Installationskunst am Straubinger Stadtplatz - Demnächst 1200 Hitlergruß-Gartenzwerge
Über Gartenzwerge - Der Installationskünstler Ottmar Hörl stellt demnächst am Ludwigsplatz 1.200 Hitlergruß-Gartenzwerge auf
Ottmar Hörl hat die Hitlergruß-Gartenzwerge geschaffen.
Von Wolfgang Engel
Der Gartenzaun von Franz Füchsl ist mit Stacheldraht bewehrt und hinter dem Stacheldraht sind Gartenzwerge in einer Landschaft voller kleiner Häuserl. "Sehngs", sagt Franz Füchsl, "oiß selber gmacht". Es sind an die 50 kleine Häuserl, die Schutzengelkirche, Peterskirche, das VfB-Vereinsheim, wo er seit 37 Jahren der Kassier ist, und das Straubinger Haus in den Chiemgauer Alpen ist auch da, und dazwischen bunte Gartenzwerge. "A Gartenhäuserl ohne Zwergerl is koa Gartenhäuserl ned", sagt Franz Füchsl, "da ghörn Zwergerl dazua."
Den Stacheldraht hat er auf seinen Gartenzaun gemacht, weil irgendwelche Vandalen schon oft über den Zaun gestiegen sind und seine Häuserl kaputt gemacht haben. "De Kampeln", sagt Franz Füchsl. "De Kampeln" wird ohne l gesprochen und heißt hier so viel wie andernorts "die Rotzlöffel". Dass ein Stacheldraht notwendig wird am eigenen Garten, kann man, wenn man so will, als Aussage verstehen über den Zustand der Gesellschaft.
Gartenzwerge sind eigentlich nicht mehr angesagt heutzutage. "Aus der Mode", sagt zum Beispiel Heinrich Seidl, der Vorsitzende der Straubinger Kleingärtner. Ihre bisher letzte Blütezeit war in den 90ern. Damals kamen haufenweise Billigzwerge aus der Tschechei, noch im Jahr 2000 haben die Kleingärtner ihren Volksfestwagen mit Schneewittchen und den sieben Zwergen dekoriert. "Da hamma Gartenzwerge aus der Tschechei geholt", sagt Heinrich Seidl, "da warn's billig." Bald kommen wieder Gartenzwerge. Am Ludwigsplatz werden sie stehen, 1 200 Gartenzwerge, schwarz und grau, und alle mit der Hand zum Hitlergruß erhoben. Es ist eine Kunstinstallation.
"Der Gartenzwerg war bei uns in der Gesellschaft ja immer der Depp"
Die Kunstinstallation macht Ottmar Hörl, Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Im März war die Installation von der Stadt abgelehnt worden. Sie hätte 20000 Euro gekostet, zu teuer, sagte der Kulturausschuss. Jetzt organisiert das die SPD, eine Woche lang, vom 13. bis 19. Oktober. Die SPD hat Sponsoren gefunden. Es soll ein Statement werden, sagt Hans Lohmeier, SPD, nämlich "Kunst, die sich gegen den Nationalsozialismus richtet", und nachts werden Wachmänner die Installation vor Vandalismus schützen.
"Der Gartenzwerg war ja bei uns in der Gesellschaft immer der Depp", sagt Ottmar Hörl, "der Sklave, der nur arbeitet, eigentlich 'ne arme Sau. Und ich hab versucht, für ihn eine gesellschaftliche Relevanz zu finden: Der Gartenzwerg macht irgendwas." Irgendwas, das ist ein Wort, das Ottmar Hörl oft benutzt. "Das Einzige, was mich als Künstler interessiert", sagt er zum Beispiel, "ist, dass sich irgendwas bewegt. Dann hab ich etwas richtig gemacht."
Gartenzwerge machen von Natur aus immer irgendwas. Sie tragen Laternen oder Spitzhacken, rollen Schubkarren oder rauchen Pfeife, eifrige, bunte, gemütliche kleine Gesellen, das glatte Gegenteil von Nazis, und sie gelten als "typisch deutsch". Da hatten sie in der Hitlerzeit natürlich einen schweren Stand. Die Nazis konnten sie nicht leiden, diese kleinwüchsigen Gesellen, die "typisch deutsch" sein sollten. Die Nazis hatten da andere Vorstellungen. Und deshalb hält Hörl den Gartenzwerg für ideal, um Rechtsextremismus, Faschismus, Nazis anzuprangern. "Ich glaube", sagt Hörl, "da wird schon eine Diskussion entstehen." Sicher, das ist ja immer so bei diesem Thema, irgendwas wird sich da schon bewegen.
Mit Gartenzwergen kann man alles machen. Murphy zum Beispiel, ein Gartenzwerg aus Gloucester, England, ist vor Jahresfrist berühmt geworden: Eines Tages war Murphy plötzlich weg und sieben Monate später war Murphy plötzlich wieder da, und weil Murphy nicht sprechen kann, lag neben ihm ein Brief in seinem Namen: "Ein Gartenzwerg hat viel Zeit nachzudenken", stand darin, "und ich kam dabei zu dem Schluss, dass das Leben mehr zu bieten haben muss als nur den Blick auf Straßenverkehr und dazu Katzen, die an ihm urinieren. Darum zog ich in die Welt, um Abenteuer zu erleben."
Daneben lag ein Fotoalbum, es zeigte Murphy an 48 Touristenzielen dieser Erde. Ein Jurastudent hatte ihn entführt und auf Weltreise mitgenommen, so wie im Film "Die fabelhafte Welt der Amelie" von 2001. Doch Gartenzwerg-Entführungen gab es schon lange vor dem Film. In Australien fand eine Gartenzwergbesitzerin schon 1986 einen Zettel vor: "Liebe Mami, ich habe es nicht mehr ausgehalten, ich bin abgehauen um die Welt zu sehen. Sei mir nicht bös', ich bin bald zurück. In Liebe, Bilbo", und 1996 wurde in Frankreich die "Front zur Befreiung des Gartenzwergs" gegründet.
Die Mitglieder entführen Gartenzwerge und setzen sie aus in der Freiheit der Natur, ob der Zwerg will oder nicht. Wer möchte da schon das Leben eines Gartenzwerges führen? Entführt oder aus Billiglohnländern importiert muss er mit ans Nordkap, wo es schweinekalt ist, oder in die Wüste Gobi, wo es affenheiß ist, oder er muss in Volksfestkutschen fremder Städte sitzen. Und jetzt muss er auch noch den Arm zum Hitlergruß erheben. So etwas will doch kein normaler Mensch und auch kein Gartenzwerg. Wenn so das Leben ist, ist es nicht schön.
"1942 hätten die mich wegen Wehrkraftzersetzung erschossen", sagt Ottmar Hörl. Das ist wohl wahr. Der Zeichner E. O. Plauen zum Beispiel hat einen Mann mit Hakenkreuz beim Bieseln gezeichnet, dem Volksgerichtshof entging er da nur durch Selbstmord, das war 1944. Heutzutage liegt kein Risiko mehr in solchen Statements; man könnte sagen, es ist irgendwas: irgendwas zwischen kunstvoll provozierend und harmlos gekünstelt, vielleicht auch nur banal für 20 000 Euro. Doch Ottmar Hörl sagt, dass, wer Letzteres denkt, "falsch liegt", und zum Beleg führt er "diesen Autor" an, der "ein Buch über die Mafia geschrieben" hat und deshalb heute im Untergrund leben muss, er meint wohl Roberto Saviano.
Roberto Saviano hat beschrieben, wo und wie die Mafia tätig ist. In der Politik, in der Wirtschaft, er hat Ross und Reiter genannt. Das ist etwas anderes als 1200 Hitlergruß-Gartenzwerge in Straubing 2009 aufzustellen. "Dann sagen Sie mir", sagt Hörl, "wenn das, was ich mache, so harmlos ist, warum dann die New York Times eine Doppelseite über mich geschrieben hat? Und warum hab ich in Deutschland 340 Zeitungsseiten bekommen?"
Die Frage ist gut. Sie wird noch besser, wenn man an Knut, den Eisbären, denkt. Dieser banale Eisbär hat noch deutlich mehr Seiten bekommen, und dabei war der nur ein Baby. Darauf sagt Hörl, dass das "doch auch etwas aussagt über den Zustand der Gesellschaft". Da hat er freilich recht, und "Dschungelcamp" und "Giulia in Love" sagen auch etwas über den Zustand der Gesellschaft, Stacheldraht an Gartenzäunen tut das übrigens auch. Aber Stacheldraht an einem Gartenzaun verkauft sich nicht so gut wie Giulia Siegel oder das Thema Nazi. Das ist so in Deutschland, und das ist auch eine Aussage: Es geht um Verkaufen.
In Basel lebt Fritz Friedmann. Er ist der weltweit führende Gartenzwergexperte. Als solcher ist er Vorsitzender der IVZSG, der "Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge". Wenn ein Mensch einen anderen beschimpft als "dieser Gartenzwerg", hält Fritz Friedmann das für eine Beleidigung, und zwar des Gartenzwergs. "Der Gartenzwerg", sagt Fritz Friedmann, "ist ein ruhiger Vertreter des deutschen Bürgertums. Man muss auch gegenüber dem Gartenzwerg Respekt haben." Zu der Kunstaktion sagt er: "Pfui Teufel."
Fritz Friedmann ist in Deutschland geboren. Kürzlich ist er 95 Jahre alt geworden und wenn man mit ihm spricht, spricht man mit einem freundlichen, geistig regen Menschen. 1933 ist er ausgewandert in die Schweiz. Das war im Jahr von Hitlers Machtergreifung. Fritz Friedmann ist Jude. Er hat die Nazis erlebt. Dass man Rechtsextremismus mit dem Hitlergruß angeht, findet er falsch. "Das Böse mit Bösem auszumerzen, ist nicht unbedingt richtig", sagt Friedmann, "aber das ist meine Ansicht." Er glaubt, dass so etwas weniger Kunst ist als vielmehr nur der Beginn der Banalisierung des Bösen.
"Ich hab auch Gartenzwerge gemacht, die den Mittelfinger gereckt haben"
Ottmar Hörl kann so etwas akzeptieren, er kann überhaupt jede Reaktion akzeptieren. Wie die Leute reagieren, sagt er, darauf hat er keinen Einfluss, er will nur etwas bewegen, irgendwas, nur darum geht's ihm. "Ich hab auch Gartenzwerge gemacht, die den Mittelfinger gereckt haben", sagt Hörl, "wie damals der Effenberg." Als Effenberg den Mittelfinger gereckt hat, es war 1994 bei der WM, war das wochenlang Thema auf den Zeitungsseiten, und wenn man Ottmar Hörl fragt, wann genau er diese Gartenzwerge gemacht hat, sagt er, "ach, weiß ich nicht, in den 90ern", aber im Internet kann man das Jahr finden, es war 1994.
Mehr als 20000 Gartenzwerge hat Hörl bisher verkauft. Darunter auch Gartenzwerge, die nichts sehen, nichts hören, nichts sagen wie die berühmten drei Affen. Die drei Affen sind eine Ironisierung menschlichen Verhaltens, und Hörl ironisiert noch einmal. Und warum nicht, wenn ein Markt dafür da ist? "Sie würden sich wundern, wer alles Gartenzwerge kauft", sagt Ottmar Hörl, "es gibt Manager, die haben 30 Gartenzwerge." Vom "Nobelpreisträger bis zum Straßenbahnschaffner" reichen die Käufer, "aber der mit dem Stinkefinger ist eines der erfolgreichsten Modelle, die es weltweit gibt."
Hörl ist damit wohl gelungen, Effenbergs Stinkefinger gesellschaftlich relevant zu machen, worin auch immer die Relevanz liegen mag, oder vielleicht war es auch umgekehrt, vielleicht hat Effenberg Hörls Gartenzwerge gesellschaftlich relevant gemacht, das ist schwer zu sagen; im Internet findet sich nicht, ob 1994 erst die WM war und dann der Zwerg oder umgekehrt, man müsste da raten.
Den Gartenzwerg mit dem Hitlergruß kann man auch kaufen. In Belgien hat Ottmar Hörl 700 Hitlerzwerge ausgestellt, es war ein großer Erfolg. "Die Belgier", sagt Hörl, "haben die Ironie sofort verstanden", alle 700 sind verkauft. In Belgien hat ein Zwerg 40 Euro gekostet, aber das war Anfang des Jahres. "40 Euro!", hat ein Interviewer in Belgien gefragt, "und was kann man dann machen?" "Jeder Mensch kann ihn mitnehmen, für 40 Euro, und kann ihn in den Shredder stecken", war Hörls Antwort, "er kann ihn zerstückeln. Und das find ich gut."
In Straubing wird er 45 Euro kosten, mit Signatur 120 Euro, den Rechtsextremismus sollte das doch ziemlich schwächen. Andrerseits sagt Ottmar Hörl in unserem Gespräch nie "Hitlergruß", sondern beharrlich nur "römischer Gruß", weil er sagt, dass der Gruß nicht von Hitler, sondern von Cäsar kommt. Vielleicht warnen ab 13. Oktober am Ludwigsplatz 1200 Gartenzwerge ja auch vor Julius Cäsar.
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