Beiträge 1 bis 10

Sophia als MAZlerin in Indien

Autor

Beitrag

 
Warme Sonne
Geschlecht:   
Anmeldedatum:
09.04.2012
Beiträge: 1
Herkunft: Johannesbrunn

RE: Sophia als MAZlerin in Indien


Hallo Sophia!
Ich hab deine Beiträge über deine Arbeit als MAZ in Indien gelesen und ich muss sagen, dass sich das echt toll anhört!
Da ich selber schon viel über einen Freiwilligendienst im Ausland nachgedacht habe, würde ich dir gerne ein paar Fragen zu deinem Projekt stellen.
Wie lange dauert ein solcher Einsatz zum Beispiel? (Kann man auch ein halbes Jahr dort arbeiten?)
Welche Voraussetzungen musstest du mitbringen (Sprache, Soziales, Imfpungen...) , und wie funktioniert die Bewerbung und Auswahl?
Musst du auch Geld dafür bezahlen oder wirst du von den Palottinerinnen unterstützt?
Wie viele Vorbereitungsseminare hattest du und wann waren sie?
Und wo hast du dich an die Palottinerinnen gewendet?

Ich würde es super finden, wenn du mir bei meinen Überlegungen ein bisschen weiterhelfen könntest, also schon mal Danke im Voraus!
Viel Spaß auch weiterhin in Indien, Lena

09.04.2012 10:37Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

Silvester und Erntedank


Silvester lief ähnlich ab. Messe um 23 Uhr, Kaffee und Snacks und um Mitternacht hörte man von fern etwas Feuerwerk. Leicht enttäuscht verzogen wir uns mit Matratze und Kerzen aufs Dach und warteten bis in Deutschland das neue jahr begann, um Freunde und Familie anzurufen.
Weil wir bis 4. Januar frei hatten, fuhren wir spontan nach Kerala an den Kovalam Beach. Mit Sonnenbrand und voller Träume von Sand und Meer kamen wir energiegeladen zurück um festzustellen, dass sich trotz vieler Bitten und Vorschlägen unsere „Arbeit” in der Schule kein Stück verändert hatte. Ich versuchte mir, die Zeit zu vertreiben, indem ich mit den Kindern herumalberte und spielte, wenn sie mal nicht Auswendiggelerntes brüllen mussten. So war das Pongalfest eine willkommene Sbwechslung. Pongal ist das Erntedankfest in Tamil Nadu. An diesem Tag wird der Reis der ersten Ernte in einem verzierten Krug über dem Feuer gekocht. Die älteren Mädchen und ich tanzten dazu im Kreis und zwei Jungen trommelten auf Plastikwasserbehältern, bis beim Überkochen der Reismilch alle jubelnde Schreie ausstießen. Der Reis wird mit Palmzucker, Cashews und Rosinen noch eine Stunde gekocht und mit einem Stück Zuckerrohr serviert.

Am nächsten Tag findet dasselbe für die Kühe und anderen Tiere statt. Sie werden gewaschen und geputzt, mit Blumen geschmückt und mit Farbe bemalt und bekommen ebenfalls Pongalreis zu fressen. Im Falle des Kälbchens, das den Reis nicht mag, wird die Maul-aufhalten-Futter-reinstopfen-Methode verwendet.

Und plötzlich stellt man fest, ein halbes Jahr ist vergangen und das Zwischenseminar steht an. In einem Dorf nahe Trichy trafen sich 20 MAZler mit p. Xavier von den Steylern und Johanna, einer ehemaligen und verlebten zusammen wunderschöne Tage.

16.02.2012 16:38Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

Noch was zu Weihnachten


Jetzt hab ich mich schon so lange nicht mehr gemeldet, dass es eigentlich viel zu spaet ist, noch von weihnachten, silvester und pongal zu erzaehlen.
Von vielen wurden aber Fragen zu diesen Themen an mich gerichtet. Also werdet ihr zuerst etwas über indischen Advent und Weihnachten erfahren.

Ich sitze inmitten von Buchs-, tannenähnlichen, und Tujaheckenzweigen auf dem Boden der Rezeption – in der einen Hand einen Ring aus dickem Draht, in der anderen eine Drahtrolle. Tapfer versuche ich, mir Weihnachtsstimmung einzureden und singe ein Weinachtslied nach dem anderen, während sich das Chaos lichtet und nach kurzer Zeit ein etwas struppiger aber sehr heimatlicher Adventskranz vor mir steht. Anna schmückt ihn mit vier dünnen gelben Kerzen und indisch kitschiger Weihnachtsdeko, bestehend aus glanzglitzrigen plastictrommeln, ministiefeln und geschenkpÄckchen. Stolz auf unser Werk, platzieren wir den Kranz neben dem Eingang zur Kapelle unter einer Marienfigur. Diese deutsche Tradition des Adventskranzes hat f.emanuel, der 5 Jahre in Deutschland studiert hat und auch jetzt noch jedes Jahr Besuche abstattet, eingeführt. Und so trifft sich jeden Samstagabend bis zum 24. Dezember die Hausgemeinschaft zu einer Andacht und zünden eine weitere Kerze an, während Anna und ich „wir sagen euch an den lieben Advent” singen. In der Woche vor Weihnachten wird das ganze Haus geschmückt. Über dem Hauseingang hängen riesige leuchtende Plastiksterne und die Frontseite wird mit Lichterketten verziert. Anna und ich sind im Haus zugange, biegen die Plastiktannen gerade und bauen eine Krippenlandschaft.

Weil wir mit der Weihnachtspost für Spender, Paten, Freunde und Bekannte viel zu tun haben, vergeht die Zeit bis zum 23. wie im Flug. An diesem Tag findet die Weihnachtsfeier in der Schule statt. Die Kinder führen ein kleines Krippenspiel auf, tanzen und freuen sich, als wir ein deutsches Weihnachtslied singen. Dann lassen sie sich Süßigkeiten und einen Hähnchenschenkel zum Mittagessen schmecken.

24.12 Heiligabend, Heimwehgefühle.

Als es dunkel wird, zünden Anna und ich eine Kerze an, legen Weihnachtsmusik auf und packen Geschenke aus, bis um 22 uhr die Messe beginnt.

In diesem feierlichen Gottesdienst sind wieder einmal unsere Singkünste gefragt: ihr Kinderlein kommet und Silent night, holy night – so konnten auch andere Gottesdienstbesucher mitsingen. Außerdem durfte ich die Weihnachtsgeschichte auf deutsch lesen. Danach gab es zuckersüßen Kaffee und Weihnachtskuchen und einige ältere Kirchgänger segneten mich, wie es hier Brauch ist.

16.02.2012 16:38Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

FOTOS AUS INDIEN


Sophia hat Fotos aus Indien geschickt: Schnell durchklicken!

17.01.2012 11:12Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

Klischees


Frauen in leuchtend bunten Saris baden bei Sonnenaufgang im Ganges. Ein hagerer Greis, in eine verwaschene, orange Dupatta gehüllt, gießt mit zittrigen Händen Wasser aus einem Metallbecher über sein weißhaariges Haupt. Das heilige Sanskrit-Mantra „OM“ singend, wie gens sich junge Männer vor und zurück.

Ein hoffnungslos überfüllter Zug rattert durch eine blühende Landschaft. Aus den offenen Türen und selbst auf dem Dach hängen Menschen.

Höflich umfahren Lastwägen, Busse, Jeeps und Motorräder eine friedlich wiederkäuende heilige Kuh, die mitten auf der Straße liegt und sich erst bewegt, als ein Elefant mit seinem Mahut (Elefantenführer) auf sie zukommt.

Inmitten eines hellgrünen Nassreisfeldes steht ein Bauer und pflügt mithilfe seines schwarzen, gefährlich aussehenden Ochsen. Plötzlich flattert ein Schwarm strahlend weißer Reiher auf und fliegt über die Kokospalmen davon.

An einer Straßenküche werden in fettigem Teig gebackene Bananenblätter und Chai verkauft und die Luft ist erfüllt von dröhnend jammernder Musik und Currygeruch.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Ja, so wird Indien in zahlreichen Dokumentationen und Reportagen gezeigt und ich will auch gar nicht bestreiten, dass es dieses Indien gibt.

Aber es zeigt doch nur einen Bruchteil der „größten Demokratie der Welt“, die von Korruption und ehemaligen Filmstars regiert wird. Wenn ich den Namen dieses Landes höre, unermesslich groß, voller Menschen, Farben, Düften und Leben, sehe ich mein Utopia. Die Wiege der Philosophie des Orients, ein Ort der Kunst und Poesie, der Musik und des Tanzes. Ein Kaleidoskop, in dem die Vielfalt der Religionen, der Lebenseinstellungen, der Menschen sichtbar wird. Eine Vielfalt verbunden durch Toleranz, Respekt und Höflichkeit.

Doch wo ist das Indien, das ich suche?

Philosophie und die schönen Künste hier, wo Kindern in der Schule vom ersten Tag an Kreativität, Phantasie und Freimütigkeit durch stures Auswendiglernen und oft willkürliche Bestrafung ausgetrieben werden. Toleranz, wo Menschen auf die Reinheit ihres Blutes und ihrer Kaste und auf die Wahrung ihrer Religion als alleingültige Wahrheit bedacht sind. Respekt und Höflichkeit, wo man nicht Danke und Bitte sagt, sich vordrängelt, rücksichtslos den Weg schneidet, keine Verkehrsregeln und Manieren kennt. Sensibilität, wo auf offenkundig unangenehme körperliche oder psychische Schwachstellen aufmerksam gemacht wird, man aber jeder Diskussion oder kritischen Fragen ausweicht.

Aber trotzdem will ich Indien nicht so unbarmherzig verurteilen, denn wo es das eine Extrem gibt zeigt sich auch das andere. Hier existieren absolute Gegensätze nebeneinander und Paradoxe sind völlig normal.

Das beginnt schon bei der Natur und dem nicht vorhandenen Respekt vor ihr. Die wunderschöne Landschaft mit ihren eindrucksvollen roten Granitfelsen, Palmenhainen und Bananenplantagen, Nassreisfeldern und hunderten verschiedenen Vögeln, die sich farbenprächtig von den monsunregengrünen Büschen abheben, wird gedankenlos vermüllt. Wo man auch hingeht, vor Keksverpackungen, Gummireifen, rostigen Blechdosen und kaputten Schuhe ist man nirgends sicher. Der Anblick riesiger schwelender Müllberge am Straßenrand oder an Flussufern schockiert mich immer wieder.

Genauso traurig ist es, magere Kühe im Abfall wühlen zu sehen, Papageien in enge Käfige und Wachhunde in stinkende Zwinger gesperrt. Gleichzeitig wird die Kuh aber als Reittier Sivas verehrt und die Achtung der Lebewesen ist vorgeschriebenes Gesetz, denn jedes Tier könnte ja die eigene Uroma sein.

Auch der Unterschied zwischen den verschiedenen Lebenssituationen ist extrem. Zwar gibt es auch in Indien eine Mittelklasse, aber die Armen sind wirklich arm. Sie kämpfen jeden Tag aufs neue ums Überleben, ums Essen und um ihre Würde, während die Reichen im Luxus und klimatisierten Mercedes schwelgen und von zu viel Süßem an Diabetes leiden.

Essen ist sowieso ein wichtiges Thema, speziell in Tamil Nadu, wo es zu jedem Fest ein großes Meal gibt. Zum Geburtstag ist das Geburtstagskind verpflichtet, für alle Verwandten und Freunde, zu kochen und sie zu bedienen. Ähnlich ist es bei anderen Festlichkeiten wie Hochzeit, Beerdigung, Geburt eines Kindes oder einer Hauseinweihung. Alle aus dem Dorf, der Familie und dem Bekanntenkreis werden eingeladen. Zum Essen. Früher hatte das wohl den Sinn, des umsonst Essens, nur hat das aus europäischer Sicht mit feiern wenig zu tun. Besonders weil man nur kommt um zu gratulieren, ein Geschenk zu bringen, schnell zu Essen und dann ist man auch schon wieder weg.

Sehr bedauerlich für die Anwesenden, denn wir werden ein bisschen als Attraktion gehandelt.

„Oh schaut mal, zwei weiße Mädchen im Sari. Können wir nicht ein Foto mit ihnen machen?“

„Ja, 50 Rupien, bitte“

Oft werden aber gar nicht erst gefragt, sondern einfach ohne unser Wissen geknipst. Aber es ist ja auch seltsam: Europäische Mädchen in indischer Kleidung. Besonders wenn andere Jugendliche plötzlich in Jeans und T-Shirt vor uns stehen. Verkehrte Welt!

Doch selbst die traditionelle Kleidung bewahrt uns nicht davor, Opfer von „Anmache auf indische Art“ zu sein.

Zu feige mit Inderinnen zu sprechen, aber uns nach dem Motto: „weiß, reich, leicht zu haben“, behandeln. Wenn man friedlich und nichts ahnend die Straße entlang ins Dorf spaziert und aus den Autos oder von den Motorrädern pfiffe und alberne Sprüche klingen, ist es kein Wunder, dass man sich manchmal wie eine Hure auf dem Strich fühlt.

Es ist auch schwer, hier in Tamil Nadu Leute in unserem Alter kennenzulernen und Freunde zu finden.

Zum einen weiß man nie, ob sie wirklich an die als Person interessiert sind oder ob es das Prestige steigert und zum anderen sind 20-jährige entweder fleißig lernend im College oder schon verheiratet und fest in die Familie eingebunden.

Die Familie ist das wichtigste. Sie ist riesig, weit verzweigt und es gibt tausend komplizierte Namen für verschiedene Tanten, Onkel, Cousins and Cousinen. Mädchen werden beschützt und behütet wie in muslimischen Kreisen und dann verheiratet und damit komplett Teil der Familie des Mannes. Kinder sind Statussymbol und werden grenzenlos verwöhnt. Erst in der Schule müssen sie strenge Disziplin lernen. Es ist aber in armen Familien keine Seltenheit, das kleine Mädchen ihre jüngeren Geschwister herumtragen und sich um sie kümmern und manchmal sogar das Essen für die Familie kochen. Großmütter haben eine sehr hohe Stellung und ziehen die Fäden im Hintergrund. „Je älter, desto weiser“, scheint der Leitspruch zu sein. Doch das Oberhaupt der Familie ist der Großväter bzw. der Vater.

Die Kultur Tamil Nadus ist sehr verschieden von Deutschland und doch manchmal wieder ähnlich. Wenn es zum Beispiel um ein Atomkraftwerk geht, gegen dessen Inbetriebnahme die Menschen energisch protestieren, weil einzig die Regierung diese Stromquelle öffnen will. Um die Menschen zu zermürben, ist also neben den regulären Powercuts von normalerweise zwei Stunden Länge immer mal wieder Stromausfall.

Was würde man wohl in Deutschland dazu sagen und wie würde der Alltag dann laufen?

16.12.2011 17:37Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

2. Bild für die Erinnerungstruhe


Alok (Name geändert), ein Junge der hier auf der Farm arbeitet kommt in die Küche, wo ich gerade Spinat zupfe. Auf seiner linken Hand sitzt ein kleiner Papagei, dessen Flügel er mit der rechten festhält.
Behindert durch sprachliche Schwierigkeiten – er kann kein Englisch und ich nicht genug Tamil, bitte ich ihn, den Vogel freizulassen und schiebe Alok* zur Treppe.

Nach weiterem hin und her lässt er schließlich die zarten Flügel los und der Papagei, erstaunt über seine plötzliche Freiheit flattert  probeweise und fliegt dann in den Tamarindenbaum im Hof. Die Sonne schillert auf seinen blaugrünen Federn.
Feel free, rufe ich, als er über das Dach davonfliegt und wäre auch gern ein Vogel.

12.12.2011 13:47Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

HAPPY DIWALI


Ka-wumm!
Von einer ohrenbetäubenden Explosion werde ich um 6 uhr morgens aus dem Schlaf gerissen – wegen des Regens zum Glück erst jetzt, später erfahre ich nämlich, dass es normalerweise schon um 4 uhr losgeht.
Hilfe – Bürgerkrieg?! Im ersten Moment habe ich Angst, doch dann fällt mir ein: heute ist der 26 Oktober. Was ist an diesem Tag so besonders?
Diwali/Dipawali wird gefeiert, der Sieg eines Gottes über den bösen Dämon oder ein Feiertag zu Ehren des Götterehepaares Shiva und Lakshmi.
Gefeiert wird mit der Familie, vielen Süßigkeiten, neuen Kleidern, Musik und Feuerwerk. Zusätzlich werden den ganzen langen Tag von 4 uhr morgens bis 12 uhr nachts Kracher und eine art Minibombe gezündet. Die Explosionen dröhnen in den Ohren, die Druckwelle lässt mich einige Schritte zurückstolpern, Qualm und Rauch hängt in den Sraßen und über den Häusern, macht das Atmen schwer und erzeugt eine bürgerkriegsähnliche Atmosphäre. Nachdem ich, mutig mit gerafftem Sari einige der Minibomben und 300er Kracherketten gezündet habe, verziehe ich mich ins Haus zu Pushpa* und ihrer Familie.
Es gibt süßen heißen Kaffee und selbstgemachte Leckereien. Bis das Feuerwerk beginnt vertreiben wir uns die Zeit mit UNO-spielen, essen, singen(tamil und deutsch) und tanzen. Weil Anna und ich vor ein paar Tagen eine Unterrichtsstunde in Tempeltanz bekommen haben, müssen wir das sofort zeigen und werden lachend beklatscht.
Während wir von der Lehrerin erzählen, die Tempeltanz studiert und im Pillar zu Besuch war, steht die Urgroßmutter plötzlich auf und beginnt zu tanzen, als sei sie nicht 90 sondern 15 Jahre alt. Ihre bloßen Füße stampfen, begleitet vom Klingeln der Glöckchenketten rhythmisch auf den Steinboden, ihre Hände malen anmutige Bilder in die stickige Luft des überfüllten Zimmers und der dunkelblaue Sari mit der Silberborte fliegt um ihre Beine. Vollkommen überrascht über diese Verwandlung starren Anna und ich die Urgroßmutter an und applaudieren begeistert, als sie sich schließlich, kaum außer Atem im Schneidersitz auf dem Boden niederlässt.
Langsam wird es dunkel und Pushpa* zieht sich zum vierten Mal an diesem Tag um. Die Tradition will, dass jedes neue Diwalikleidungsstück heute getragen wird. So haben wir Pushpa* jetzt schon im blaugrünen Seidensari, gelben Nighty (Nachthemd), rosa-schwarzen Dhurida und nun im dunkelgrünen Sari gesehen.
Voller Vorfreude auf das Feuerwerk versammeln wir uns alle auf der Dachterrasse.
Hier warten mehrere Tüten und Kartons voller Raketen und Sternwerfern darauf, für Diwali zu leuchten. Und dann gehen die ersten Raketen von den Dächern hoch. Die Nacht ist erfüllt vom Krachen, Musik und Jubelrufen, dem typischen Silvesterfeuerwerksgeruch und dem schwachen Duft nach Monsunregen. Ein sanfter Wind streichelt meine Arme, während Pushpas* Töchter und ich mit Sternwerfern wie Laserschwerter über die Terrasse tanzen.
Doch schließlich kann ich mich nicht mehr vom faszinierenden Anblick des Feuerwerks losreißen.
In den Schal des Sariendes gehüllt, 25 Grad Celsius sind mittlerweile ziemlich kühl, schaue ich mit zurückgelegtem Kopf in den dunklen Nachthimmel, der überall von leuchtend rosa, grünen und goldenen Funken, Sternen, Feuerrädern und Fäden wie Perlenschnüre erhellt wird. In diesem Augenblick scheint selbst die Erde stillzustehen um entzückt das Schauspiel zu genießen. Schönheit, die in Sekundenschnelle aufblüht und wieder vergeht.
Nächstes Jahr feiert ihr wieder mit uns Diwali, wird uns als Abschiedsgruß mit auf den Weg gegeben, als wir spätabends ins Pillar fahren.

12.12.2011 13:47Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

1. Bild für die Erinnerungstruhe


Appuram Sophia

Das erste Bild für die Erinnerungstruhe: Ein weißhaariger bärtiger alter Mann mit tausenden Runzeln im Gesicht schiebt eine Fahrradrikscha. Die heiße Sonne lässt sein helles Hemd leuchten. Wie ein Baum im Sturm steht er da und betrachtet ungerührt das Verkehrschaos um ihn. Die hölzernen Sprossen der Rikschaüberdachung sind mit buntem Kreppapier umwickelt und auf dem rot-orangen Polster kniet ein ungeduldiger kleiner Junge mit kurzen Hosen. Mit glänzenden braunen Augen hoppst er auf dem Sitz herum und verschmiert versehentlich den weißen Strich auf seiner Stirn, der einen Tempelbesuch besagt.

12.12.2011 13:47Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

Vanakam,


hier in unserer Meditationshalle ist es schön ruhig und angenehm kühl. Auf dem schwarzen Marmor sitzend genieße ich den leisen Wind und nutze die Stille um diese erste Rundmail zu schreiben, die von einigen sicher schon sehnlich erwartet wird.

Nach einer Woche Erholung und Akklimatisierung, die nach dem anstrengenden Flug von München über Dubai nach Chennai und Madurai und den hier herrschenden 36 Grad und der hohen Luftfeuchtigkeit wirklich nötig war, began für Anna und mich schon der Alltag. Wir leben hier eine halbe Stunde von Madurai entfernt auf dem Campus der Pillar Schule und des Klosters der Pallottiner. Dreizehn Lehrerinnen und Lehrer, Anna und ich betreuen von 9 Uhr bis 16.10 Uhr ca. 300 Kinder zwischen 2 und 16 Jahren. Da manche Lehrerinnen auch noch sehr jung sind, verstehen wir uns mit ihnen gut. Im Kloster leben derzeit 3 Fathers, die Putz-und Küchenfrauen und wir. Doch das weitläufige Gebäude bietet genug Platz für regelmäßig stattfindende Seminare und Exerzitien. Unsere Zimmer sind mit Bad, Moskitonetzhimmelbett und Ventilator sehr angenehm und aus dem Fenster habe ich einen herrlichen Blick über den Kokospalmengarten und den großen roten Felsen. Auch einen kleinen Gecko gefällt das Zimmer und so lasse ich ihn zur Zeit über dem Fenster an der hellblauen Wand wohnen. Im Moment arbeite ich nach dem Sariwickeln und Frühstück (Dosa mit Kokoschutney) in der ersten Stufe des Kindergartens. Dort lernen die Kinder Reime auf Tamil und Englisch auswendig oder gehen zum Spielplatz. Mittags bekommen sie alle vom Kloster Essen und wir haben eine Stunde frei. Am Nachmittag helfen wir den älteren Schülern im Englisch und Computer Science Unterricht. Nach dem Halbfünfuhrtee gehen wir oft lange spazieren und bestaunen immer wieder die unglaubliche Landschaft. Unter dem hohen blauen Himmel breitet sich die Ebene bis zu den Westghats aus, die von uns ca. 35km entfernt sind. Mitten in der Landschaft rießige, rote, schwarze und weißgefärbte Felsen wie von einem Riesen dort hin geworfen. Vom Jains´hill ganz in der Nähe des Pillar Campus hat man einen atemberaubenden Blick über die staubiggrüne und rote Ebene, Palmen und Reisfelder. Der Jains´hill wurde 300 vor Christus von Mönchen bewohnt, die dort den Jainismus gelebt und verbreitet haben. Diese Religion ist eine Art Gegenbewegung zum auch heute noch weit verbreiteten Hinduismus. Jaina sind gegen Gewalt und Kastensystem, für Freiheit und Bildung für alle. Trotz ihrer hehren Ideale wurden sie von Hindus verfolgt. Auf diesem Felsen sitzen wir jetzt oft und genießen die Aussicht und die Ruhe, die vom läuten der Ziegenglocken unterbrochen wird. Einmal auch von einem großväterlichen Hirten, der nach Wasser fragte und uns gefühlsmäßig in eine andere Zeit versetzte. Die heilige Kuh, die mich auf dem Rückweg angriff und mir ihr Horn in den Oberschenkel rammte, zerstörte diese Stimmung aber schnell. Wenn wir nicht spazieren gehen, helfen wir den Frauen in der Küche und schneiden Gemüse, von dem ich auch jetzt meistens nicht genau weiß, was es ist. Schmeckt aber fast immer sehr gut, besonders weil ich sowieso ein Fan des scharfen indischen Essens bin. Auch verschiedene exotische Früchte haben wir hier schon probiert. Angefangen bei Ananas und Kokosnuss über Papaya, Guave, Jackfruit oder Butterfruit bis zu den vielen Bananensorten, bekommen wir alles, was man hier auf dem Markt in Madurai kaufen kann. In Madurai bekommt man aber auch, ganz wichtig, Saris und Schmuck! Inderinnen legen großen Wert auf schöne Kleidung und passenden Schmuck, ordentliche Frisuren und Blumen im Haar. Besonders meine Angewohnheit zwei unterschiedliche Ohrringe zu tragen und Annas Lippenpiercing erregen Aufsehen. Ebenso viel Wert wird hier aufs Essen gelegt. Ob bei einer Stadttour, einem Tagesausflug oder einem Lehrernachmittag, das Thema Essen steht immer als erstes auf der Tagesordnung. Jeden Tag wird man mindestens 10mal gefragt: Was hast du gegessen? Das ist gleichzusetzen mit der Frage: Wie geht es dir? Eigentlich kein Wunder, wenn man sieht wie manche Menschen leben und wahrscheinlich gerade einmal am Tag halbwegs ordentliche Nahrung bekommen. Besonders der Anblick viel zu dünner kleiner Kinder in löchrigen Kleidern tut mir weh. Zumal ich weiß, wie viele Luxushotels es allein in Madurai gibt und wie wenig man für ein vernünftiges Essen mit kostenlosem Nachschlag zahlt (ca.40 Rupien). Ähnlich günstig sind Bus und Zugfahrten. 180 Rupien für 500km! Da kann die Deutsche Bahn nicht mithalten, wobei auch der Komfort in Deutschen Züge oft zu wünschen übrig lässt. Wir werden diese Preise und die Ferienwoche anfang Oktober nach den Examen nutzen und nach Chennai fahren, wo andere MaZler und Brüder des Pallottinerordens leben. Auch auf dieser Fahrt werde ich Bilder für meine Erinnerungstruhe sammeln, damit ich euch auch Nächstesmal wieder viel zu erzählen habe. Wenn ihr fragen habt, schreibt mir bitte.

04.10.2011 18:03Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
 
Moderator
Geschlecht:    
Anmeldedatum:
01.01.2000
Beiträge: 358
Herkunft: Straubing

Sophia als MAZlerin in Indien


Sophia Pokorny aus Hörgertshausen ist frisch mit der Schule fertig. Sie hat in diesem Jahr am Karl-Ritter-von-Frisch-Gymnasium in Moosburg ihr Abitur gemacht. Ende August 2011 wird sie für ein Jahr als freiwillige Helferin nach Madurai in Indien reisen. Dort unterstützt sie die Schwestergemeinschaft der Pallottinerinnen bei ihrer Arbeit im Kindergarten und der Grundschule. Dieser Freiwilligendienst nennt sich "Missionarin auf Zeit (MAZ)". Sophia wird in regelmäßigen Abständen von ihrem Hilfsdienst und ihren Erlebnissen in Indien erzählen. Seid gespannt!

29.08.2011 15:53Antworten | Zitat | Ändern | Hoch
 
Beiträge 1 bis 10
RSS | Impressum | Mediadaten
© 2012 Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt / Landshuter Zeitung