Artikel vom 11. January 2013 08:26, 192 mal gelesen
Vilsbiburg
Aus Abwasser soll Strom werden
Vilsbiburg plant energetische Sanierung der kommunalen Kläranlage
Autor: Georg Soller
Die Klärschlammreaktoren in Vilsbiburg kommen nach 35 Jahren an ihr funktionales Ende und werden durch einen Faulturm ersetzt. (Archivfoto)
Die energetische Sanierung der Kläranlage Vilsbiburg, deren Beginn für dieses Jahr vorgesehen ist, duldet keinen Aufschub mehr. Die Wände der 35 Jahre alten Schlammreaktoren sind stark angegriffen und auch diese Art der Schlammbehandlung ist heute nicht mehr sinnvoll. Als die Kläranlage gebaut wurde, war sie eine der modernsten in Niederbayern. An diesen Standard möchte die Stadt wieder anknüpfen - sicher auch, weil man durch den knapp 2 Millionen Euro teueren Umbau voraussichtlich Stromkosten in Höhe von 100000 Euro jährlich sparen kann. Im Herbst 2014 soll die neue Anlage in Betrieb gehen.
Ein Systemwechsel steht bei der Kläranlage Vilsbiburg auf dem Plan. In den vergangenen Jahren wurde der aus dem Abwasser abgesetzte Schlamm in vier Stahlbehälter gepumpt und dort durch biologische Abbauprozesse, die von Wendelüftern unterstützt werden, zu einer humusartigen Masse umgewandelt. Nach dieser aeroben-thermophilen Schlammstabilisierung (ATS), so die korrekte Bezeichnung, wurde dieser eingedickte Schlamm früher auf Felder ausgebracht. Weil aber Landwirte den Klärschlamm aus Gründen seiner chemischen Belastung inzwischen nicht mehr ausbringen (lassen), wird der stabilisierte Schlamm jetzt durch spezielle Dekanter weiter entwässert und fachgerecht entsorgt.
Neue Schlammfaulung
Nachdem die ATS-Schlammreaktoren auf der Kläranlage nicht mehr lange einsetzbar sind, wie der Leiter der Kläranlage, Reinhard Franke, im VZ-Gespräch erläuterte, werden sie im Zuge des Umbaus abgerissen. Zuvor wird an anderer Stelle ein neuer Schlammfaulturm gebaut. Darin wird der Klärschlamm künftig anaerob - also ohne Sauerstoffzufuhr - unter Mitwirkung verschiedener Bakteriengruppen bei 45 Grad Reaktionstemperatur ausgefault.
Dabei entsteht unter anderem Methangas, das in einem Pufferspeicher aufgefangen und in einem ebenfalls neu zu errichtenden Blockheizkraftwerk (BHKW) zu Strom und Wärme verarbeitet wird. Mit der Abwärme werden das Betriebsgebäude und der Faulbehälter beheizt, und gleichzeitig sollen etwa 85 Prozent der auf der Kläranlage benötigten elektrischen Energie erzeugt werden. Als Standort für das BHKW soll das Gebäude des Flottweg-Dekanters verlängert werden.
In einer der zurückliegenden Sitzungen des Bauausschusses haben die Stadträte mit 7 zu 2 Stimmen festgelegt, dass man den geplanten Faulturm größer als aktuell benötigt bauen soll, um eine technische Reserve von 4000 Einwohnergleichwerten (das ist eine Rechengröße für die organische Verschmutzung des Abwassers) zu haben - was aber zusätzlich 110000 Euro kostet.
Knifflig erwies sich hingegen die von Planer Dr. Ralf Mitsdörffer aufgeworfene Frage, wie denn die Heizungsfrage gelöst werden soll: Denn das BHKW muss an zwei bis drei Tagen im Jahr gewartet werden, und an diesen Tagen benötigt die Faulung eine Wärmezufuhr aus anderer Quelle, um die Betriebstemperatur von 45 Grad halten zu können. Weil dazu auch die vorhandene Ölheizung nicht ausreichen würde, stellte Mitsdörffer zwei Alternativen vor: den Austausch der vorhandenen Heizungsanlage mit einem Anschluss der neuen Faulung an das bestehende Leitungsnetz oder den Bau einer komplett neuen Heizung beim BHKW mit einem Zweistoffbrenner für Heizöl und Faulgas. Weil die zweite Variante 30000 Euro teurer wäre, entschied sich der Bauausschuss aufgrund der geringen Laufzeit für den preisgünstigeren Austausch der bestehenden Heizungsanlage, auch wenn die zweite Variante ökologische Vorteile gehabt hätte.
Stromverbrauch eindämmen
Allerdings soll an der Stelle, wo jetzt noch die ATS-Reaktoren stehen, eine neue Lagerhalle errichtet werden, deren Dach so ausgerichtet wird, dass es für Photovoltaik geeignet ist. Der damit erzeugte Strom soll ebenfalls direkt zum Betrieb der Anlage verwendet werden.
Im Stadtrat entzündete sich darüber allerdings eine Diskussion über den Kostenvorschlag des Planers, der für die Halle mit einer Grundfläche von 10 mal 6 Meter 145000 Euro veranschlagt. Gisela Floegel (Die Grünen) will auch nicht akzeptieren, dass für die Platzierung der PV-Anlage auf dem Dach dieser Halle eine Ingenieurleistung in Höhe von 6700 Euro fällig würde: "So etwas berechnet das Unternehmen, das die Anlage aufbaut." Diese Punkte werden nun in der nächsten Sitzung beschlossen.
"Als die Kläranlage seinerzeit gebaut wurde, war der Strompreis ein untergeordnetes Thema, der hohe Energieverbrauch fiel deshalb nicht besonders auf", sagte Bürgermeister Helmut Haider. Das habe sich bis heute dramatisch verändert, und die Stromkosten der Kläranlage schlagen mit mehr als 100000 Euro jährlich zu Buche. "Deshalb ist diese Sanierung ein für alle Bürger wichtiges Thema", sagte Haider.
Schon heute versucht Reinhard Franke, durch eine optimierte Steuerung der Anlagentechnik den Stromverbrauch einzugrenzen. Auf diese Weise ist es ihm gelungen, den speziellen Verbrauch von 788000 auf 514000 Kilowattstunden pro Jahr zu senken. Durch die neue Technik wird diese Energie nun laut Planung aus dem Klärschlamm weitgehend selbst erzeugt. "Am liebsten wäre es mir, wenn die Kläranlage komplett energieautark werden könnte", sagte Haider.
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