Auslandsblog Eintrag 1: Ein Semester zwischen Quesadillas und Hot Dogs (27. Dezember 2018)

Etwas mehr als vier Monate lebe ich jetzt schon in Mexiko, genauer gesagt in Tijuana, einer Stadt an der Grenze zu San Diego/ USA, mit 1,3 Millionen Einwohnern. Dort habe ich an der Universidad Autonóma de Baja California (kurz UABC), die letzten Monate Internationale Beziehungen studiert. An meiner Heimatuniversität Paussau studiere ich Kulturwirtschaft, für die ein Auslandsaufenthalt pfilcht ist und BWL auf Bachelor. Heute war mein letzter Tag an der UABC. Was mich in den letzten Monaten besonders geprägt und beeindruckt hat, will ich hier kurz zusammenfassen.

Viel Müll und wenig Grünfläche

Gleich vorweg: Tijuana ist keine schöne Stadt. Hier gibt es keine verwinkelten Gässchen oder hübsche Architektur, wie man sie aus Regensburg, Landshut oder Passau kennt. Keine Orte, die die Touristen scharenweise anziehen wie der Marienplatz in München. Dafür gibt es viel Müll und noch mehr, nicht ganz ungefährlichen, Verkehr (vermutlich bin ich nur deshalb noch nicht unter die Räder gekommen, weil meine Wegbegleiter weniger verpeilt und um einiges wachsamer sind als ich). Anstatt schöner Häuser gibt es funktionale, graue Gebäude und wenig Grünflächen. Für ein niederbayerisches Dorfkind wie mich, das den Großteil seiner Freizeit am liebsten an der frischen Luft verbringt, sind das keineswegs optimale Bedingungen. Trotzdem zählen die letzten vier Monate zu den spannendsten und interessantesten meines Lebens. Die ersten Wochen in Mexiko waren jedoch sehr schwierig für mich. Ich hatte zuvor nur zwei Jahre Spanisch, dementsprechend hatte ich Probleme beim Sprechen und Verstehen. Das hat mich einige Male wirklich an den Rand der Verzweiflung gebracht. Das Gefühl, nicht vollwertig mit seinem Umfeld kommunizieren zu können, ist mies. Aber das hat sich zum Glück schnell verbessert, so dass ich mittlerweile relativ fließend Spanisch spreche.

Zwischen Mexiko und den USA

Eine weitere, sehr interessante Erfahrung war das Leben in einem Ort an der Grenze zu den USA. Vom Zentrum Tijuanas aus sind es gerade mal 45 Autominuten nach San Diego, Kalifornien. Aufgrund der geringen Entfernung bin ich etwa einmal im Monat in die USA gereist. An den Grenzübergängen habe ich gemerkt, welch eine große Reisefreiheit wir zwischenden einzelnen EU-Ländern haben. Während man zuhause einfach mal schnell über die Grenze nach Österreich, Tschechien oder in den Urlaub nach Italien fährt, hat man an der Grenze zwischen Mexiko und den USA teilweise 3 Stunden Wartezeit für eine Passkontrolle. Wenn man dann noch einen schlecht gelaunten Officer erwischt, kann auch die Passkontrolle an sich zur Tortur werden.

Es ist nicht selbstverständlich, in die USA einreisen zu dürfen. Unsere mexikanischen Mitbewohner mussten für die Einreise viele Anträge ausfüllen und zum Konsulat gehen. Sie hatten immer das Risiko, abgelehnt zu werden, was einem meiner Mitbewohner auch passiert ist. Für meine beiden Freundinnen aus Passau und mich war die Einreiseerlaubnis in die USA etwas, das man im Vorfeld ganz schnell organisieren konnte.

Wohnen ohne Heizung

Jedes Mal, wenn ich in den USA war, ist mir sofort der Kontrast zwischen der „reichen“ USA und den doch durchaus schlechten Lebensbedingungen in Mexiko ins Auge gestochen. In unserer Wohnung haben wir zum Beispiel, wie auch in den meisten anderen mexikanischen Häusern weder Heizung noch isolierte Wände und Fenster. Deshalb lautet die Dewise im Winter: Zwiebellook (und leider trotzdem frieren) – auch im Haus. Natürlich gibtes auch Unterschiede hinsichtlich Essen, Leute und Kultur. Doch egal ob es sich um mexikanische Quesadillas oder amerikanische Hot Dogs handelte, Hauptsache, das Essen wird schnell und unkompliziert vorbereitet. Gesund ist es leider selten. Und in beiden Ländern trinken sie wahnsinnig gerne Cola. Da haben sie dann doch wieder was gemeinsam. Ich teile diese Vorlieben zwar nicht, aber wie meine ehemalige Passauer Mitbewohnerin aus NRW so schön sagen würde: „Jeder Jeck is’ anders.“

Hilfsbereite Mexikaner

Trotzdem habe ich mich nach jedem USA-Ausflug gefreut, wieder zurück in Tijuana zu sein. Die Stadt fühlt sich mittlerweile wie ein Zuhause an. In der mir besonders die aufmerksame, hilfsbereite, offene und gelassene Art der Mexikaner ans Herz gewachsen ist. Egal was passiert,sie geben einem immer das Gefühl, es gäbe für jedes Problem eine Lösung, Deshalb sei es sinnlos, sich reinzusteigern. Diese Gelassenheit und Selbstsicherheit übernimmt man nach einiger Zeit automatisch, so dass ich am Ende des Semesters ganz locker und entspannt vor 40 Leuten ein Referat komplett auf Spanisch halten konnte und das, obwohl ich immer unglaublich viel Angst davor hatte. Nicht nur die Mexikaner sind tolle Menschen, auch das Land Mexiko ist – abgesehen von Tijuana – wunderschön. Das haben wir auf unserem Roadtrip nach Baja California del Sur, unserem Ausflug ins Valle de Guadalupe, nach Ensenada oder auf dem Pferderücken im Rosaritos Bergland erleben dürfen. Mein Leben in Tijuana hat mich oft zum Nachdenken gebracht. Es war nicht immer leicht, trotzdem bin ich sehr glücklich und dankbar für diese wertvolle Erfahrung, die ich darüber hinaus mit einigen ganz besonderen Menschen teilen durfte. Denn wenn ich eines verinnerlicht habe, dann, dass es nicht der Ort an sich ist, der aus dem Erlebten schöne Erinnerungen werden lässt, sondern die Menschen, mit denen man diese Erlebnisse teilt. Zum einen hat sich die Freundschaft zu meinen beiden Freundinnen aus Passau weiter vertieft, so dass wir uns jetzt quasi blind verstehen und zum anderen habe ich sowohl an der UABC als auch innerhalb unserer chaotischen deutsch-mexikanischen-chilenischen Neuner(!)-WG viele unglaublich liebe Menschen kennengelernt und ins Herz geschlossen. Diese Menschen haben die letzten Monate zu genau diesem besonderen und unvergesslichem Erlebnis gemacht.

Nächster Halt: Guadalajara

Doch wer glaubt, ich kehre jetzt genau pünktlich zu Weihnachten für Glühwein, Plätzchen und Familientreffen zurück, hat sich getäuscht, denn in eineinhalb Wochen wird mich meine Reise weiter in den Süden Mexikos nach Guadalajara führen. Dort werde ich bis Ende April als Praktikantin im Ökotourismus arbeiten. Ökotourismus? Was darf man sich darunter jetzt vorstellen? Menschen in Birkenstock und Batikshirts, die Bäume umarmen? Nicht ganz. Was es damit genau auf sich hat und wie wichtig diese Art des Tourismus in Zukunft für unsere Art, zu reisen, sein könnte, erkläre ich euch demnächst.

 

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