Antisemitismus-Eklat Farenholtz lehnt Abbruch der documenta ab

Alexander Farenholtz ist Interims-Geschäftsführer der documenta fifteen. Foto: Falk Wenzel/KSB/dpa

Der erneute Fund von Werken mit antijüdischen Stereotypen auf der documenta sorgt weiter für Empörung. Der Interims-Geschäftsführer weist Forderungen nach einem Abbruch der Ausstellung jedoch zurück.

Trotz der erneuten Funde von Arbeiten mit antijüdischen Stereotypen auf der documenta fifteen in Kassel ist ein Abbruch der Schau für Interims-Geschäftsführer Alexander Farenholtz keine Option.

"Ich habe nicht das Gefühl, dass die Stimmung auf der documenta solche Forderungen widerspiegelt", sagte er in Kassel. "Und das ist auch ganz sicher nicht die Stimmung, die bei der Künstlerischen Leitung und bei mir herrscht."

Auch eine systematische Prüfung aller verbliebenen Werke lehnt der 68-Jährige weiterhin ab. "Es besteht kein Generalverdacht gegen die documenta und daher auch keine Veranlassung für eine generelle Prüfung." Zu den jetzt kritisierten Darstellungen bereite die Künstlerische Leitung einen Text als Erläuterung vor, der der Ausstellung zugefügt werde. "Eine Entfernung der Zeichnungen ist nicht angezeigt", betonte Farenholtz.

Entsprechende Forderungen waren in den vergangenen Tagen laut geworden, nachdem auf der Ausstellung erneut Arbeiten mit antisemitischer Bildsprache entdeckt worden waren. Schon kurz nach der Eröffnung der documenta Mitte Juni war ein Banner mit judenfeindlichen Motiven entdeckt und abgebaut worden. Bereits seit Januar gab es erste Stimmen, die dem indonesischen Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa und einigen eingeladenen Künstlern eine Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS vorwarfen.

Neue Antisemitismus-Werke aufgetaucht

Die aktuelle Entdeckung liegt Farenholtz zufolge drei Wochen zurück. Eine Besucherin beschwerte sich demnach bei der documenta über Darstellungen in einer Broschüre, die 1988 in Algier erschienen ist. Die Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly zeigen etwa Soldaten mit Davidstern am Helm als Roboter mit entblößten Zähnen.

Die Darstellungen seien für eine Prüfung zunächst aus der Ausstellung entfernt worden, erklärte Farenholtz. Die Staatsanwaltschaft habe sie als strafrechtlich nicht relevant eingestuft. Darüber hinaus habe die Künstlerische Leitung sie als Archivmaterial bewertet, das im historischen Kontext entstanden sei und dokumentarischen Charakter habe. Sie seien daher wieder in die Ausstellung zurückgegeben worden.

Der Kulturmanager räumte bei diesem Vorgehen "handwerkliche Fehler" ein. Man habe zum einen versäumt, der Beschwerdeführerin den Umgang mit ihrer Beschwerde zu erläutern. "Der zweite Fehler war, nicht ausdrücklich zu entscheiden, ob es einer Kontextualisierung bedarf oder nicht. Diese Entscheidung ist einfach unterblieben."

Klares Verfahren bei Beschwerden

Daraus habe die documenta Lehren gezogen, sagte er. Für künftige Beschwerden jeglicher Art gebe es jetzt ein klares Verfahren. Demnach sollten potenzielle Beschwerdeführer über den Ausgang informiert werden. Zudem solle über möglicherweise notwendige Erläuterungen betroffener Werke konkret entschieden werden.

Kritik an mangelnder Kommunikation des Kuratoren-Kollektivs Ruangrupa wies Farenholtz zurück. "Es ist nicht richtig, daraus Rückschlüsse auf eine mangelnde Bereitschaft zu ziehen." Die Mitglieder der Gruppe seien sehr zugänglich und nahbar, insbesondere vor Ort in Kassel und in der Ausstellung seien sie sehr präsent. "Ruangrupa zeigt seine ausdrückliche Bereitschaft zum Dialog auf Augenhöhe." Auch für sie sei die Situation belastend.

Der von den Gesellschaftern - der Stadt Kassel und dem Land Hessen - angekündigten fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta durch externe Experten stehen demnach alle Beteiligten offen gegenüber. "Ich möchte alles dafür tun, dieses Gremium in seiner Arbeit zu unterstützen", betonte Farenholtz.

An dessen Konstituierung arbeiteten das Kulturdezernat der Stadt Kassel und das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst "mit Hochdruck", teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Nähere Angaben wurden dazu noch nicht gemacht. Sobald das Gremium konstituiert sei, werde es sich auch mit den aktuellen Ereignissen befassen.

Weiter Empörung über documenta

Die sorgten am Freitag weiter für Empörung. Es verstärke sich immer mehr der Eindruck, "dass die documenta fifteen von Ideologen gekapert worden ist, denen es vor allem darum geht, die Existenz des Staates Israel zu delegitimieren", teilte etwa das Internationale Auschwitz Komitee mit.

"Die weiteren antisemitischen Bilder auf der documenta fifteen dokumentieren den fehlenden Willen der Künstlerischen Leitung, sich ernsthaft und klar von judenfeindlicher Schmäh-Kunst zu distanzieren beziehungsweise diese zu unterbinden", sagte der hessische Antisemitismusbeauftrage Uwe Becker laut Mitteilung. Erklärungen oder Formen der Einordnung seien falsche Mittel im Umgang mit Judenhass. "Es darf keine Hintertüren für Antisemitismus geben - weder auf der documenta fifteen noch sonst an einem Ort in unserem Land."

Der Grünen-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, fordert in der "Frankfurter Rundschau" (Samstag) Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) dazu auf, alle Zahlungen des Landes ab sofort an die Bedingung zu knüpfen, dass auf der documenta keine antisemitischen Bilder mehr gezeigt werden dürften. Alle ausgestellten Werke müssten auf judenfeindliche Bildsprache untersucht werden. Wenn Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) dies als Mitglied des Aufsichtsrats nicht durchsetzen könne, müsse Rhein sie aus dem Gremium abziehen, fordert Beck dem Bericht zufolge - ohne Dorn dabei namentlich zu nennen.

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

 
 
 

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