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Artikel vom 27. September 2010 11:49, 162 mal gelesen

Der Drache und seine Redakteure

Jedes Jahr im August ist in Furth im Wald der Drache los: Zwei Wochen lang dreht sich dann alles in dem Grenzstädtchen um den Further Drachenstich - das älteste Volksschauspiel Deutschlands. Mitten drin im Drachenspektakel befinden sich auch die Redakteure der Chamer Zeitung/Further Chronik.

Bilder zum Thema (3 Einträge)

 



Am 18. Oktober 1967 erschien die erste Chamer Zeitung. Im Sommer 1968 wurde dann erstmals über den Further Drachenstich berichtet. Seitdem ist das Schauspiel rund um die Tötung des Drachens durch den Ritter Udo fester Bestandteil der Chamer Zeitung/Further Chronik. "Der Drachenstich in Furth - das sind für uns Redakteure die anstrengendsten Tage des Jahres", so Redaktionsleiter Karl Reitmeier. Obwohl er und sein Kollege Thomas Linsmeier ein eingespieltes Team sind - bereits seit 21 Jahren berichten sie gemeinsam über das Schauspiel - verlangt ihnen die Drachenstich-Zeit einiges ab. "Wir sind nur zu zweit in der Redaktion und berichten neben dem Drachenstich noch über andere Ereignisse, bearbeiten Texte und bauen Seiten", erklärt Reitmeier. "In der Zeit herrscht bei uns wahrlich Ausnahmezustand."

Die heiße Phase beginnt vier Wochen davor
Die eigentliche Vorbereitung in der Redaktion beginnt laut Reitmeier rund vier Wochen vor dem Drachenstich. Nämlich dann, wenn die 16 bis 20 Seiten starke Sonderbeilage gefertigt wird. Aber auch Proben sehen sich die Redakteure an und führen Interviews mit dem Regisseur und den Mitwirkenden. Heuer stand zudem ein ganz besonderes Spektakel auf dem Programm: der Transport und die Ankunft des neuen Drachen. Mit drei Sonderseiten haben die beiden Redakteure darüber berichtet. Der 16 Meter lange, fünf Meter hohe und zehn Tonnen schwere Laufroboter namens "Tradinno" ist bei der Firma Zollner in Zandt entwickelt und gebaut worden. Anfang Juli wurde das Hightech-Ungeheuer mit einem Schwertransporter von Zandt nach Furth im Wald transportiert. "Alle wollten den neuen Drachen sehen. Und mein Kollege ist extra nach Zandt gefahren und hat per Live-Ticker minutiös über die Verladung und den Transport berichtet", so Reitmeier.

Erst gegen 22.30 Uhr wurde auf dem Festplatz in Furth gezeigt, wie der neue Drache Feuer spuckt. Aber die Redakteure ließen sich diesen Anblick nicht entgehen: bereits am nächsten Tag war das Bild in der Chamer Zeitung/Further Chronik. "Einmalig in ganz Deutschland", betont Reitmeier. "Darauf waren wir echt stolz."


Der Auftakt der Drachenstich-Woche
Die heiße Zeit beginnt dann jedes Jahr mit dem Auftakt der Drachenstich-Festwoche. Gerade das Premierenwochenende sei besonders anstrengend. Nach der Festspielpremiere am Samstagabend eilt Karl Reitmeier noch zu den Hofrechten im Rathaus, bei denen immer ein Vertreter der bayerischen Staatsregierung anwesend ist. Heuer und im Vorjahr war das der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer. Nachdem sich der Ministerpräsident und das Ritterpaar ins Goldene Buch der Stadt eingetragen haben, ist der Arbeitstag für Karl Reitmeier aber noch nicht zu Ende. "Meistens ist es schon Mitternacht bis ich in die Redaktion komme. Und dann schreibe ich noch zwei Stunden und suche Bilder aus, bevor ich nach Hause gehe." Nach wenigen Stunden Schlaf müsse er am Sonntag wieder in die Redaktion, um alles fertig zu machen.

Am Nachmittag steht für Reitmeier und seinen Kollegen schon der nächste Termin an: der historische Festzug. Nach dem Festzug entbrenne jedes Jahr ein kleiner Wettstreit darüber, wer das schönste Foto von Ritter Udo beim Lanzenwurf hat. "Die Lanze soll beim Wurf möglichst zwischen dem Ritter und dem Drachen in der Luft liegen", erklärt Reitmeier.
Drei Seiten Drachenstich pur gibt es dann am Montag für die Leser: Berichte und Bilder über die Premiere und die Hofrechte und natürlich die Bilderseite über den Festzug. Aber auch überregional wird über das Drachenstichwochenende berichtet: Die Redakteure schreiben eine Zusammenfassung eigens für den Regionalteil der Zeitung.

Zufrieden sind Karl Reitmeier und sein Kollege Thomas Linsmeier aber erst, wenn sie am nächsten Tag von ihren Lesern gelobt werden. Denn schließlich ist der Drachenstich ein Herzstück der Further Chronik. "Nichts bewegt die Further mehr als ihr Drachenstich mit einer über 500-jährigen Tradition." Auch Thomas Linsmeier ist davon überzeugt, dass sich die Wochen vor dem Drachenstich und die eigentliche Drachenstich-Zeit mit nichts vergleichen lassen. "Jeder Bürger in der Grenzstadt wird in den Bann gezogen. Und als gebürtiger Further ist man als Redakteur mit einer besonderen Leidenschaft dabei." Und das, obwohl ein durchschnittlicher Drachenstich-Arbeitstag 16 Stunden dauert. Denn auch nach der Premiere und dem Festzug ist noch einiges geboten. Die Redakteure berichten über das Mittelalterspektakel - das sogenannte Cave Gladium -, das Volksfest und das Kinderfest mit der Kinderaufführung.

Rund um das Ritterpaar
Auch Berichte rund um das Ritterpaar sind immer wieder in der Chamer Zeitung/Further Chronik zu finden. Heuer beispielsweise haben die beiden Redakteure einen Bericht über die Elternhäuser des Ritterpaares geschrieben: Diese waren nämlich während der Drachenstich-Zeit so auffallend dekoriert und beleuchtet, dass immer wieder Schaulustige angelockt wurden.

"Viele ehemalige Further kommen eigens für den Drachenstich für einige Zeit in die Heimat zurück", so Linsmeier. Die Stadt brodle regelrecht und das biete immer wieder Stoff für kleine Geschichten am Rand. Diese finden in der Kolumne "Neues vom Turm", die Thomas Linsmeier ins Leben gerufen hat, Platz.

Aber irgendwann ist in Furth die Drachenstich-Zeit auch wieder vorbei und dann fällt man laut Linsmeier als Lokalredakteur erst einmal in ein Loch - das Sommerloch. Denn nach dem Drachenstich verlassen die meisten Further die Stadt, um Urlaub zu machen. "Und dann müssen wir schauen, wo wir Geschichten herkriegen, um die Seiten zu füllen."

Allerdings haben die Redakteure dann Zeit, die Ereignisse Revue passieren zu lassen und den gerade abgeschlossenen Drachenstich mit früheren zu vergleichen. Eine besondere Erinnerung verbindet Thomas Linsmeier mit dem Drachenstich von 1989. "Damals war ich erstmals als Redakteur im Einsatz und da erlebt man viel Neues und sieht vieles aus einer neuen Perspektive." Am spektakulärsten aber war für ihn der diesjährige Drachenstich. "Durch den neuen Drachen lebt die Bevölkerung ihr Festspiel noch intensiver."

Ebenfalls mit einem neuen Drachen verbindet Karl Reitmeier eine besondere Erinnerung. Allerdings nicht mit dem Drachen "Tradinno", sondern mit seinem Vorgänger. Dessen Ankunft vor 36 Jahren erlebte Karl Reitmeier als junger Redakteur mit. "Das war schon gigantisch, als der neue Drache auf dem Festplatz vorgefahren ist. Alle waren gleich tief beeindruckt." Als der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß den Drachenstich besuchte, habe es aus Kübeln gegossen, erinnert sich Reitmeier. "Wir waren tropfnass und mussten erst noch in die Redaktion und uns umziehen, damit wir überhaupt an den Hofrechten teilnehmen konnten."

Von Nicole Ernst

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