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Artikel vom 20. Januar 2013 13:10, 198 mal gelesen

Landkreis Straubing-Bogen

„Kinder brauchen Kinder“

Kinderkrippe oder Mama? Was Fachleute mit Praxiserfahrung dazu sagen

Autor: Sonja Hauenstein
Spaß im Bällebad: Die Betreuerinnen Hildegard Venus, Franziska Stadler und Mona Stadler (von links) mit Kindern der Kinderkrippe Schwarzach. (Foto: son)

Spaß im Bällebad: Die Betreuerinnen Hildegard Venus, Franziska Stadler und Mona Stadler (von links) mit Kindern der Kinderkrippe Schwarzach. (Foto: son)

Bin ich eine Rabenmutter, wenn ich mein Kind in die Kinderkrippe gebe?" - "Schadet es der Entwicklung meines Kindes?" - Diese Fragen stellen sich wohl viele junge Mütter, wenn sie vor dieser Entscheidung stehen. Viele haben aus finanziellen Gründen aber auch gar keine Wahl. Und die plagt dann das schlechte Gewissen. Obwohl bayernweit seit einigen Jahren Kinderkrippen wie Pilze aus dem Boden wachsen und ab August dieses Jahres jedes Kind einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz hat, sind die Stimmen der Kritiker laut. Viele argumentieren, für Kleinkinder sei nichts so wichtig wie der Kontakt zu einer festen Bezugsperson, sprich zur Mutter. Diese Diskussion war für die Erzieherin Hildegard Venus von der Kinderkrippe in Schwarzach der Grund, sich in ihrer Facharbeit zum Abschluss der Fortbildung "Krippenpädagogik" diesem Thema zu widmen.

Darin dokumentiert sie die Entwicklungsfortschritte unter Dreijähriger in der Kinderkrippe und vergleicht diese mit Kindern gleichen Alters, die zu Hause betreut wurden. Ihr Ergebnis: Es gibt keine Unterschiede zwischen den Kindern. Alle - egal ob fremdbetreut oder bei der Mutter - haben sich altersgemäß entwickelt. "Man könnte zum Beispiel vermuten, dass sich die Kinder in ihrer Umgebung weniger wohlfühlen oder es ihnen schwerer fällt, ein Gespür für die eigene Sicherheit zu entwickeln", erklärt Hildegard Venus. "Dies trifft jedoch nicht zu. Im Gegenteil, sie konnten innerhalb der Beobachtungszeit entscheidende Entwicklungsschritte vollziehen." Dieses Fazit aus den insgesamt 38 ausgewerteten Fragebögen ist für die 53-jährige Erzieherin ein Ergebnis, das sie sich auch erhofft hatte. "Man will schließlich auch hinter der Sache stehen, die man beruflich macht."

Ihr Standpunkt und der vieler anderer Experten ist jedoch auch: Ob es mit der Fremdbetreuung klappt, hängt von der Fähigkeit der Mutter, beziehungsweise der Familie ab, auf das Kind einzugehen. Wenigstens eine feste familiäre Bezugsperson brauchen Kinder, zu der sie von Anfang an eine feste Bindung entwickeln können. Eine Krippe könne eine Familie nicht ersetzen, wirke sich aber bei einer qualitativen Betreuung positiv auf die Entwicklung aus. Zumindest naturgemäß sei es die Aufgabe der Mutter von Geburt an die Bedürfnisse des Säuglings wahrzunehmen, diese richtig zu deuten und angemessen und prompt darauf zu reagieren. Experten nennen diesen Prozess das Urvertrauen, die Basis für eine gute Mutter-Kind-Bindung. Die Kinder lernen so, dass immer jemand da ist, der sich um sie kümmert. Solche derart wesensgestärkte Sprösslinge, könnten auch eine stundenweise Fremdbetreuung gut verarbeiten.

Doch die Entwicklung dieser Bindung braucht seine Zeit. Darum ist es nicht optimal, Kinder unter zehn Monaten in eine Kinderkrippe zu geben. In Ausnahmefällen ist es jedoch möglich, laut Auskunft von Gerlinde Gietl, stellvertretende Leiterin am Amt für Jugend und Familie im Landratsamt. Allerdings müsse überlegt werden, ob in solchen Fällen nicht die Betreuung in der Tagespflege besser wäre. "Man kann das jedoch nicht pauschalisieren. Diese Entscheidung hängt individuell von den Bedürfnissen des Kindes und den Vorstellungen der Eltern ab."

Die Qualität der Betreuung ist das Wichtigste

Obwohl die Kindertagesstätte Sankt Martin in Schwarzach eine der ersten Krippen war, die im Landkreis eröffneten, geben Hildegard Venus und auch die 58-jährige Kindergartenleiterin Rosina Staudinger zu, dass sie der Krippen-Thematik anfangs auch etwas skeptisch gegenüberstanden. "Doch jetzt ist unsere Haltung nur noch positiv", betont Staudinger. Seit September 2010 gibt es die Wichtelgruppe und die zwölf Knirpse gehen alle gerne dorthin. Derzeit zeichnet sich sogar der Bedarf für mehr Betreuungsplätze ab. Es wird überlegt, das Angebot um eine Kleinkindergruppe für Kinder ab zwei Jahren zu erweitern. "Der Platz und der Bedarf sind gegeben", so Staudinger.

Damit es mit der Fremdbetreuung klappt, betonen Venus und Staudinger aber auch immer wieder, wie wichtig die Qualität der Kinderbetreuung in einer Einrichtung ist. "Die Krippenbetreuung in Bayern hat nichts mit den Kinderkrippen zu DDR-Zeiten zu tun", so Staudinger. In Schwarzach kümmern sich drei Betreuerinnen um zwölf Kinder. "Je kleiner die Kinder, umso intensiver muss auf ihre Bedürfnisse eingegangen werden", betont Gerlinde Gietl. Darum legt sie ein besonderes Augenmerk darauf, dass die Träger diesbezüglich nicht zu sparsam sind. Auch das Personal dürfe bei Kleinkindern nicht ständig wechseln. Sie brauchen eine feste Bezugserzieherin, zu der sie Vertrauen fassen können.

Die Erfahrung in der Praxis zeigt auch, dass Krippenkinder oft früher selbstständig werden und sich zum Beispiel die Jacke anziehen oder alleine essen können, als ihre Altersgenossen, die nur zu Hause betreut werden. "Da ist schließlich die Mama, die immer alles macht", so Gietl. "Und die Kinder schauen sich von anderen Kindern vieles ab", betont Sozialpädagogin Maria-Luise Bachl, Fachberaterin für Kindertagesstätten im Landratsamt.

Einzelkinder profitieren von der Kinderkrippe

"Kinder brauchen Kinder" - das ist überhaupt der Schluss, bei dem sich alle einig sind. "Kinder haben eine ganz eigene Art miteinander umzugehen", so Bachl. "Und es wird auch nie langweilig, die Kinder mischen sich immer wieder neu." Erfahrungen im Umgang mit Gleichaltrigen zu machen, sei genauso wichtig wie die Bindung zur Mutter. Und dafür brauche man nicht zu warten bis die Kinder drei Jahre alt sind und in den Kindergarten gehen. Nach Ansicht von Maria-Luise Bachl profitieren gerade Einzelkinder von dem Besuch einer Krippe. Für Gietl ist auch die Altersmischung wichtig: "Die Krippen sollen kein separater Ort sein, sie sind mit einem eigenen Bereich in die Kindertagesstätten integriert." Berührungspunkte sind so möglich. "So wird später auch die Eingewöhnung in den Kindergarten leichter." Zudem tut es den Kleinen gut, von den Großen zu lernen und umgekehrt müssen die Großen auch Rücksicht auf die Kleineren nehmen.

Seit 1. Januar 2013 gibt es im Landkreis insgesamt 28 Kinderkrippen, die rund 600 Betreuungsplätze offerieren. Ein "Erfolg" wie es Gietl und Bachl bezeichnen, den sie sich noch vor ein paar Jahren nicht hätten träumen lassen. "Von allen Beteiligten war die Bereitschaft mitzumachen enorm." Und das sowohl von den Verantwortlichen in den Kommunen als auch von den Trägern und den Erziehern. Alle hätten die Notwendigkeit erkannt, weil sich einfach die gesellschaftlichen Strukturen verändert haben. "Und ich bin auch froh, dass sich die Kinderkrippen allmählich füllen", erklärt Gietl. In der Gemeinde Stallwang zum Beispiel war bei der Eröffnung im Dezember 2012 erst ein Kind angemeldet. Bürgermeister Alfons Wolf ist sich trotzdem sicher, dass die Entscheidung richtig war: "Mittlerweile haben wir vier Anmeldungen. Es dauert einfach seine Zeit, bis das Angebot angenommen wird. Die Eltern wollen sich das Ganze erst einmal anschauen."

Laut Gietl entsteht mittlerweile zwischen den Kommunen ein regelrechter Wettbewerb, weil Eltern die Wahlfreiheit zwischen den Krippen haben und nicht mehr ortsgebunden sind. "Und diesen Wettbewerb kann man nur durch Qualität für sich entscheiden." Viele schauen sich gleich mehrere Einrichtungen an. "Schließlich wollen sie ihr höchstes Gut gut versorgt wissen", sagt Bachl.

Großeltern sind trotzdem wichtig für die Kinder

Auf die Frage, ob nicht grundsätzlich die Großeltern oder eine Tante einer Kinderkrippe vorzuziehen seien, antwortet die Sozialpädagogin: "Das kommt auf die Großeltern oder die Tante an, wie sie sich um das Kind kümmern." In den Kinderkrippen arbeite pädagogisch ausgebildetes Personal. "Großeltern sind wichtig für Kinder und sicherlich klappt in vielen Familien im Landkreis diese Form der Kinderbetreuung hervorragend, aber viele Eltern haben einfach auch keine Oma in der Nähe oder wollen Erziehungsstreitigkeiten aus dem Weg gehen", erklärt Gietl. Vielen Paaren reichen die Großeltern als Aushilfe, wenn das Kind zum Beispiel einmal krank ist.

Und noch einen Vorteil der Krippe nennt Gietl: Die Kinder haben einen geregelten Tagesablauf. Sie sind regelmäßig am gleichen Ort, mit den gleichen Bezugspersonen und den gleichen Kindern. So manche Mutter habe schon regelrechte Betreuungsketten geschmiedet, um ihr Kind unterzubringen. Eine Mutter habe einmal ganz geschockt erzählt, dass ihr Kind sie gefragt hat: "Mama, wo komme ich denn heute hin?"

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Schwarzach, Bayern, Deutschland

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