Artikel vom 17. January 2013 07:32, 66 mal gelesen
Dr. Reinhard Erös (zweiter Erwachsener von rechts) in afghanischer Tracht mit Erziehungsminister Daud Mohammad (r.), Gouverneur Haji Hanif (Mitte, im grauen Anzug), Polizeichef Eqbal Khan und links außen der afghanische Direktor der "Kinderhilfe Afghanistan" Muhammed Haji Alem.
Inmitten einer der gefährlichsten Regionen Afghanistans hat die "Kinderhilfe Afghanistan" der Trutz-Erös-Stiftung in diesen Tagen eine weitere Schule eröffnet: die "Straubing-Friedensschule", die im Wesentlichen mittels der Großspende einer mittlerweile verstorbenen Straubinger Ärztin finanziert wurde. Sie bietet Platz für 3 000 Schülerinnen. "Bildung statt Fundamentalismus" heißt das Motto der "Kinderhilfe Afghanistan" der Mintrachinger Familie Erös.
Von den 400 000 Euro Baukosten - nach deutscher Größenordnung ein Klacks - kommt der Großteil aus Mitteln der im Frühjahr 2012 gestorbenen Ärztin. Den Rest finanzierte der Initiator Reinhard Erös mit weiteren Spenden aus Niederbayern und der Oberpfalz über die Trutz-Erös-Stiftung. Die Straubinger Ärztin hatte sich wenige Monate vor ihrem Tod an Erös gewandt und ihm Hilfe angeboten.
Die "Kinderhilfe Afghanistan" engagiert sich in dem von Kriegen und religiösen Fundamentalisten versehrten Afghanistan mit dem Bau von Schulen, um Kindern und Jugendlichen Zugang zu Bildung zu verschaffen und damit Lebenschancen zu eröffnen. Die Schule in der Provinz Laghman im Südosten des Landes an der Grenze zu Pakistan liegt in einer der gefährlichsten Regionen Afghanistans, in einer Hochburg der Taliban, wo tagtäglich Anschläge das zivile Leben erschüttern und Menschen sterben.
Eine Schule inmitten von Krieg und Gewalt. Warum?
Warum baut Erös ausgerechnet in diesem hochgradig gefährdeten Gebiet seine Schule? Weil Bildung gerade dort, wo ein vom Terrorismus getragener Fundamentalismus tobt, am notwendigsten ist, sagt Erös. Und weil der ehemalige Bundeswehrarzt, der sich seit 30 Jahren in Afghanistan engagiert, die Landessitte mittlerweile wie seine Westentasche kennt, sich entsprechend mit den örtlichen Führern ebenso wie notfalls mit den Taliban zu arrangieren weiß und seine Schulen - es ist die mittlerweile 30. - mit diesem Pakt aus der Schusslinie hält. In seinem Buch "Tee mit dem Teufel" hat Erös präzise beschrieben, wie man als Ausländer, als Europäer, in Afghanistan mit den wildesten Gesellen in friedlicher Koexistenz leben kann, wenn man sie und ihre Landessitte gebührend respektiert, sich ein- und unterordnet, anpasst und sich der Landessitte gemäß verhält. Dann ist, sagt Erös, auch der Pakt mit den Taliban - mit dem "Teufel" - möglich.
Insofern muss Reinhard Erös um seine Schule nicht fürchten, auch wenn es eine Mädchenschule ist, an der 3000 Schülerinnen und einige wenige Schüler für das Leben lernen und erfahren, wie sie dem Kreislauf aus Bildungsdefiziten, Armut und Unterdrückung entkommen können. Es ist die mittlerweile 30. Schule, die Erös aus Mitteln seiner Stiftung, die nach dem in Afghanistan im Kindesalter gestorbenen Sohn Trutz benannt ist, finanziert hat und betreibt.
Bau und Betrieb der Schule - alles aus der Region
400 000 Euro hat der Bau der Schule nur gekostet, in Deutschland könnte damit gerade einmal das Fundament erstellt werden - weil der Bau von der Planung bis zur Fertigstellung in eigener Regie lief, ausschließlich örtliche Arbeiter tätig waren und Baumaterial aus afghanischer Produktion verwendet wurde. Ebenso sind Leitung und Verwaltung der Schule und die Lehrkräfte aus der Region. Bezahlt werden sie nach örtlichen Tarifen, gestaffelt je nach wirtschaftlicher Lebenssituation. So verdient eine Lehrerin, die Mutter mehrerer Kinder ist, mindestens das Doppelte als eine junge, kinderlose Lehrkraft.
3 000 Schülerinnen kann die Schule aufnehmen, allerdings gestaffelt in drei Tagesschichten zu jeweils 1 000: eine Frühschicht, eine Mittagsschicht, eine Spätschicht. Und abends werden dann noch Erwachsene, die lesen und schreiben lernen wollen, unterrichtet.
30 Schulen in fünf afghanischen Provinzen für mindestens 60 000 Schüler hat die Erös-Stiftung mittlerweile fertiggestellt, dazu einige Krankenhäuser. Finanziert werden die Einrichtungen fast vollständig aus Mitteln der Stiftung, und die wiederum lebt fast ausschließlich von Spenden. Deshalb ist das Ehepaar Erös unermüdlich auf Vortragsreise in Deutschland unterwegs, um für die Stiftung zu werben und Spenden einzusammeln.
70 Prozent der Afghanen können weder lesen noch schreiben. Das ist eine der höchsten Analphabetenquoten der Welt. In ländlichen Gebieten, wie in der Provinz Laghman, kann sie 90 Prozent betragen. "Wenn wir Afghanistan im Analphabetentum belassen und nicht für Bildung und eigenständiges Denken sorgen, dann entkommen die Menschen dort nie dem Teufelskreis von Armut, Kinderreichtum, Krieg, Gewalt und religiösem Fundamentalismus", sagt Erös. Eine afghanische Analphabetin habe im Durchschnitt 7,2 Kinder, die sie kaum ernähren könne, eine gebildete Afghanin 3,2 Kinder.
Bildung ist wichtiger als medizinische Versorgung
Seit bald 30 Jahren ist Dr. Reinhard Erös mit Frau und Kindern in Afghanistan aktiv. Anfangs war er während seiner Urlaube als Militärarzt tätig, dann gründete er die Stiftung, mit der er hauptsächlich Schulen baut, finanziert und betreibt. "Bildung", sagt der Arzt Reinhard Erös, "Bildung ist für Afghanistan noch wichtiger als medizinische Versorgung."
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