Idowa-Adventskalender (13) Was der Alltags-Stress mit unserem Gehirn macht

Der Neurologe Volker Busch beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Kopf frei“ unter anderem mit den Ablenkungsfaktoren des Alltags, die sich auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken können. Foto: Collage Oliver Betke/Peter Dasilva/dpa/Mediengruppe Attenkofer

Im Advent veröffentlichen wir jeden Tag eine Plus-Geschichte aus 2021 hier kostenlos in voller Länge. Hinter jedem Türchen wartet eine der Top-Geschichten des Jahres! Wenn Ihnen gefällt, was Sie lesen, schließen Sie doch ein Schnupperabo ab! Als Plus-Abonnent lesen Sie unsere besten Reportagen, Multimedia-Storys und exklusiven Meldungen aus Ihrer Region das ganze Jahr über in voller Länge auf www.idowa.plus.

Reizüberflutung und Informationsüberlastung machen es vielen Menschen schwer, den Kopf frei zu bekommen. "Kopf frei" heißt auch das neue Buch von Dr. Volker Busch, Regensburger Neurologe. Darin geht es unter anderem um Ablenkungsfaktoren des Alltags und die Konzentrationsfähigkeit. Autor Patrick Beckerle hatte den Kontakt zu Volker Busch schon für ein früheres Interview aufgebaut und sich direkt bei ihm gemeldet. Auch Patrick fällt es vor allem im Großraumbüro eher schwer, sich zu konzentrieren.

Minütlich trudeln neue Mails ein, drei Kunden warten auf Rückruf, die Deadline eines Projekts naht: Der Arbeitsalltag in Deutschland wird zunehmend digitaler - und hektischer. Aufgaben sollen am besten gleichzeitig und sofort erledigt werden. Und auch in unserer Freizeit sind wir andauernd unter Strom, weil unterschiedlichste Angebote um unsere Aufmerksamkeit ringen. Was macht das auf Dauer mit unserem Gehirn?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Dr. Volker Busch, Facharzt für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Regensburg, in seinem Buch "Kopf frei". Im Interview mit unserer Mediengruppe spricht er über Reizüberflutung, gibt Tipps für mehr Konzentration und erklärt, warum Abgeschiedenheit unserem Gehirn gut tut.

Dr. Busch, die Lebenserwartung in Deutschland ist relativ gut. Wir leben lange und zunehmend auch gesünder. Aber gilt das auch für unsere geistige Gesundheit?

Dr. Volker Busch: Für unseren Körper haben wir ein stärkeres Bewusstsein. Deswegen achten wir auf ihn, gehen etwa ins Fitnessstudio, essen Salat, nutzen im Sommer zum Schutz der Haut Sonnencreme... Unser Gehirn pflegen wir relativ wenig, dabei ist es eigentlich unser wichtigstes Organ. Die gute Nachricht ist, dass es das nicht unbedingt braucht, weil unser Gehirn auch alleine gut arbeiten kann. Allerdings belasten wir es durch unsere digitale Lebensweise mittlerweile sehr stark. Zu viele Informationen, Reize, Zuwendungsmöglichkeiten: Das sind alles Dinge, die auch negative Auswirkungen haben können, wenn wir es übertreiben.

Welche Folgen kann das haben?

Busch: Zunächst einmal natürlich gesundheitliche Folgen. Reizflut und Informationsüberladung kann nervös machen, das Herz schlägt schneller, man kann nicht mehr so gut abschalten und durchschlafen. Manche bekommen durch die Anspannung auch Rücken- und Kopfschmerzen. Außerdem kann durch Reizüberflutung auch die Leistung beeinträchtigt werden. Man wird vergesslicher, verwechselt Dinge häufiger und kann keine Prioritäten mehr setzen.

Als Neurowissenschaftler und Psychiater sind die Köpfe anderer Menschen ja ihr Fachgebiet. Ganz allgemein gefragt: Was geschieht denn eigentlich in unserem Gehirn, wenn es Informationen aufnehmen muss?

Busch: Dazu muss man erst einmal wissen: Unser Gehirn ist geradezu süchtig nach Informationen. Informationen lösen etwas ganz ähnliches aus wie Süßigkeiten oder Zigaretten. Sobald eine Information verfügbar ist, die halbwegs verlockend erscheint, wenden wir uns ihr automatisch zu. Die Aufmerksamkeit wird sofort herumgerissen, denn die Information könnte ja etwas Spannendes oder sogar Überlebenswichtiges sein. Diese sogenannte Zuwendungsreaktion kann aber auch ein Problem sein. Denn in diesem Moment ruht die Aufmerksamkeit dann nicht auf anderen Dingen, wo sie vielleicht gerade wichtiger wäre. Ein klassisches Beispiel: Sie fahren Auto und währenddessen klingelt das Handy am Beifahrersitz. Ihr Gehirn ist gierig auf diese Information, Sie greifen nach ihrem Handy und lassen den Verkehr kurz aus den Augen - eine der häufigsten Unfallursachen heutzutage. Aufmerksamkeit ist etwas, das wir nicht unbegrenzt zur Verfügung haben. Wenn wir sie verlagern, fehlt sie woanders.

Auch Genuss hängt von Aufmerksamkeit ab

Mit der Zuwendung zur Information ist es allein noch nicht getan, sie muss auch verarbeitet werden. Diese Verarbeitung ist ebenfalls von der Aufmerksamkeit abhängig. Um etwa einen komplizierten Text zu verstehen, müssen Sie sich schon ganz auf ihn konzentrieren. Anspruchsvolle Literatur wie Dostojewski etwa lesen Sie nicht mal nebenbei. Und schlussendlich ist auch Genuss eine Sache der Aufmerksamkeit. Wenn Sie eine richtig gute Schokolade kaufen und Stück für Stück essen, ist das toll. Wenn Sie dieselbe Schokolade am Bahnhof schnell verdrücken und nebenbei schauen, wann und wo Ihr Zug abfährt, bekommen Sie von dem Geschmack wenig bis gar nichts mit. Weil Ihre Aufmerksamkeit in diesem Moment woanders ist. Und das Verlagern von Aufmerksamkeit, dieses häufige Hin- und Herspringen, ist für unser Gehirn natürlich auf Dauer auch anstrengend. Deswegen fühlen wir uns nach einem Acht-Stunden-Tag im Büro manchmal völlig KO, obwohl wir eigentlich nur am Schreibtisch gesessen sind. Das liegt an den 1.000 Baustellen in unserem Kopf.

Weniger Aufmerksamkeit, mehr Ablenkung - das klingt wie ein Teufelskreis.

Busch: Das eine bedingt das andere, ja. Allerdings muss man unterscheiden: Sich zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen - das ist nicht das Gleiche. Zuständig hierfür sind zwei unterschiedliche Netzwerke im Gehirn. Es gibt Menschen, die können sich gut konzentrieren, lassen sich aber sehr leicht ablenken. Sie haben in Großraumbüros Schwierigkeiten. Aber wenn sie in Ruhe arbeiten können, bringen sie tolle Leistungen. Man kann das gut an älteren Menschen verdeutlichen. Es heißt ja oft, Senioren können sich nicht mehr richtig konzentrieren. Es stimmt zwar, dass die Konzentrationsfähigkeit im Alter nachlässt, aber der eigentliche Grund für diese Einschätzung ist, dass die Störanfälligkeit mit den Jahren zunimmt. Viele ältere Menschen mögen es nicht, wenn um sie herum viel passiert, weil sie dadurch sehr schnell abgelenkt werden. Aber wenn man ihnen Ruhe schenkt, kehrt die Konzentrationsfähigkeit zurück.

Nun leben wir aber in einer zunehmend hektischen und digitalisierten Gesellschaft. Das begünstigt den Trend zu mehr Ablenkung doch.

Busch: In der Tat. Deswegen müssen wir lernen, mit diesen Arten von Unterbrechungen umzugehen. Ich gehe sogar noch weiter und sage, das ist die eigentliche Digitalkompetenz, die wir unseren Kindern beibringen müssen. Es reicht nicht aus, dass sie wissen, wie sie ein Tablet bedienen müssen. Digitalkompetenz bedeutet für mich, mit digitalen Medien so umzugehen, dass sie uns nutzen und nicht schaden. Auf was will ich mich jetzt fokussieren? Was verdient meine volle Konzentration? Was ist eine störende Ablenkung und wie kann ich sie unterdrücken? Welche Informationen brauche ich überhaupt und worauf kann ich verzichten?

Im Ruhezustand passiert unglaublich viel

Die Digitalisierung nimmt uns immer mehr körperliche Anstrengungen, bringt unser Gehirn aber an seine Leistungsgrenze. Beinahe ironisch.

Busch: Ja, wir werden zunehmend zu "Kopfarbeitern". Deswegen müssen wir uns Gedanken machen, wie wir unsere Leistung bestmöglich entfalten und unser Gehirn auch hin und wieder erholen. Vor allem regelmäßige Auszeiten sind hier ganz wichtig. Einfach mal rausgehen in die Natur, in den Wald oder an einen See fahren. Der Grund, warum die meisten Menschen das Gefühl haben "runter" zu kommen, ist, dass sie endlich einmal "raus" kommen. In dem Moment, in dem unser Gehirn nicht so viele äußere Informationen aufnehmen muss, kann es sich ganz mit sich selbst beschäftigen. Und dann passiert im Gehirn sehr viel. Es kann endlich einmal unnötige Informationen löschen, Gefühle bewältigen oder Ideen entwickeln. Das lässt uns reifen und deswegen tut uns diese Abgeschiedenheit manchmal auch gut. Aber dafür müssen wir bereit sein, das Handy auch mal wegzulegen oder den Fernseher auszumachen. Und das fällt vielen Menschen heute schwer.

Warum?

Busch: Weil sie sich so an die Reizflut gewöhnt haben, dass sie mit der Ruhe nicht mehr richtig umgehen können. Wenn sie dann gezwungenermaßen in Situationen kommen, in denen keine mediale Dauerbespaßung gegeben ist, tritt bei ihnen ein Gefühl der unangenehmen Langweile auf. Sie befürchten dann, etwas zu verpassen. Außerdem steigen vielleicht auch Sorgen oder negative Gedanken in Ihnen auf. Da ist es dann schon verlockend, sich mit einem Katzenvideo oder anderen virtuellen Nebensächlichkeiten ablenken zu können. Von einem medialen Grundrauschen abhängig zu sein, ist aber kein besonders mündiger Umgang mit digitalen Technologien.

War die Corona-Pandemie, die viele von uns gezwungen hat, Abstand zum Alltag zu nehmen, in dieser Hinsicht vielleicht sogar eine Chance?

Busch: Sie war zumindest ein unfreiwilliges Trainingsfeld im Umgang mit digitalen Medien. In der Tat war in der Corona-Pandemie Langeweile für viele ein Stressfaktor. Eigentlich wäre das ein Signal zum Aufbruch. Die meisten Menschen begegnen mehr Langeweile jedoch mit mehr Medienkonsum. Wenn wir sämtliche Leerläufe im Tagesverlauf aber automatisch mit Fernsehschauen füllen und auf diese Weise sofortige Ablenkung schaffen, nehmen wir uns Momente, in denen wir uns mit uns selbst beschäftigen können, sei es zum Bewältigen von Emotionen oder zum Finden von Lösungen für konkrete Alltagsprobleme. Zu einem emotional kompetenten Menschen gehört diese Zeit mit sich aber zu einer gesunden Entwicklung. Durch sie wachsen und reifen wir. Unser Gehirn macht viel davon ganz alleine - wir müssen es nur lassen.

Weitere Artikel

 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading

Anzeigen

Auto

Trauer

Immo

Jobs

Quiz