300. Ausgabe der Freistunde-Zeitung Zwischen dem, was war und noch kommen wird - eine Kurzgeschichte

 Foto: Pixabay

Der Ball rollte in der engen Gasse die steinernen Stufen hinab. Zwei Jungen, kaum zwölf Jahre, rannten ihm begierig hinterher. Wie eine Treppe in den Himmel hatte man Haus über Haus gebaut, dreihundert Stockwerke hoch. Zu viele Gebiete waren einfach unbewohnbar geworden, sei es durch übermäßige Hitze oder Überflutungen. Über den Gassen fädelten sich zahlreiche Kabel.

Als die Technik vor rund fünfzig Jahren ihren Höhepunkt überschritten und zusammengebrochen war, hatte man schnell handeln und sich an den Gegebenheiten von vor über dreihundert Jahren orientieren müssen, damit man zumindest telefonieren konnte. Zudem gab es nach dieser großen Krise einen zehnjährigen Bürgerkrieg mit Spaltungen, bis sich schließlich drei Länder die Vorherrschaft sicherten: Amerika, China und Deutschland.

Wenn Léan Feuer gefangen hatte, war er nicht mehr zu bremsen

Von nun an gab es keine fliegenden Autos oder Roboter mehr. Einzig wenige Institutionen, wie Heilhäuser mit ihren Maschinen, die in zwei Minuten jede erdenkliche Krankheit heilen konnten, wurden mit Technik versorgt. Jetzt versuchte man langsam wieder, Energie aus dem Weltall möglich zu machen.

„Kommt dich eigentlich deine Tante vom Jupiter am ‚Tag der Neuen Länder‘ besuchen?“, fragte Kuno. „Wahrscheinlich erst nach dem Feiertag. Und dein Opa vom Mars?“ Léan zuckte mit den Schultern. „Seine Blutkrankheit wird schlimmer. Er spart schon die ganze Zeit für die Behandlung mit einer dieser kosmisch teuren Maschinen.“ Er hob den Ball auf und blickte direkt auf ein zerbrochenes Fenster zu seinen Füßen. Selbst unter der Erde gab es Häuser.

Freistunde300

HINWEIS: 300. Ausgabe der Freistunde, wir reisen 300 Jahre in die Zukunft! Dieser Text stammt aus Jubiläumsausgabe der Freistunde-Zeitung. Eine Übersicht über alle Artikel daraus gibt es hier: Alle Texte unserer Zeitreise.

„Das war bestimmt unser Ball, lass uns abhauen“, drängte Kuno ängstlich, doch Léan machte sich daran, die Scherben wegzuschieben. „Niemand verwendet mehr normales Glas. Nur noch dieses einbruchsichere Gummiglas. Da drin kann also nichts von Wert sein.“ Entgegen der Einwände seines Freundes steckte er den Kopf durch die Öffnung. „Da ist ein hoher Schrank, auf den können wir uns fallenlassen. Komm, sehen wir mal nach.“ Mit leuchtenden Augen drehte sich Léan zu seinem Freund um.

Kuno wusste: Wenn Léan für irgendetwas Feuer gefangen hatte, war er nicht mehr zu bremsen. „Na schön, aber nur kurz.“ Léan ließ sich zuerst auf den Schrank fallen, dann auf Kartonstapel gen Boden. Kuno folgte zögerlich. „Boah, schau dir das an!“ Auch Kuno stand der Mund offen. Vor ihnen erstreckten sich Hunderte Regale voller „Schachteln“. „Was ist das?“, fragte Léan und zog eine davon heraus. „Harry Potter“ las er, was immer das auch sein mochte.

Die Digitalisierung machte Bücher überflüssig

Das Unbekannte ließ sich aufschlagen und nichts als Wörter waren zu lesen. „Das sind Bücher“, sagte Kuno überrascht, „ich dachte, die gibt es nicht mehr.“ Während der Blütezeit der Digitalisierung wurden Bücher immer seltener, da alles auf digital umgestellt wurde. Die Buchdruckmaschinen vernichtete man, da sie nicht mehr gebraucht wurden.

Sie streiften umher, begierig, mehr aus der alten Zeit herauszufinden

„Sieh dir das mal an“, rief Léan von weiter hinten. Kuno folgte der Stimme und fand seinen Freund vor einer schweren Holztür stehen. „Bibliothek“ prangte auf einem großen Schild. „Was ist das?“ Léan runzelte die Stirn. Kuno überlegte fieberhaft, wo hatte er den Begriff schon einmal aufgeschnappt? Da fiel es ihm wieder ein. „Da konnte man sich Bücher ausleihen.“ „Das ist doch schon ewig her … Wem das alles wohl gehört?“ Die beiden Jungen streiften umher, begierig, mehr aus der alten Zeit herauszufinden.

Gegenseitig riefen sie sich ihre Entdeckungen zu: „Es gab mal 194 Länder auf der Welt und um die 7000 Sprachen. Kannst du dir das vorstellen? Und Planetenbesiedlungen gab es auch ewig keine.“ „Atomkraftwerke? … Damit erzeugte man Strom.“ „In … sta … gram. Das war eine Internetplattform, auf die man Fotos stellen und die ganze Welt konnte zeigen, dass sie einem gefallen. Verrückt.“ Sie blätterten und staunten, bis plötzlich ein Rumpeln jenseits der Holztür erklang. „Warst du das?“, fragte Léan. „Nein“, kam es von Kuno leise. Léan ging zu seinem Freund. „Dann hauen wir mal besser ab. Aber das behalten wir für uns und gleich morgen kommen wir wieder her.“ „Einverstanden.“

Freistunde-Logo

Hinweis: Dieser Text stammt aus der Freistunde, der Kinder-, Jugend- und Schulredaktion der Mediengruppe Attenkofer. Für die Freistunde schreiben auch Leser, die Freischreiben-Autoren. Mehr zur Freistunde unter freistunde.bayern.

 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading