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Artikel vom 24. December 2012 09:37, 112 mal gelesen

Landshut/Patna

Ein bayerisch-indisches Weihnachtsmärchen

Verein „Schritt für Schritt“ befreit Kindersklaven und hilft den „Müllkindern von Patna“

Autor: Horst Müller
Klassenzimmer im Hinterhof: Die Slumkinder werden im Freien unterrichtet.

Klassenzimmer im Hinterhof: Die Slumkinder werden im Freien unterrichtet.

Ida Gaßner und Agnes Krisch können ihr Glück noch gar nicht fassen: "Für uns ist das ein Weihnachtsmärchen", erzählen die tatkräftigen Frauen des Indienhilfevereins "Schritt für Schritt - Hilfe mit System". Sichtlich gerührt betrachten die Frauen immer wieder das Foto mit den beiden Buben, das ihnen am vergangenen Wochenende von einer Ordensschwester aus der nordindischen Stadt Patna gemailt wurde. Die Namen der beiden fünf und sieben Jahre alten Brüder kennen sie noch gar nicht, dafür ist ihnen das Schicksal der Halbwaisen nahe gegangen: "Wir konnten zwei Kindersklaven befreien, die ihr Vater an eine Ziegelei verkauft hatte."

Die Geschwister sind jetzt nicht mehr der Willkür ihres Peiningers ausgeliefert, sondern befinden sich seit ein paar Tagen in Sicherheit und haben bei ihrem Onkel ein neues Zuhause gefunden. Der Bruder ihrer gestorbenen Mutter war es auch, der Schwester Veena auf die Notlage seiner Neffen aufmerksam gemacht hat, ihnen jedoch aus eigener Kraft nicht helfen konnte, weil er selbst nicht genug zum Leben hat, geschweige denn die Kinder hätte freikaufen können.

Die Kindheit geraubt

Bislang konnten Ida Gaßner und Agnes Krisch in Erfahrung bringen, dass ein verwitweter Vater nach dem Tod seiner Frau eine neue Beziehung eingangen und seine jetzige Partnerin ihrerseits mehrfache Mutter ist, weshalb die eigenen Kinder offensichtlich aus seinem Leben verschwinden mussten. Anstatt sie wenigstens in ein Kinderheim zu geben, verkaufte der Mann seine Söhne der Not gehorchend einem "Landlord", dem sie als leibeigene Ziegeleiarbeiter schutz- und hilflos ausgeliefert waren.

Fotos: (5 Einträge)

 


Zudem wurden die Buben auch noch in einen anderen Bundesstaat verschleppt, wo sie sich nicht einmal verständigen konnten und mit Sicherheit nicht sonderlich alt geworden wären. Denn der Großgrundbesitzer hätte sich nur so lange um sie "gekümmert", wie sie mit ihren ausgemergelten Körpern die zentnerschwere Arbeit verrichten können. Der Hunger und die täglichen Strapazen haben den Buben nicht nur die Kindheit geraubt, sondern auch ihrer Gesundheit so sehr zugesetzt, dass sie erst langsam wieder aufgepäppelt werden müssen, bevor sie einmal in eine Schule gehen und vielleicht ein bisschen von all dem nachholen können, was ihnen bislang verwehrt blieb.

Auf dem Foto, das die "Schritt für Schritt"-Frauen immer wieder in die Hand nehmen, blicken die Brüder ängstlich und völlig eingeschüchtert ihren Betrachterinnen entgegen. "Ob sie je über die seelischen Qualen hinwegkommen, irgendwann einmal Vertrauen zu anderen Menschen gewinnen und wieder unbeschwert lachen können?" Diese Frage stellen sich Agnes Krisch und Ida Gaßner in diesen Tagen immer wieder - und hoffen umso mehr, dass auch für die Brüder einmal Weihnachten sein wird.

Dabei wissen sie nur zu gut, dass die beiden Geschwister nur zwei von zigtausenden Kindern sind, die unter demselben Schicksal zu leiden haben. "Wir wissen, dass wir nicht allen helfen können. Aber wenn wir gar nicht helfen, ist erst recht keinem geholfen." Über die genaue Zahl der Kindersklaven in Indien könne man allenfalls Mutmaßungen anstellen. Agnes Krisch spricht von einer "Mauer des Schweigens", denn offiziell existiert die Leibeigenschaft seit 1843 nicht mehr - und dennoch ist sie allgegenwärtig.

Ohne Bildung chancenlos

Die beiden Brüder bilden in Indien nur einen winzigen Bruchteil der mindestens 15 Millionen Mädchen und Buben unter zwölf Jahren, die keine Schule besuchen können, weil sie arbeiten müssen. Viele der jungen Arbeitssklaven werden von ihren Eltern von sogenannten "Gangmastern" weggelockt, die den Eltern versprechen, dass ihre Kindern einmal ein besseres Leben führen und eine Schule besuchen können, wenn sie unter ihren Fittichen vermeintlich leichte Arbeiten verrichten und Geld verdienen, um ihre Familie unterstützen zu können.

Doch die Realität sieht leider ganz anders aus: Die meisten der Kindersklaven werden bedroht, geschlagen und in winzigen schmutzigen Zimmern eingesperrt, oftmals ohne Licht und frische Luft. Die Kinder sind meistens unterernährt, viele von ihnen tragen Verletzungen aufgrund der schweren Arbeit oder durch Misshandlungen ihrer Peiniger davon, die sie fast rund um die Uhr zur Arbeit zwingen: Von einem Schulbesuch ist keine Rede mehr.

Ohne Bildung wird jedoch die Spirale von Elend, Not und Armut nicht zu stoppen sein. Denn ohne die geringsten Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen werden Analphabeten immer von skrupellosen Geschäftemachern oder Geldverleihern abhängig sein, die ihnen in der Hoffnung auf ein besseres Leben womöglich das Blaue vom Himmel versprechen, letztlich aber nur auf billige Arbeitskräfte aus sind, die ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind und nicht die geringste Chance haben, sich jemals eine eigene Existenz aufbauen und ein Leben ohne Schulden und Knechtschaft führen zu können.

Deshalb hilft der im Jahr 1995 von Ida und Josef Gaßner aus Schloßberg bei Landshut gegründete gemeinnützige Verein "Schritt für Schritt - Hilfe mit System" bedürftigen Kindern und Jugendlichen und eröffnet ihnen im Rahmen von Patenschaften die Möglichkeit, einen Schulabschluss zu erwerben und einen "richtigen" Beruf zu erlernen. Denn nur durch Bildung kann auf Dauer ihre soziale Lage verbessert und die Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft Wirklichkeit werden. Aus diesem Grund unterstützt und unterhält der Indienhilfeverein "Schritt für Schritt" vor allem im südindischen Bundesstaat Kerala einige Kinderheime und Schulen und begleitet zahlreiche Selbsthilfeprojekte, die auf Dauer den Lebensunterhalt der "Patenkinder" und ihrer Familien sichern können.

Darüber hinaus unterstützt der Indienhilfeverein aber auch die "Müllkinder von Patna", um die sich Schwester Veena kümmert, deren beherztem Engagement auch die Befreiung der beiden Kindersklaven zu verdanken ist. Die Ordensschwester sah in der Hauptstadt des Bundesstaats Bihar die Not der Mädchen und Buben, deren Eltern manchmal weit entfernt auf Baustellen arbeiten und nur einmal im Jahr nach Hause kommen, um zu sehen, ob die Kinder noch in ihrer Slumhütte leben. Viele Kinder sind die meiste Zeit sich selbst überlassen und müssen ihren Lebensunterhalt durch Müllsammeln bestreiten. Tag für Tag wühlen sie sich durch die Abfallberge auf der Suche nach brauchbaren oder zum Verkauf geeigneten Abfällen. So wie Rahul, der aus weggeworfenen Obstkisten kleine Altäre für das Diwali-Fest auf dem Ganges bastelt und die schwimmenden Holzhäuschen am Straßenrand verkauft.

Unterricht im Hinterhof

Für die Müllkinder hat Schwester Veena mittlerweile fünf "Center" in angemieteten Zimmern und Hinterhöfen eingerichtet: Dort können mehr als 120 Slumkinder von Montag bis Freitag drei Stunden täglich unterrichtet werden, damit sie wenigstens über Grundkenntnisse in der Landessprache Hindi und in Englisch sowie im Rechnen verfügen. Neben den Unterrichtsstunden, die den Kindern im Idealfall sogar den Zugang zu einer "richtigen" Schule ebnen können, organisiert Schwester Veena außerdem Frauengruppen, damit auch die Mütter der Slumkinder über den Umgang mit Geld sowie über Gesundheitsvorsorge und Hygiene Bescheid wissen und gemeinsam mit ihren Kindern die eigenen Lebensumstände verbessern können.

Von Schwester Veena haben Ida Gaßner und Agnes Krisch auch ein Foto bekommen, das eine der Frauengruppen zeigt. "Zwei Frauen auf diesem Bild könnten auch wir beide sein", sinnieren die "Schritt für Schritt"-Frauen. Denn die Mütter der indischen Müllkinder haben sich ihr Schicksal nicht selbst ausgesucht, sondern hätten sich viel lieber ein besseres Leben für ihre Familien gewünscht. Damit dieser Traum für möglichst viele Mütter einmal in Erfüllung gehen kann, wollen Ida Gaßner und ihre unermüdlichen Mitstreiter nicht locker lassen, sondern Schritt für Schritt Hilfe zur Selbsthilfe leisten - und jeden noch so kleinen Erfolg wie Weihnachten feiern.

Info
Wer die Arbeit von "Schritt für Schritt - Hilfe mit System" unterstützen möchte, kann den gemeinnützigen Verein mit einer Spende unterstützen auf das Konto 41 22 44 bei der Raiffeisenbank Eching (BLZ 743 696 62). Informationen gibt es auch unter www.wirhelfenindien.de im Internet.

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