200. Ausgabe der Freistunde-Zeitung Matthias Keck über den Wunsch nach einer besseren Welt

Matthias Keck (18, aus Frauenberg/Landshut): "Mein größter Wunsch ist es, mein ganzes Leben lang an all den vielen Fehlern, die ich immer wieder begehe, – mir selbst, meiner Familie und meinen Freunden gegenüber – zu wachsen und aus ihnen zu lernen." Foto: privat

Schon immer wollten die Menschen besser leben als die Generation vor ihnen. Diesem Wunsch spürt Matthias Keck nach. Ein Blick in die Vergangenheit und ein Ausblick in die Zukunft.

Die Welt ist und war nie perfekt. Aber wir wären nicht wir Menschen, würden wir uns damit zufriedengeben. Seit jeher wollen wir die Gesellschaft verbessern. Die Frage, die sich stellt, ist die nach dem Wie. Die Menschheit gab in ihrer Geschichte schon auf eindrucksvolle Weise Antworten – und schlug nicht selten über die Stränge. Heute müssen wir den Sinn hinter unserem Leben neu entdecken. Steuern wir in eine bessere Welt? Ein Blick zurück liefert Antworten.

Neue Ideen in der alten Welt

Versetzen wir uns in das Zeitalter der Aufklärung. Europa war bereit für Veränderung. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ forderte Immanuel Kant, der berühmte Denker des 18. Jahrhunderts. Flugschriften und erste Zeitungen verbreiteten diesen Geist. In der „Neuen Welt“ erklärten sich britische Kolonien für unabhängig, die Vereinigten Staaten waren gegründet. Die Amerikaner bewiesen: Freiheit und Gleichheit waren möglich.

Das alles war Nährboden für einen Wunsch, der in vielen Menschen entsprießte: ein Leben in Selbstbestimmung. Für die meisten Europäer sah die Realität aber völlig anders aus. Die Bevölkerung war in Stände eingeteilt. Fürsten kontrollierten die unterste Schicht, die Bürger und Bauern. Doch das war nicht mehr zeitgemäß. Der Schriftsteller Gottfried August Bürger brachte zur Sprache: „Du Fürst hast nicht den Erntetag durchschwitzt. Mein, mein ist Fleiß und Brot!“

In Frankreich führten solche aufmüpfigen Ideen zu einem der berühmtesten Kapitel europäischer Geschichte: der Französischen Revolution. Eigentlich wollte König Ludwig XVI. adelige und kirchliche Abgeordnete sowie Vertreter des dritten Standes einberufen, um die bankrotte Staatskasse durch Steuern wieder sprudeln zu lassen. Die gewählten Volksvertreter waren aber nicht gekommen, um die Pläne abzuwinken. Bauern und Bürger schickten sie mit Beschwerdeschriften: „Andere haben gar nichts und sterben an Hunger“, heißt es in einem Schreiben.

Ein Sturm des Umsturzes

Der verarmte dritte Stand hatte mit Nahrungsknappheit zu kämpfen, sollte aber Hofstaat und Kirche ernähren. Dazu forderten reiche Bürger Mitbestimmung. Das ergab einen wütenden Sturm des Umsturzes, der auf den König zuraste. Die Abgeordneten hatten fast das ganze Land hinter sich. Und fanden sich kurzerhand ohne Adelige und die Kirche in der Nationalversammlung zusammen. Der König wurde praktisch entmachtet.

Die Pariser Stadtbewohner feierten das und nahmen am 14. Juli 1789 das Staatsgefängnis, die Bastille, ein. Überall im Land stürmten die Menschen daraufhin Schlösser und Klöster. Ende August verkündete die Nationalversammlung die Menschen- und Bürgerrechte. Der Wunsch der Menschen nach einer besseren Welt verwandelte sich in strahlende Wirklichkeit. Leider aber nicht für immer. Die Revolution brachte wenige Jahre später eine Terrorherrschaft, bei der Zehntausende unter dem Fallbeil der Guillotine ihr Leben ließen. Es dauerte nicht lange, da war Frankreich ein Kaiserreich unter Napoleon I. und das Blutvergießen weitete sich auf Europa aus.

Dennoch: Einige Errungenschaften der Revolution genießen wir noch heute. Wir leben in Staaten, deren Verfassungen Grundsätze für ein freiheitliches Leben schaffen. Wir dürfen wählen, demonstrieren, unseren Beruf frei ausüben und vor dem Gesetz ist jeder gleich. Das und noch mehr haben wir denen zu verdanken, die vor über 230 Jahren ihren tiefen Wunsch nach einer besseren Welt umsetzten und das moderne Europa begründeten.

Typisch Revolution?

Revolutionen scheinen ganz grundsätzlich Gefahr zu laufen, über die Stränge zu schlagen – seien die Ideen dahinter noch so nobel. Auch das große Elend der Arbeiterschaft während der Industrialisierung lief ähnlich ab. Nun bescherten reiche Arbeitgeber der einfachen Bevölkerung einen unerträglichen Alltag. Mütter und Väter arbeiteten zu Hungerlöhnen in den Fabriken, während die ältesten Kinder ihre kleinen Geschwister erzogen. Auch damals flammte der Wunsch nach Besserung auf: Kommunismus und Sozialismus galten bald als Wege aus der Not. Die Arbeiter sollten sich auflehnen, eine Revolution dann in einer gerechten, klassenlosen Gesellschaft münden – so die Theorie des großen Philosophen der damaligen Zeit, Karl Marx.

Viele Vereinigungen nahmen sich seine Schriften zur Grundlage und forderten bessere Arbeitsbedingungen. So auch die SPD. Bei Reichstagswahlen wurde die Partei immer erfolgreicher. Als Reaktion veranlasste Otto von Bismarck, der damalige Reichskanzler, dass das Parlament Gesetze verabschieden sollte, um die Arbeiter abzusichern.

Wir profitieren vom Mut früherer Generationen

Wir können heute noch froh darüber sein, im Ruhestand durch das gesetzliche Rentensystem versorgt zu werden. Das konnte nur dank dem Wunsch der Sozialisten geschehen, die die Missstände der Arbeiterschaft lindern wollten.

Nur war mit solchen Sozialreformen nicht Schluss. Die Diktatur der UdSSR unter Josef Stalin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein Beispiel, wie die sozialistischen Ursprünge einer Revolution in ein Regime voller Unrecht umschlagen konnten. Millionen Inhaftierte starben in Arbeitslagern.

Immer wieder ging es den Menschen schlecht, sie fühlten sich ungerecht behandelt – und wollten ihre Situation ändern. Immer wieder gab es gute Ideen, wie das geschehen könnte. Und auch wenn bei der Umsetzung nicht alles glatt lief: Letztlich profitieren wir, die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, vom Mut früherer Generationen. Wir Deutsche ganz besonders.

Unsere Aufgabe ist es, über den Tellerrand zu blicken

Wir leben in einem freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat, der uns ein gutes Leben bietet. So gut, dass sich die Allermeisten von uns sogar während einer weltweiten Pandemie und eines drastischen Wirtschaftseinbruchs weder um das Dach über dem Kopf noch um das Essen auf dem Teller sorgen müssen. Aber was ist dann unsere Mission, wenn es bei uns weder Königspaläste noch Mietskasernen gibt, die wir einreißen könnten?

Gerade, weil unsere kleine Sphäre des Wohlstandes so angenehm erscheint, ist es unsere Aufgabe, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Vielleicht entwickeln wir Jugendlichen in diesen Zeiten ein feines Gespür für die Ungerechtigkeiten und das Übel der Welt. Das wäre gut. Wir dürfen die großen Wünsche nämlich nicht im Sumpf unserer Bequemlichkeit versickern lassen. Vor allem nicht den Wunsch nach einer besseren Welt.

 

Matthias Keck (18, aus Frauenberg/Landshut):

Mein größter Wunsch ist es, mein ganzes Leben lang an all den vielen Fehlern, die ich immer wieder begehe,

– mir selbst, meiner Familie und meinen Freunden gegenüber – zu wachsen und aus ihnen zu lernen.

 

Hier findest du alle Texte aus der 200. Ausgabe der Freistunde-Zeitung.

 

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