"Eine alte Geschichte mit neuem Namen"
Die Obdachlosenzeitung "Strassenträume" scheint alles andere als seriös zu sein
Die Obdachlosenzeitung "Strassenträume" scheint alles andere als seriös zu sein
Landshut. (tin) Wer eine Obdachlosenzeitung kauft, will in aller Regel helfen. Die Verkäufer verdienen etwas Geld und können sich ihr Selbstwertgefühl erhalten. In der Stadt sieht man sie zur Zeit häufig stehen. Doch bei der Zeitung "Strassenträumer" scheint es sich um ein äußerst dubioses Geschäft zu handeln.
Zunächst sieht alles seriös aus: Die Händler haben Ausweise, wie man sie von den Verkäufern der Münchner Straßenzeitung "Biss" kennt. Mit dem Geld wolle der Verein eine Suppenküche und eine Kleiderkammer in Darmstadt aufbauen, steht auf dem Titel. Im Impressum ist eine Adresse der Redaktion samt Telefonnummer angegeben, auch die Registriernummern von Amtsgericht und Finanzamt sind aufgelistet. Was fehlt, ist der Name eines zuständigen Chefredakteurs oder Geschäftsführers. Die Texte stammen fast alle aus dem Internet, eigene Texte findet der Leser nicht.
Ist "Strassenträume e.V." tatsächlich ein eingetragener Verein? Bei "Biss" kennt man die angeblichen Darmstädter Kollegen nicht. "Wir wissen nichts von so einem Verein, aber wir sind alarmiert", sagt Geschäftsführerin Hildegard Denninger zur LZ.
Auch in München sei das Blatt plötzlich aufgetaucht. Meist werde es von hübschen Rumäninnen verkauft. Beatrice Gerst aus der Geschäftsführung der Stuttgarter Obdachlosenzeitung "Trott-war" kennt das Problem: "Das ist eine alte Geschichte mit neuem Namen." Mit Zeitungen unter den Namen "StraMax", Streetworker" und "Food for You" hatten Zeitungsverkäufer in Rheinland-Pfalz und Hessen angeblich Geld für soziale Einrichtungen gesammelt. "Das hessische Verwaltungsgericht hat ,StraMax' und ,Streetworker' schließlich wegen unklarer Betriebswege verboten", sagt Gerst.
Die Darmstädter Adresse von "Strassenträume" sei ihr bekannt, es sei dieselbe wie vor zwei Jahren. Laut Gerst ist es eine Postkastenadresse, telefonisch oder per E-Mail sei nie jemand zu erreichen. Die Verkäufer kämen aus den neuen EU-Ländern. "Man hat den Eindruck, das Ganze funktioniert wie eine Drückerkolonne."
Auch in Landshut verkaufen überwiegend junge Leute vom Balkan die angebliche Obdachlosenzeitung. Sie stehen meist in der Theaterstraße, bei schönem Wetter gehen sie gelegentlich durch die Tischreihen vor den Cafés. Der Inhaber habe sie darum angehalten, die Zeitungshändler wegzuschicken, sagt ein Kellner. "Vom Rechtlichen her ist die Sache problematisch", sagt Rupert Grasmüller von der Polizei.
Da es sich um ein normales Kaufgeschäft handle, gebe es keinen Geschädigten. "Betrug sehe ich da nicht." Zwar habe man einen Händler überprüft, aber auch die Staatsanwaltschaft habe keinen Verdacht auf Betrug. Bei der Staatsanwaltschaft war kein Zuständiger zu erreichen.
Ob es sich tatsächlich um einen eingetragenen Verein handelt, konnte nicht geklärt werden. Das Handelsregister Darmstadt hat bisRedaktionsschluss nicht auf die Anfrage der LZ geantwortet. Der eigenen Angaben nach gemeinnützige Verein besitzt keine Homepage. Er scheint im Internet nicht zu existieren, auch im Telefonbuch ist er nicht verzeichnet. Die Landshuter Zeitung erreicht am Ende doch den Chefredakteur der "Strassenträume" am Mobiltelefon.
Der Mann, der nur gebrochen Deutsch spricht, meldet sich mit Gino und will seinen Nachnamen nicht verraten. Die Zeitung habe keine Angestellten, nur freie Mitarbeiter, sagt er. Anfragen würden nur schriftlich beantwortet, man solle sich an die E-Mail-Adresse halten. Auf die Frage, ob er sich zu den Vorwürfen äußern wolle, verweist er auf die amtlichen Registriernummern. Schließlich beendet er das Telefonat abrupt - nicht ohne vorher seine Gesprächspartnerin wüst zu beschimpfen.
"Unsere Zeitungen sollen Obdachlosen eine Perspektive liefern", sagt Gerst. Sie und Denninger sind verärgert. In Stuttgart hätten Verkäufer von "Streetworker" Kunden zunächst mit einer Ausgabe von "Trott-war" gelockt und ihnen dann das andere Blatt aufgedrängt. "Wir fürchten um unseren guten Ruf."
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