300. Ausgabe der Freistunde-Zeitung Love in the future – eine Kurzgeschichtele

 Foto: Laura Niederbruckner

Wir schreiben das Jahr 2322. So wie vor 300 Jahren die Homosexuellen unterdrückt wurden, gelten nun Heterosexuelle als „unnormal“. In den meisten Familien ist es verboten, als Mädchen oder Frau einen Mann oder Jungen zu lieben und umgekehrt.

Ich lief mit ziemlich hohem Tempo durch den Korridor und schaute auf die Uhr. Sie zeigte 12.14 Uhr. Ich hatte noch genau eine Minute Zeit, um in die nächste Stunde zu kommen. Und für diese Stunde musste ich in das nächste Stockwerk.

Ich konnte dem Drang nicht widerstehen, tief einzuatmen

Ich beschleunigte meine Schritte noch einmal. Die Bücher in meiner Hand wurden immer schwerer und ich merkte, wie ich anfing zu schwitzen. Ich hetzte wie eine Verrückte um die Ecke, als ich plötzlich gegen etwas, oder besser gesagt jemanden, rannte. Die Person stand so urplötzlich vor mir, dass ich nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte.

Manchmal, da war ich mir ziemlich sicher, war ein Fahrradhelm nicht nur beim Fahrradfahren eine gute Idee. Mein Sturz war das perfekte Beispiel. Zwar federte mein Rucksack den Aufprall etwas ab, aber trotzdem spürte ich in meinem Kopf einen stechenden Schmerz. Meine Bücher verteilten sich mit einem lauten „Klatsch“, das in den Gängen widerhallte, auf dem Boden. Ich stöhnte auf. Das war’s dann wohl mit dem Plan, nicht zu spät zur nächsten Unterrichtsstunde zu kommen.

Freistunde300

HINWEIS: 300. Ausgabe der Freistunde, wir reisen 300 Jahre in die Zukunft! Dieser Text stammt aus Jubiläumsausgabe der Freistunde-Zeitung. Eine Übersicht über alle Artikel daraus gibt es hier: Alle Texte unserer Zeitreise.

Ich hörte ein unterdrücktes „Oh, shit!“ und auf einmal stand jemand über mir. „Hey, ist alles in … Ordnung?“, hörte ich die Stimme eines Jungen. Ich drehte meinen Kopf, um ihm ins Gesicht zu blicken. Ich glaube, ich vergaß kurz, weiterzuatmen, als ich ihn anschaute. Der Junge hatte blonde Locken, die ziemlich verwuschelt aussahen. Sein Gesicht war braun gebrannt und kleine Narben zogen sich über seine linke Schläfe. Er trug ein weißes Hemd und eine hellblaue Jeans, zusammen mit weißen Turnschuhen. Sein Kleidungsstil gefiel mir sofort. Auch ich war in der Schule eher schick angezogen. Heute trug ich beispielsweise eine blaue Bluse und eine enge, schwarze Lederhose.

Sein Geruch stieg mir in die Nase. Ich konnte dem Drang nicht widerstehen, tief ein- und auszuatmen. „Ähh … ja.“ Der schöne Junge fuhr sich nervös mit der Hand durch sein Haar. Dann streckte er sie mir entgegen. Ich nahm sie nicht sofort. Ich konnte der ganzen Situation nicht ganz folgen. Schließlich legte ich aber doch meine Hand in seine. Kaum hatte ich „eingeschlagen“, zog er mich mit einer solchen Wucht nach oben, dass ich leise quiekte.

Das Schweigen wurde zunehmend unangenehmer, ich schaute mich um

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht noch einmal umzufallen. Mein Gleichgewichtssinn war noch nie sonderlich gut gewesen. „Ähm … danke“, brachte ich gerade so heraus. „Immer wieder gerne“, erwiderte der Junge. Das Schweigen wurde zunehmend unangenehmer und ich schaute mich verzweifelt und möglichst unauffällig nach etwas um, das ich tun könnte. Dann fielen mir meine Bücher ein. Schnell bückte ich mich, um sie aufzuheben. Während ich eines vom Boden nahm, spürte ich immer noch seinen Blick auf mir.

Was seine Berührung mit mir anstellte, war einfach unglaublich

Meine Wangen wurden rot. Mein Herz fing an zu rasen. Mich traf die Erkenntnis wie ein Schlag. Ich rappelte mich so schnell auf, dass ich aus Versehen über meine Füße stolperte. Ich strauchelte, hatte Angst, schon wieder auf den Boden zu fallen, als mich zwei Arme auffingen. Scheiße! Was seine Berührung mit mir anstellte, war einfach unglaublich. Alle meine Härchen stellten sich auf und mein bescheuertes Herz fing an, wie irre zu rasen. Wir kannten uns seit exakt sieben Minuten.

Scheiße, ich war ja schon fünf Minuten zu spät. Mist, Mist, Mist! Schnell befreite ich mich aus den Armen des Jungen. „Äh, ja, danke, noch mal. Ich muss jetzt auch los. Man sieht sich!“, krächzte ich und hastete los. „Man sieht sich, ähm ... warte … wie heißt du?“ Ich stoppte auf der Stelle und drehte mich um. „Ich … mein Name ist Yasmin“, stotterte ich. Hatte meine Stimme etwa so sehr gezittert? Ich drehte mich endgültig um und eilte, so schnell ich konnte, aus dem Korridor raus.

Ich musste mich zusammenreißen, nicht in Tränen auszubrechen. Ich hatte mich verliebt. Verdammt, ich hatte mich in einen Jungen verliebt.

Freistunde-Logo

Hinweis: Dieser Text stammt aus der Freistunde, der Kinder-, Jugend- und Schulredaktion der Mediengruppe Attenkofer. Für die Freistunde schreiben auch Leser, die Freischreiben-Autoren. Mehr zur Freistunde unter freistunde.bayern.

 

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