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Artikel vom 22. Februar 2013 09:17, 165 mal gelesen

Regensburg

Therapie-Klinik für Jugendstraftäter

Bezirk baut für 40 Millionen Euro die erste bayerische Jugendforensik

Autor: bd
Dr. Wolfgang Mache, Dr. Christian Hartl, Bezirkstagspräsident Franz Löffler und Kurt Häupl (v. l.) betrachten das Modell für die neuen Gebäude der Jugendforensik. (Foto: bd)

Dr. Wolfgang Mache, Dr. Christian Hartl, Bezirkstagspräsident Franz Löffler und Kurt Häupl (v. l.) betrachten das Modell für die neuen Gebäude der Jugendforensik. (Foto: bd)

Gute Therapieerfolge kann die Forensik am Bezirksklinikum Regensburg vorweisen. Fast 60 Prozent der ehemaligen Straftäter konnten nach dem Maßregelvollzug in ein bürgerliches Leben integriert werden. Deshalb baut der Bezirk hier die bayernweit erste Jugendforensik mit 24 Betten. In dem 40 Millionen Euro teuren Projekt ist auch die Erweiterung der Forensischen Erwachsenenpsychiatrie um 72 Betten enthalten. Am Donnerstag wurde das Projekt vorgestellt.

Die Regensburger Langzeitstudie zeigt deutlich, dass der Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter eine große Chance ist, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Die Studie erfasst seit zehn Jahren das Leben der Patienten nach der Entlassung aus der Klinik. Das Spektrum der Straftaten reicht vom Drogenmissbrauch über Körperverletzung und Sexualdelikten bis hin zum Mord. Fast 95 Prozent der Täter sind Männer im Alter zwischen 25 und 50 Jahren. Oft sind sie selber Opfer von Straftaten, meist bildungsschwach und teilweise traumatisiert.

Bisher wurden 1 122 Patienten erfasst, sagte der Diplom-Psychologe Dr. Christian Hartl. Davon waren 994 suchtkrank, 128 hatten eine psychische Erkrankung. Bei der Entlassung wurde die Ist-Situation des Patienten, aber auch die bisherigen Lebensumstände erfasst. Die Patienten durften ihre Meinung zur Qualität der Therapie äußern und waren damit in die Kommunikation auch zu einem späteren Zeitpunkt eingebunden. In den Befragungen nach einem Jahr zeigte sich deutlich, dass weitaus mehr der ehemaligen Straftäter eine Arbeit gefunden hatten und stabil lebten, als die, die eine Therapie abgebrochen hatten. Straftäter im Gefängnis würden häufig bereits dort wieder drogen- oder alkoholabhängig. Nach ihrer Entlassung würden sie schneller und dauerhafter rückfällig.

Der Patient erfährt schnell, dass ihm geholfen wird


Der wesentliche Unterschied zum Strafvollzug im Gefängnis bestehe in der Umgangskultur, sagt Dr. Wolfgang Mache, der Ärztliche Direktor der Kliniken für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie. Zwischen den Bediensteten und den Patienten und auch unter den Straftätern. Der Patient erfahre schnell, "dass ihm geholfen wird". Er bekomme das Gefühl, "als Person geschätzt zu werden". Entscheidend sei die Unterstützung beim Weg zurück in die Freiheit und ein selbstständiges Leben.

In der Jugendforensik soll es für die 14- bis 18-Jährigen neben der therapeutischen Behandlung auch die Möglichkeit geben, einen Schulabschluss nachzuholen oder eine Ausbildung zu machen. Die Einrichtung ist geschlossen, das heißt, von einem 4.50 Meter hohen Zaun umgeben und nur durch zwei bewachte Eingangsschleusen zugänglich. Fenster sind vergittert, und Türen können nur mit einem elektronischen Schließsystem geöffnet werden. Die Jugendlichen haben aber die Möglichkeit, sich im Gartenbereich aufzuhalten, wo sie Beachvolleyball oder Tischtennis spielen können. Es gibt einen Teich und einen Wasserlauf. Wer möchte, kann ein Haustier halten. Besuchszeiten werden großzügig gestaltet. Ein intensiver Kontakt zur Familie ist sogar erwünscht.

Die meisten Ausbrecher kommen freiwillig zurück

Die größte Sicherheit vor Ausbruchversuchen liege in einem guten Verhältnis zwischen Patient und Therapeut, sagte Kurt Häupl, Geschäftsführer der medbo GmbH. Das Risiko dafür sei in der Phase des Entlassens gegeben, wenn die Patienten das Gelände verlassen dürfen. Aber auch dann würden die meisten freiwillig wieder zurückkommen.

In der Entlassungsphase haben die Patienten immer mehr Freiheitsgrade. Sie können sich selber versorgen und abends weggehen, müssen aber auch Regeln einhalten. In einer Nachsorgeambulanz werden sie nach der Entlassung weiter betreut.

Derzeit befindet sich im Westen des Bezirksklinikums eine große Baugrube. Im Frühjahr wird mit dem ersten Bauabschnitt begonnen werden. Bis 2016 sollen alle Gebäude fertig sein. Die Jugendforensik wird in zwei Stationen mit je zehn Betten aufgeteilt sein. Vier Betten befinden sich in der Entlasseinheit.

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Regensburg, Bayern, Deutschland

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