"Hier werde ich gebraucht"


Teil 1: Annemarie Kerscher hilft beim Deutschlernen


 

Annemarie Kerscher hilft Migranten dabei, die deutsche Sprache zu lernen.

"Viele Leute sind schockiert, wenn ich ihnen erzähle, dass ich das alles ohne Bezahlung mache", sagt Annemarie Kerscher. Die Straubingerin ist ehrenamtliche Helferin bei der Caritas, gibt dort Migranten Einzelförderung in Deutsch und arbeitet mit ihnen in Konversationskursen. Warum sie das macht? Lange überlegen muss sie bei dieser Frage nicht. "Es ist eine vielseitige Aufgabe, die mir Spaß macht. Und es kommt immer was von den Leuten zurück."


Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schreibt Integrationskurse aus, die Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland zuwandern, bei der Eingewöhnung helfen sollen. Die Teilnahme daran kann vom Ausländeramt oder dem Arbeitsamt vorgeschrieben werden, ist aber auch freiwillig möglich. In einem halben Jahr lernen Migranten dann in erster Linie Deutsch. "In einer wahnsinnigen Geschwindigkeit", findet Annemarie Kerscher.



Der Abschlusstest sei ohne Hilfe schwer zu bestehen, durchfallen würden genügend. Für diese Menschen gehe es aber um viel, denn vom Bestehen hängt letztlich der Aufenthaltsstatus ab. An dieser Stelle setzt die Hilfe von Annemarie Kerscher an. Sie greift den Migranten unter die Arme, hilft ihnen beim Sprechen, Schreiben und Lesen der deutschen Sprache und übt mit ihnen Grammatik.


Zu ihrem Ehrenamt kam sie auf Umwegen, erklärt Kerscher. Sie war früher als Industriekauffrau tätig, telefonierte als solche viel und gern. "Ich mochte den Kontakt zu den Menschen", sagt sie. Vor zehn Jahren zwang sie dann schwere Arthrose und eine Nervenschädigung im Oberarm in die Erwerbsunfähigkeit. Die Folgezeit sei schwer gewesen. "Ich hatte das Gefühl, zu nichts mehr zu gebrauchen zu sein." Ihr Mann habe immer wieder versucht, sie aufzumuntern, und dazu ermutigt, etwas Neues zu machen.


"Eines Morgens hat er dann eine Seite in der Zeitung aufgeschlagen liegen lassen, rein zufällig natürlich", erinnert sie sich und schmunzelt. Auf der sei eine Anzeige des Freiwilligenzentrums zu lesen gewesen, in der es nach ehrenamtlichen Mitarbeitern suchte. "Ich habe mir ein Herz gefasst und dort angerufen." Einen kurzen Moment habe sie Angst gehabt, auch dort nicht gebraucht zu werden. "Aber genau das Gegenteil war der Fall."


Mittlerweile ist sie seit fünf Jahren ehrenamtlich tätig, seit dreieinhalb Jahren bei der Migrationsberatung der Caritas. Zweimal in der Woche hilft sie im Einzelunterricht, einmal beim Konversationskurs. Zu ihrer Tätigkeit hat sie sogar eine gewisse Liebe entwickelt, nicht zuletzt, weil sie hier gebraucht werde und Anerkennung erfahre. Denn das Schöne an der Arbeit sei, dass die Leute von selbst kommen und lernen wollen, beschreibt Kerscher. "Für die ist die Hilfe nicht selbstverständlich." Vor Kurzem erst habe sie eine Frau, die sie unterrichtete, zu Hause angerufen. "Sie war überglücklich und selig, weil sie den Integrationstest bestanden hatte." Das seien, sagt Kerscher, ganz besondere Momente, auch für sie.


Wie wichtig Menschen wie Annemarie Kerscher als ehrenamtliche Helfer sind, weiß man auch bei der Caritas. Ricarda Aschenbrunner, Dipl.-Sozialpädagogin (FH) und verantwortlich für die Migrationsberatung, sagt, dass nur so Lücken im sozialen Netz geschlossen werden könnten. "Menschen wie sie könnten wir hier noch zehn weitere brauchen."


Simon Franz

Ortsinformation:  Deutschland > Straubing


Leser-Kommentare (1)

spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider.
tschinger | 23.10.2009 22:07 |  1 Bewertungen

alle Achtung

wünsche Ihr weiterhin viel Selbstvertrauen und Erfolg.

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