Abenteuer Zugspitzwanderung: Auf den Spuren von Naus

Die Zugspitze ist der höchste Berg in Deutschland. Foto: Sven Hoppe/dpa

Sechs Stunden Anstrengung für einen sagenhaften Ausblick: Lukas Mühlehner aus Straubing hat die Zugspitze bestiegen. So erging es ihm dabei.

Mit einem lauten, unwirklichen Rattern bricht eine Seilbahngondel aus dem undurchdringlichen Nebel über mir hervor und schaukelt an einem langen dünnen Stahlseil hinauf zum Gipfel der Zugspitze. Ich blicke nach oben. Um auf Deutschlands höchsten Berg zu gelangen, kann man zwischen zwei Seilbahnen und einer Zahnradbahn wählen. Oder man entscheidet sich für einen der beiden Klettersteige. So schaffte es Joseph Naus 1820 als Erster auf den Berg. Mit meiner Familie habe ich mich auf seine Spuren begeben. Wir erklimmen die Zugspitze über den österreichischen Klettersteig.
Ich breche um ziemlich genau neun Uhr vom Parkplatz der Tiroler Seilbahn auf 1 225 Höhenmeter auf. Die Wiener-Neustädter-Hütte, erstes Etappenziel, ist mit drei Stunden angeschrieben. Auf dem gelben Wegweiser darüber steht „Zugspitze – sechs Stunden“. Der Weg, der mich dorthin führen soll, sieht erstmal gar nicht so spannend aus. Es geht nur über eine grasige Skipiste hinauf in einen lichten Wald. Doch bald zweigt ein Trampelpfad in ein mit Latschen durchbrochenes Geröllfeld und die riesigen Wände des umwölkten Zugspitz-Massivs kommen näher. Meine Aufregung steigt.

Warm und windstill

Etwa eine halbe Stunde später hat sich das Latschenwäldchen ganz gelichtet. Rechts vom Wanderweg erstreckt sich ein graues Geröllfeld, direkt am Fuße einer hohen, wuchtigen Felswand. Links späht man über die Baumwipfel hinab ins österreichische Ehrwald. Hier, auf 1 600 Höhenmeter, ist das Wetter noch recht warm und windstill. Man hat einen guten Ausblick, doch das Zugspitz-Massiv ist auf den letzten hundert Metern noch ganz von grau-weißen Wolken umgeben.
Ich wandere durch steile, grasige Almlandschaften, durchquere ein weiteres Latschenfeld und komme nun in Sichtweite eines felsigen Bergkamms, den es zu besteigen gilt. Es wird windiger. Alte Ruinen tauchen auf, ich vermute, dass sie einst dem Grenzschutz oder zur Zollkontrolle dienten. Anstrengend steil ist der Schotterweg den Pass hinauf. Oben erwartet mich eine der mächtigen Stützen der österreichischen Seilbahn. Eine der beiden großen Gondeln rattert über meinen Kopf hinweg.

Pause mit Gulaschsuppe

Ich klettere über den Pass und sehe bald den Eibsee unten im Tal. Die Zugspitze ist immer noch rechts des Weges, der sich an die Flanken des Berges schmiegt. Immer wieder müssen einige Felspassagen kletternd überwunden werden. Nach einem weiteren, steilen Anstieg stehe ich nun auf über 2 200 Höhenmetern vor der Wiener-Neustädter-Hütte. Die rustikale Hütte ist in eine Felserhebung eingebettet. Vor ihr breitet sich ein größeres Geröllfeld aus, hier fußt eine weitere massive Wand, die ich später besteigen werde. Doch zuerst mache ich eine Pause mit warmer Gulaschsuppe in der Hütte. Der Aufstieg hierher war mit zweieinhalb Stunden recht kurz, aber anstrengend. Etwa 1 000 Höhenmeter habe ich bereits überwunden. Jetzt, nachdem der Zustieg geschafft ist, beginnt der aufregendere Teil – der Klettersteig. Ich sehe mir die Linie im Fels genauer an, versuche zu erkennen, wo mich das Stahlseil hinführen wird und freue mich, dass ich hier bin.
Dann geht es wieder los. Ich überquere das Geröllfeld und gelange zum Einstieg des Klettersteigs. Direkt am Fuß der Felswand beginnt der „Stopselzieher“, ein Klettersteig der Schwierigkeitsgrade A und B, der auf der österreichischen Seite auf die Zugspitze führt.
Ich lege Gurt, Sicherungsset und Helm an und beginne, in die Wand einzusteigen. Zuerst geht es in einem felsigen Kamin hinauf, dann wird weiter am Stahlseil geklettert. Deutlich höre ich weiter oben das Geräusch klirrend einschnappender Karabiner und herabrutschender Steine. Besonders ausgesetzte Stellen sind selten, und so muss ich mich nicht oft am Seil einhaken. Trotzdem ist es schön, mitten in der grauen Felswand zu steigen – über sich den Gipfel der Zugspitze und unter seinen Stiefeln das Eisen des Klettersteiges. Die Seilsicherungen werden weniger und ich muss mich an den roten Wegmarkierungen orientieren.
Ich befinde mich in einer breiten Verschneidung, links über mir die Seilbahn, rechts die spitzen Ausläufer des Massivs. In einer Höhe von etwa 2 500 Metern beginnen mich kalte Wolkenbänke einzuschließen. Der tolle Fernblick ist dahin, nun sehe ich nur noch achtzig bis hundertfünfzig Meter weit. Ich ärgere mich. Auch das Gelände verändert sich: Während ich zuvor noch stahlseilgesicherten Steigen folgte, rutsche ich jetzt auf dem sandfarbenen Schotter, der die steilen Serpentinen bedeckt.
Über mir schwingt gespenstisch eine Seilbahngondel aus dem Nichts hervor und verschwindet wieder im Nebel. Ich entdecke ein großes, eckiges Gebäude, ein Teil der ehemaligen österreichischen Seilbahn. Seit einigen Jahrzenten steht es verlassen hier. Ich klettere weiter.

Felsig und fordernd

Als ich weiter steige – der Weg bleibt felsig und fordernd – bekomme ich die Gelegenheit, das Gebäude näher zu inspizieren, der Pfad führt nämlich direkt an dem eckigen Kasten vorbei. Von hieraus ist es nicht mehr allzu weit bis zu einem brüchigen Kamm, auf dessen anderer Seite weiter unten die Reste des Schneeferners auftauchen. Auf dem grauen Schnee wuseln Menschen wie Ameisen umher. Ich treffe auf immer mehr Bergsteiger, schließlich ist es nicht mehr weit zum Gipfel.
Weiter auf dem Rücken des Bergkamms gelange ich vorbei an Wetterstationen und Rohrleitungen zu den Seilbahnen und Hütten, die direkt auf der Zugspitze stehen. Es fühlt sich unwirklich an, wieder so viele Menschen zu sehen.
Eine Treppe führt uns zu einem gepflasterten Platz voller Touristen, und da sehe ich ihn: einen großen, grauen Felsklotz, schön anzusehen und mit lauter Menschen drauf – so sieht der Gipfel der Zugspitze aus.
Die letzten fünfzehn Meter dränge ich mich mit vielen anderen Bergsteigern und Touristen hinauf und stehe endlich auf der Zugspitze, der mit 2 962 Höhenmeter größte aller deutschen Berge. Hoch in die Wolken ragt das goldene Gipfelkreuz.

 

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