Alkohol-Prävention ist das oberste Ziel
Das Bundeskabinett billigt die neue nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik
Experten sehen bei Gewohnheitstrinkern mittleren Alters ein besonders hohes Risiko, suchtkrank zu werden - besonders wenn Medikamente im Spiel sind.
Von Martin Ferber
Die Zahlen sprechen auf den ersten Blick eine eindeutige Sprache: Die Zahl der Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 20 Jahren, die wegen einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert werden mussten, hat sich zwischen 2000 und 2010 verdreifacht und ist von 9500 auf 26000 im Jahr gestiegen. Gleichwohl gibt Mechthild Dyckmans, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, im Grundsatz Entwarnung. Denn insgesamt nimmt der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig zur Flasche greifen, seit 2004 kontinuierlich ab und liegt nur noch bei 13 Prozent. Nur die, die trinken, trinken immer mehr und geraten somit immer früher in den fatalen Kreislauf von Verlangen und Abhängigkeit, Sucht und Verfall.
Alkohol ist und bleibt die Droge Nummer eins. Nach den Angaben der Drogenbeauftragten trinkt fast jeder fünfte Deutsche (18,1 Prozent) Alkohol "in riskanter Weise", 1,3 Millionen gelten als abhängig. Wobei es nicht nur der komasaufende Teenager oder der 45-jährige Arbeitslose mit geringer Bildung sind, die gerne und oft zur Flasche greifen, sondern auch die wohlsituierte Akademikerin mit zwei Kindern oder die 70-jährige Witwe, die unter dem Alleinsein leidet und ihre Probleme mit Alkohol betäubt. "Sucht ist mit dramatischen persönlichen Schicksalen verbunden", so die FDP-Politikerin, die am Mittwoch die neue nationale Strategie der schwarz-gelben Bundesregierung zur Drogen- und Suchtpolitik vorstellte, die zuvor vom Bundeskabinett verabschiedet worden war. Jede Sucht, so Dyckmans, sei eine "schwere chronische Krankheit", die es individuell zu behandeln gelte.
Wobei alle Kraft darauf gelegt werden sollte, dass es erst gar nicht zur Abhängigkeit von legalen oder illegalen, sanften oder harten, gesellschaftlich anerkannten oder geächteten Drogen komme. "Es ist unser Ziel, dass Suchterkrankungen möglichst gar nicht entstehen." So legt die neue nationale Strategie, welche den "Aktionsplan Drogen und Sucht" der damaligen rot-grünen Bundesregierung aus dem Jahr 2003 ablöst, einen Schwerpunkt auf den Bereich der Prävention, nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen und älteren Menschen, unter anderem in Betrieben und Krankenhäusern. Rot-Grün setzte im Gegensatz dazu vor neun Jahren darauf, die Verfügbarkeit von Alkohol oder Tabak einzudämmen und die illegalen Drogen zurückzudrängen. Schwarz-Gelb will hingegen die Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen bei der Behandlung von Abhängigen ausbauen und Netzwerke knüpfen. Kein Suchtkranker dürfe in der Menge an Hilfs- und Beratungsangeboten verloren gehen. Forderungen nach einem Werbeverbot für Alkohol oder nach Steuererhöhungen erteilte die FDP-Politikerin Dyckmans eine klare Absage. Das werde es "mit dieser Regierung nicht geben".
Auch auf den demografischen Wandel reagiert die Drogenpolitik von Schwarz-Gelb. Weil immer mehr Süchtige immer älter werden, sei es nötig, dass sich auch die Alten- und Pflegeheime auf diese Patienten mit ihren besonderen Bedürfnissen einstellen, forderte Dyckmans. Nach Schätzungen hätten bis zu 400000 ältere Menschen ein Alkoholproblem ("derzeit wird eine Generation über 60 Jahre alt, die traditionell viel Alkohol konsumiert hat"), zu dem oft noch eine Medikamentenabhängigkeit hinzukomme, beispielsweise von Schlaf- oder Beruhigungstabletten.
Die Probleme dieser Menschen würden von der Öffentlichkeit oft nicht wahrgenommen, da sie sich meist vollkommen zurückgezogen hätten und "still leiden" würden. Hier müssten Altenpfleger in Zusammenarbeit mit Suchthelfern besser sensibilisiert werden, da die älteren Menschen von sich aus kaum in eine Suchtberatung gingen. Von der Regierung geförderte Modellprojekte sollen neue Angebote auf den Weg bringen.
Ein Thema sind auch neue Formen der Sucht wie die Internet- und Onlinesucht. Schon jetzt seien 565.000 Menschen zwischen 14 und 64 Jahren abhängig, davon allein 250000 zwischen 14 und 24, weitere 1,4 Millionen zählen als potenziell gefährdet. Ausdrücklich sprach sich Dyckmans dafür aus, auch diese Form der Abhängigkeit als Krankheit anzuerkennen, damit die Kassen die Kosten der Behandlung übernehmen können. Bislang geschehe dies oft nur über den langen Umweg der Diagnose einer psychischen Erkrankung.
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