meinung nach der schönste oder beeindruckendste Ort Norwegens sei. Als einer von ihnen sagte „Wahrscheinlich Svalbard“ stimmten alle zu, aber noch keiner von ihnen war dort gewesen. Svalbard, so nennen die Norweger die arktische Inselgruppe, die in Deutschland eigentlich nur unter dem Namen ihrer Hauptinsel Spitzbergen bekannt ist. Für mich war sie einer dieser Orte, von dem ich nie gedacht hätte, dass eine Reise dorthin für einen normalen Menschen wie mich möglich wäre. Ich fing sofort an zu suchen, wie viel Flüge in eine so abgelegene Gegend denn kosten und war überrascht, wie gut erreichbar Longyearbyen, die Hauptstadt Svalbards, war. So buchten meine Freunde und ich Flüge nach Tromsö in Nordnorwegen und schließlich noch ein Wochenende in Longyearbyen – der nördlichsten Stadt der Welt.

Die Inselgruppe Svalbard ist ein Habitat von Eisbären und der Winter dauert ganze sieben Monate, von denen sich vier Monate lang die komplette Dunkelheit der Polarnacht über die Insel legt. „Urlaub“ hier ist wahrscheinlich nicht für jeden etwas – gerade im Winter trifft man am Gate nach Longyearbyen vor allem Menschen in kompletter Winterexpeditionsmontur.

Auf dem „things to do in Svalbard“-Kalender finden sich in der dunklen Zeit hauptsächlich Wanderungen auf verschiedene Gletscher (Svalbard ist immerhin zu 60 Prozent von ihnen bedeckt), Huskyschlittenfahrten und Nordlichtersafaris. Man merkt schnell, dass die Polarnacht nicht die beliebteste Touristensaison ist, was dem Ort aber eine besondere Atmosphäre verleiht. Der hellste Tageszeitpunkt ist wahrscheinlich eine Art dunkle „blue hour“ irgendwann gegen Mittag – von richtigem Licht kann man dann aber auch nicht sprechen. Man sieht die meiste Zeit nur die Silhouetten der Berge, die das beeindruckende Longyeardalen bilden, in dem Longyearbyen liegt. Das dunkle Blau, das über der Stadt liegt, die Kälte von ungefähr minus 15 Grad Ende November und nicht zuletzt die Stille geben diesem Tal eine besondere Ausstrahlung. Hier kann man die hell erleuchteten Straßen entlang gehen und überhaupt nichts hören außer dem Knirschen des Schnees unter den eigenen Füßen.

Sobald mehr Schnee liegt, ist damit aber Schluss, denn dann beginnt die Hochsaison der Schneemobile. Läuft man vor Januar durch das Tal, findet man beeindruckende Ansammlungen Tausender Schneemobile, die verwaist entweder in abgesperrten Lagern oder aber mitten in der Landschaft herumstehen.

Man kann sich dann nur erträumen, wie sich die Stadt verändern muss, wenn sich mit der Sonne auch der Massentourismus über die Stadt ergießt. Schließlich hat Longyearbyen nur ca. 2100 Einwohner, ein normales Kreuzfahrtschiff, wie hier viele von Juni bis August anlegen, allerdings um die 3000 Passagiere. Ein Ort mit nur einem Supermarkt und vier öffentlichen Toiletten ist da schnell überlastet.

Tourismus produziert außerdem Müll, der das andere große Problem der Insel darstellt. Der Restmüll wird nach Schweden geflogen und dort verbrannt, besagte Schneemobile halten nur drei Jahre und werden dann in riesigen Containern ans Festland geschifft und Schmutzwasser inklusive Biomüll landet ungefiltert im Meer. Dabei ist gerade hier der Klimawandel so deutlich sichtbar wie an nur wenigen anderen Plätzen der Erde. Unser Guide formulierte treffend „extreme places face extreme changes“. Am besten sichtbar ist das wahrscheinlich am Isfjord, also dem Eisfjord, der bis 2009 noch von Eis bedeckt war. 2009 brach es und kam auch seither nicht wieder. Wer nun Longyearbyen besucht, sieht diesen Fjord nur als Wasser, das in die Barentssee führt.

Svalbard ist zwar formell Teil von Norwegen, aber die Einwohner sehen sich eher als selbstständige Gemeinschaft. Der Spitzbergenvertrag legt fest, dass Svalbard eine entmilitarisierte Zone ist und dass alle Einwohner eines Vertragslandes (ca. 50 Länder von Afghanistan bis hin zu den USA haben unterzeichnet) gleichberechtigt dort leben und arbeiten können.

Hier liegt auch der Grund, warum so viele Thais, Philippinos und auch Amerikaner, die es auf dem europäischen Festland schwerer gehabt hätten, in Spitzbergen Arbeit finden.

Der Name Spitzbergen passt übrigens sehr gut zu dieser Landschaft. Wie man auf meinen Bildern sieht, haben die langgezogenen Berge mehrere Spitzen, die seitlich ins Tal ragen und ihnen eine einzigartige Struktur geben. Von Schnee bedeckt und in Dunkelheit gehüllt, vermittelt diese Gegend eine Atmosphäre, wie man sie wahrscheinlich nur hier findet – auf 78 Grad Nord.

 

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