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Artikel vom 09. Juli 2012 16:53, 553 mal gelesen

„Catch and release“ statt „F(r)isch auf den Tisch“

Der stärkste und größte heimische Friedfisch zieht immer mehr Jugendliche ans Wasser

Abendstimmung an einem 1 000 Hektar großen See. Eine Woche fernab des normalen Lebens. Mit einem guten Freund, Fleisch vom Grill und großen Fischen. Das macht Karpfenangeln besonders. (Foto: -chg-)<br/>

Abendstimmung an einem 1 000 Hektar großen See. Eine Woche fernab des normalen Lebens. Mit einem guten Freund, Fleisch vom Grill und großen Fischen. Das macht Karpfenangeln besonders. (Foto: -chg-)

Auf einem umgedrehten Eimer am See sitzen, den Fischgeruch noch an den Fingern, eine Flasche Bier in der Hand und drei leere am Boden. Gibt es etwas schöneres? Ja, das kann Angeln sein. Ein Eisvogel, der sich im morgendlichen Nebel auf der Rutenspitze niederlässt, ein Biber, der nebenan seinen Bau erweitert und die Freude über den Fang eines großen Fisches mit einem guten Freund zu teilen. Das ist Angeln.

Es ist eines der vielseitigsten Hobbies überhaupt. Vom zehnjährigen Bub bis ins hohe Alter, von der Minimalausrüstung bis zur High-Tech-Ausstattung, vom 30-minütigen Gewässerrundgang bis zum zweiwöchigen Langzeittrip: Angeln geht über das reine Fische fangen und deren Verzehr hinaus. Und es ist weit mehr als eine Beschäftigungstherapie für Rentner. Der Einzug moderner Methoden und technischer Hilfsmittel macht vor allem das Karpfenangeln für immer mehr junge Menschen interessant.

Mutters Küche wird zum Köder-Versuchs-Labor

Elektronische Bissanzeiger gehören hier ebenso zur Standardausrüstung wie Carbonruten und ein Angelköder namens "Boilie". Letzterer ist im Grunde nicht mehr als eine gekochte Teigkugel. Doch wer diese selbst herstellt und nicht zum "Tütenfutter" aus dem Angelgeschäft greift, überlässt nichts dem Zufall. In Mutters Küche wird mit Duftstoffen von Erdbeer über Chili bis hin zum sogenannten "Monster Crab" experimentiert. Mit seinem beißenden Gestank der Schrecken aller (Schwieger-) Mütter. Passend dazu lassen sich im Internet Tools herunterladen, die mit einem Mausklick den Nährwert des verwendeten Rezeptes ausspucken. Das eingebrachte Futter soll dem Karpfen ja nicht nur schmecken, sondern ihm auch bekommen.

An dieser Stelle unterscheiden sich moderne Karpfenangler von einigen ihrer Kollegen. Wenn sie sich - mit allerhand Ausrüstung bewaffnet - ans Wasser begeben, schwebt ihnen nicht etwa ein Karpfen vor, wie er im Bratfett bruzelt. Ihr Ziel ist es, dem Fisch nachzustellen, ihn zu überlisten, den Nervenkitzel im Drill zu erleben und dem (hoffentlich) Unterlegenen nach einem Erinnerungsfoto das Leben zu schenken. "Catch and release" heißt das in der Fachsprache. Und ist für den Karpfen weitaus ungefährlicher, als es sich anhört.

Die angebundene Montage schließt ein Verschlucken des Köders nämlich aus. Der Fisch trägt - vom Faktor Stress abgesehen und eine schonende Behandlung durch den Fänger vorausgesetzt - also lediglich ein kleines Einstichloch in seiner Lippe davon. Dieses wächst natürlich wieder zu, vergleichbar mit einem Piercing. Wahrscheinlich verspürt der Fisch dabei nicht einmal Schmerzen, doch das ist von wissenschaftlicher Seite nicht abschließend geklärt.

Catch and release (9 Einträge)

 

Gewissensentscheidung versus Gesetzeslage

So lange besteht Konfliktpotenzial: mit dem deutschen Gesetz. Während im europäischen Ausland oder den USA das Zurücksetzen gefangener Fische meist erlaubt und an einer Vielzahl französischer Gewässer zum Beispiel sogar Vorschrift ist, bedarf es hierzulande bestimmter Voraussetzungen. Der Fisch muss das Mindestmaß (Karpfen: 35 Zentimeter) unterschreiten oder während einer festgesetzten Schonzeit gefangen werden. Da beim modernen Karpfenangeln in der Regel auf die größtmöglichen Exemplare aus Steh- und Fließgewässern geangelt wird, ist der Gewissenskonflikt vorprogrammiert: Das Tier töten und den dünnen Bestand an Großfischen unwiederbringlich um ein Exemplar dezimieren? Oder den Karpfen in sein Element entlassen und für mögliche Konsequenzen einstehen?
Eine Entscheidung, die jeder Karpfenangler - jung wie alt - für sich treffen muss, draußen in der Natur: am großen französischen Stausee, dem kleinen Waldsee oder an der "vor der Haustür" vorbei fließenden Donau.

Von Christian Geist

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