Ab in den Kanal Willkommen in der Straubinger Unterwelt!

Meine Montur, Gummistiefel, Handschuhe und ein schützender Vliesanzug. Foto: Stefan Gärtner

Kaum einer schaltet das Kopfkino ein, wenn er die Klospülung drückt. Wo geht das Abwasser hin, wie sieht es dort aus und wer sorgt für den problemlosen Ablauf? Ich bin den Dingen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund gegangen und habe mich ins Kanalsystem der Stadt Straubing gewagt. Ein Erfahrungsbericht.

An einem Dienstagmorgen treffe ich mich mit Diplomingenieur Stefan Gärtner, Bereichsleiter für die Planung und den Neubau im Straubinger Kanalsystem, sowie seinen Kollegen Hans Witzmann und Alexander Jeschke in der Straubinger Bahnhofsstraße. Mir wird bewusst, dass ich an dem Kanalschacht, in den ich gleich rein soll, schon dutzende Male einfach vorüber beziehungsweise darüber gelaufen bin. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, was da unter der Erde ist.

Es geht 50 Meter durch einen frisch sanierten Mischwasserkanal – das heißt, hier wird nicht nur das gebrauchte Wasser aus den umliegenden Häusern abgeleitet, sondern auch Regenwasser. Später erkenne ich, dass meine drei Führer eine "Mädchenstrecke" für mich ausgewählt haben. In dem frisch sanierten Kanalstück sind weder Ratten noch größere Verschmutzungen zu erwarten.

Während ich in die Gummistiefel und in einen weißen Schutzanzug aus Vlies steige, prüft Alexander Jeschke mit einem Gaswarngerät, das er in den Kanal an einer Schnur hinunterlässt, den Gasgehalt. Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff könnten gefährlich werden, wenn sie konzentriert im Kanal vorliegen. Man könnte ohnmächtig werden. Ich bin nervös und wäre gar nicht mal so enttäuscht, wenn wir jetzt nicht einsteigen könnten. Alexander Jeschke zieht das Gerät heraus und prüft die Werte. Er gibt sein Okay. Nun wird es ernst.

Ab in "meinen" Kanal

Kamera aufgeschnallt, Fotoapparat umgehängt und die Vlieskaputze über den Kopf gezogen. Es kann von oben tropfen, klären mich die drei Spezialisten auf. Ich bin gespannt, was mich da unten erwartet, und ich habe einen stabilen Magen, wenn ich auch heute nicht gefrühstückt habe. Sicher ist sicher!

Etwas mulmig ist mir beim Abstieg. Ich bin sehr unsicher auf Leitern, habe immer ein bisschen Angst, dass ich eine Sprosse verfehle und falle. Die erste Leitersprosse im Kanal liegt etwa einen halben Meter unter der Erde. In meinem Kopf sehe ich mich Rücken voraus in den Kanal fallen. Doch nichts passiert, meine drei Kanalführer reichen mir helfende Hände und erklären mir genau, mit welchen Griffen in sicher runterkomme.

Im Kanal ist es dunkel, man hört den Lärm von der Straße wie aus einem Lautsprecher. Unser Kanalabschnitt ist nur ein winziges Teilstück des Straubinger Kanalnetzes, bestehend aus 270 Kilometern Schmutz-, Regen-, Mischwasser- und Straßenentwässerungskanälen, erfahre ich. Es riecht etwas etwas muffig, wie in einem Kuhstall, aber eigentlicht nicht eklig. Der Kanal ist 1,40 Meter hoch und 75 Zentimeter breit. Nichts für Leute mit Platzangst. In den Wänden spiegelt sich mein Kamerablitz, sie sind frisch verputzt. Früher war hier Mauerwerk mit Nischen, Brüchen und Rissen. Immer wieder dringen Oberflächenwasser und Wurzeln von Bäumen in die Kanäle ein und machen sie brüchig, bekomme ich erklärt. "Wir sind quasi ständig am Sanieren. Wenn wir an einer Stelle fertig sind, geht es an der nächsten los," meint später Stefan Gärtner.

Auch für Damen geeignet

Nun erfahre ich das mit dem "Mädchenkanal". Ratten sehe ich hier nicht. Die sind nicht zu erwarten, klären mich meine Kumpels unter Tage auf. An anderer Stelle in Straubing sind Kanalratten ein echtes Problem. "Es liegt an den Küchenabfällen und Speiseresten, die die Leute achtlos ins Klo werfen. Ein gefundenes Fressen für die kleinen Nager, die sich rasend schnell vermehren können. "Wir haben hier bestimmt mehr Kanalratten unter der Erde als Einwohner in Straubing", schätzt Stefan Gärtner. Bizarre Vorstellung! Bei der Straubinger Stadtentwässerung werden sogar Kurse abgehalten, wie man Rattenköder richtig auslegt. Nur so ist es für die Sanierungstrupps einigermaßen sicher, wenn sie ihre Arbeit verrichten.

Und dann bin ich schon mitten im Kanal. Es ist dunkel, ohne Taschenlampe würde ich das schmale Rinnsal, dass am Boden fließt, nicht erkennen. Mit der Taschenlampe sehe ich, dass das Wasser etwas trübe ist, aber zu meiner Erleichterung ist da kein richtiger Schlamm. Ich komme zu einem Rohr, das in den Kanal mündet. Hier sind die Zuflüsse von den Häusern. "Wenn es hier gluckert, lieber nicht vorbeigehen. Das ist dann eine Klospülung," rät mir Gärtner. Ich will auf keinen Fall Klowasser in meine Stiefel bekommen. Also Ohren gespitzt.

Meine Beine werden langsam müde. In gebückter Stellung hier durchzugehen, geht ganz schön auf die Oberschenkel. Mir wird klar, dass die Männer, die hier unten arbeiten, wirklich fit sein müssen. Ich frage schnaufend, wie weit es noch bis zum Ausstiegs-Gully ist. Zehn Meter. Irgendwann sehe ich dann Licht über mir. Die Welt empfängt mich wieder. Jetzt heißt es nochmals aufpassen auf der glitschigen Leiter. Ich bin froh, dass ich Handschuhe anhabe, denn hier sind schon viele Stiefel auf die Sprossen getreten. Als ich die letzte Sprosse errreicht habe, stellt Hans Witzmann helfend seinen Fuß vor die Luke auf den Boden. Ich soll mich daran festhalten. Ein alter Trick bei den Kanalarbeitern. Kameradschaft wird hier groß geschrieben.

 
 

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