ARD-Film-Tipp Sie erzählt von ihrem Mord - ganz eigene Gesetze in "Nur eine Frau"

, aktualisiert am 23.06.2021 - 13:07 Uhr
Hatun Sürücüs letzter Anblick war ihr eigener Bruder mit einer Pistole in der Hand. Er erschoss sie 2005 mitten in Berlin. Der „Ehrenmord“ sorgte damals für heftige Diskussionen. 2019 kam ein Film dazu in die Kinos. Foto: rbb/Vincent TV/Mathias Bothor

"Nur eine Frau" zeigt, wie weit selbst die eigene Familie geht, wenn Starrsinn auf Freiheitsdrang trifft.

Du machst deinen Schulabschluss und lernst einen Beruf. Du suchst nach der Liebe, schließt Freundschaften und gehst feiern. Du lebst dein Leben. Doch was, wenn genau das für dich unter Todesstrafe steht?

Darum geht’s: Aynur, eigentlich Hatun, ist Berlinerin. Hier ist sie geboren. Aber sie lebt nicht frei und weltoffen, wie viele andere Bewohner der Metropole. Sie hat den streng islamischen Regeln ihrer Familie zu folgen.

Mit 16 muss Aynur in die Türkei, um zu heiraten. Bald ist sie schwanger. Lange hält sie die Gewalt ihres Mannes nicht aus, kommt zurück in ihr Elternhaus. Von da an beginnt sie, sich von den Traditionen zu befreien.

Aynur zieht mit ihrem Sohn Can aus. Sie holt den Hauptschulabschluss nach, macht eine Lehre zur Elektroinstallateurin. Sie geht tanzen, legt ihr Kopftuch ab, verliebt sich und hat eine Beziehung.

In den Augen ihrer Familie ist all das Unzucht. Vor allem ihre Brüder können es nicht hinnehmen. Sie bedrohen ihre Schwester, beleidigen sie, auch in aller Öffentlichkeit. Aynur liebt ihre Brüder trotzdem. Sie weiß nicht, dass der jüngste von ihnen, Ayhan, sie umbringen wird. Um die Ehre der Familie zu retten, wie er es sieht.

Ayhan ist auf freiem Fuß. Seine Brüder, unter ihnen der mutmaßliche Waffenbeschaffer, werden nie verurteilt. Dafür fehlen dem Gericht Beweise.

Das Besondere: „Das bin ich“, sagt die Erzählstimme gleich in der ersten Minute des Films. Eine Leiche auf dem Gehsteig ist zu sehen. Hier spricht die tote Aynur und erzählt ihre eigene Geschichte. Der Film ist wie eine Rückblende aus dem Jenseits. Aynur erinnert sich in der Ich-Perspektive an ihren Weg zur selbstbestimmten Frau. Und damit in den Tod. Es fällt so noch leichter, mit ihr mitzuleiden.

In aller Kürze: Die Verfilmung des wahren Mordfalls von Hatun „Aynur“ Sürücü macht klar: Im Einwanderungsland Deutschland gibt es Welten mit ganz eigenen Gesetzen.

Fazit: „Nur eine Frau“ kommt ohne Rührseligkeit aus – und bleibt damit authentisch. Der Zuschauer spürt die Ungerechtigkeit und will wissen: Warum soll dieses ganz normale Leben Aynurs ein Verbrechen sein? Doch wer sich einfühlt in die Charaktere, fragt sich auch: Was können die Brüder für ihren Hass, den ihnen ihr Umfeld seit frühester Kindheit antrainiert hat? Der Film zieht dabei eine klare Grenze zwischen der offenen muslimischen Mehrheit und den strikten Sitten, die in Aynurs Familie gelten.

„Nur eine Frau“, Filmbiografie, Dauer: 90 Minuten, verfügbar auf daserste.de und Amazon Prime Video, freigegeben ab zwölf Jahren.

Hier geht es zur ARD-Mediathek und Amazon Prime Video. 

Der Trailer: 

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