Moderator Geschlecht: Anmeldedatum: 01.01.2000 Beiträge: 358 Herkunft: Straubing | Klischees
Frauen in leuchtend bunten Saris baden bei Sonnenaufgang im Ganges. Ein hagerer Greis, in eine verwaschene, orange Dupatta gehüllt, gießt mit zittrigen Händen Wasser aus einem Metallbecher über sein weißhaariges Haupt. Das heilige Sanskrit-Mantra „OM“ singend, wie gens sich junge Männer vor und zurück.
Ein hoffnungslos überfüllter Zug rattert durch eine blühende Landschaft. Aus den offenen Türen und selbst auf dem Dach hängen Menschen.
Höflich umfahren Lastwägen, Busse, Jeeps und Motorräder eine friedlich wiederkäuende heilige Kuh, die mitten auf der Straße liegt und sich erst bewegt, als ein Elefant mit seinem Mahut (Elefantenführer) auf sie zukommt.
Inmitten eines hellgrünen Nassreisfeldes steht ein Bauer und pflügt mithilfe seines schwarzen, gefährlich aussehenden Ochsen. Plötzlich flattert ein Schwarm strahlend weißer Reiher auf und fliegt über die Kokospalmen davon.
An einer Straßenküche werden in fettigem Teig gebackene Bananenblätter und Chai verkauft und die Luft ist erfüllt von dröhnend jammernder Musik und Currygeruch.
Das kommt Ihnen bekannt vor? Ja, so wird Indien in zahlreichen Dokumentationen und Reportagen gezeigt und ich will auch gar nicht bestreiten, dass es dieses Indien gibt.
Aber es zeigt doch nur einen Bruchteil der „größten Demokratie der Welt“, die von Korruption und ehemaligen Filmstars regiert wird. Wenn ich den Namen dieses Landes höre, unermesslich groß, voller Menschen, Farben, Düften und Leben, sehe ich mein Utopia. Die Wiege der Philosophie des Orients, ein Ort der Kunst und Poesie, der Musik und des Tanzes. Ein Kaleidoskop, in dem die Vielfalt der Religionen, der Lebenseinstellungen, der Menschen sichtbar wird. Eine Vielfalt verbunden durch Toleranz, Respekt und Höflichkeit.
Doch wo ist das Indien, das ich suche?
Philosophie und die schönen Künste hier, wo Kindern in der Schule vom ersten Tag an Kreativität, Phantasie und Freimütigkeit durch stures Auswendiglernen und oft willkürliche Bestrafung ausgetrieben werden. Toleranz, wo Menschen auf die Reinheit ihres Blutes und ihrer Kaste und auf die Wahrung ihrer Religion als alleingültige Wahrheit bedacht sind. Respekt und Höflichkeit, wo man nicht Danke und Bitte sagt, sich vordrängelt, rücksichtslos den Weg schneidet, keine Verkehrsregeln und Manieren kennt. Sensibilität, wo auf offenkundig unangenehme körperliche oder psychische Schwachstellen aufmerksam gemacht wird, man aber jeder Diskussion oder kritischen Fragen ausweicht.
Aber trotzdem will ich Indien nicht so unbarmherzig verurteilen, denn wo es das eine Extrem gibt zeigt sich auch das andere. Hier existieren absolute Gegensätze nebeneinander und Paradoxe sind völlig normal.
Das beginnt schon bei der Natur und dem nicht vorhandenen Respekt vor ihr. Die wunderschöne Landschaft mit ihren eindrucksvollen roten Granitfelsen, Palmenhainen und Bananenplantagen, Nassreisfeldern und hunderten verschiedenen Vögeln, die sich farbenprächtig von den monsunregengrünen Büschen abheben, wird gedankenlos vermüllt. Wo man auch hingeht, vor Keksverpackungen, Gummireifen, rostigen Blechdosen und kaputten Schuhe ist man nirgends sicher. Der Anblick riesiger schwelender Müllberge am Straßenrand oder an Flussufern schockiert mich immer wieder.
Genauso traurig ist es, magere Kühe im Abfall wühlen zu sehen, Papageien in enge Käfige und Wachhunde in stinkende Zwinger gesperrt. Gleichzeitig wird die Kuh aber als Reittier Sivas verehrt und die Achtung der Lebewesen ist vorgeschriebenes Gesetz, denn jedes Tier könnte ja die eigene Uroma sein.
Auch der Unterschied zwischen den verschiedenen Lebenssituationen ist extrem. Zwar gibt es auch in Indien eine Mittelklasse, aber die Armen sind wirklich arm. Sie kämpfen jeden Tag aufs neue ums Überleben, ums Essen und um ihre Würde, während die Reichen im Luxus und klimatisierten Mercedes schwelgen und von zu viel Süßem an Diabetes leiden.
Essen ist sowieso ein wichtiges Thema, speziell in Tamil Nadu, wo es zu jedem Fest ein großes Meal gibt. Zum Geburtstag ist das Geburtstagskind verpflichtet, für alle Verwandten und Freunde, zu kochen und sie zu bedienen. Ähnlich ist es bei anderen Festlichkeiten wie Hochzeit, Beerdigung, Geburt eines Kindes oder einer Hauseinweihung. Alle aus dem Dorf, der Familie und dem Bekanntenkreis werden eingeladen. Zum Essen. Früher hatte das wohl den Sinn, des umsonst Essens, nur hat das aus europäischer Sicht mit feiern wenig zu tun. Besonders weil man nur kommt um zu gratulieren, ein Geschenk zu bringen, schnell zu Essen und dann ist man auch schon wieder weg.
Sehr bedauerlich für die Anwesenden, denn wir werden ein bisschen als Attraktion gehandelt.
„Oh schaut mal, zwei weiße Mädchen im Sari. Können wir nicht ein Foto mit ihnen machen?“
„Ja, 50 Rupien, bitte“
Oft werden aber gar nicht erst gefragt, sondern einfach ohne unser Wissen geknipst. Aber es ist ja auch seltsam: Europäische Mädchen in indischer Kleidung. Besonders wenn andere Jugendliche plötzlich in Jeans und T-Shirt vor uns stehen. Verkehrte Welt!
Doch selbst die traditionelle Kleidung bewahrt uns nicht davor, Opfer von „Anmache auf indische Art“ zu sein.
Zu feige mit Inderinnen zu sprechen, aber uns nach dem Motto: „weiß, reich, leicht zu haben“, behandeln. Wenn man friedlich und nichts ahnend die Straße entlang ins Dorf spaziert und aus den Autos oder von den Motorrädern pfiffe und alberne Sprüche klingen, ist es kein Wunder, dass man sich manchmal wie eine Hure auf dem Strich fühlt.
Es ist auch schwer, hier in Tamil Nadu Leute in unserem Alter kennenzulernen und Freunde zu finden.
Zum einen weiß man nie, ob sie wirklich an die als Person interessiert sind oder ob es das Prestige steigert und zum anderen sind 20-jährige entweder fleißig lernend im College oder schon verheiratet und fest in die Familie eingebunden.
Die Familie ist das wichtigste. Sie ist riesig, weit verzweigt und es gibt tausend komplizierte Namen für verschiedene Tanten, Onkel, Cousins and Cousinen. Mädchen werden beschützt und behütet wie in muslimischen Kreisen und dann verheiratet und damit komplett Teil der Familie des Mannes. Kinder sind Statussymbol und werden grenzenlos verwöhnt. Erst in der Schule müssen sie strenge Disziplin lernen. Es ist aber in armen Familien keine Seltenheit, das kleine Mädchen ihre jüngeren Geschwister herumtragen und sich um sie kümmern und manchmal sogar das Essen für die Familie kochen. Großmütter haben eine sehr hohe Stellung und ziehen die Fäden im Hintergrund. „Je älter, desto weiser“, scheint der Leitspruch zu sein. Doch das Oberhaupt der Familie ist der Großväter bzw. der Vater.
Die Kultur Tamil Nadus ist sehr verschieden von Deutschland und doch manchmal wieder ähnlich. Wenn es zum Beispiel um ein Atomkraftwerk geht, gegen dessen Inbetriebnahme die Menschen energisch protestieren, weil einzig die Regierung diese Stromquelle öffnen will. Um die Menschen zu zermürben, ist also neben den regulären Powercuts von normalerweise zwei Stunden Länge immer mal wieder Stromausfall.
Was würde man wohl in Deutschland dazu sagen und wie würde der Alltag dann laufen?
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