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Artikel vom 19. Oktober 2012 09:55, 81 mal gelesen

Einfach mal losschreiben

Jugendbuch für alle: Zoran Dvrenkars „Der letzte Engel“

Romanautor Zoran Dvrenkar schreibt an seinen Büchern so lange, bis ihm die Puste ausgeht. (Foto: Corinna Bernburg)

Romanautor Zoran Dvrenkar schreibt an seinen Büchern so lange, bis ihm die Puste ausgeht. (Foto: Corinna Bernburg)

Ein Buch entsteht bei Zoran Dvrenkar in der Regel so: Da ist am Anfang eine Szene, die hinaus will. Und dann eine Idee, wie diese Szene weiter gehen könnte. Dann schreibt der Romanautor so lange, bis ihm die Puste ausgeht oder er das Gefühl hat, jetzt gibt es nichts mehr zu erzählen. Dann: Cut, der nächste Abschnitt beginnt. Manchmal mit einem neuen Protagonisten, manchmal mit einer neuen Erzählperspektive, manchmal sogar in einer anderen Zeit. Klingt wirr? Ist es erstaunlicherweise nicht, auch wenn sich der Autor im Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse über seinen Schreibstil selbst königlich amüsiert. "In der Regel fragt mich der Verlag, was das Buch wird und wie viele Seiten es hat. Ich sag dann - keine Ahnung!" Wieder lacht der Autor, seine langen zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haare fliegen über die Schultern. Der Erfolg, den Dvrenkar mit seinen Büchern hat, gibt dem Autor recht: Manchmal ist es wirklich am Besten, einfach nur loszuschreiben.

So ist es auch in seinem neuen Buch "Der letzte Engel" passiert. Am Anfang war da diese Szene. Ein Junge erhält eine E-Mail, in der steht "Sorry, morgen bist du tot". Am nächsten Tag ist er nicht nur das, sondern auch ein Engel. "Zu Beginn dachte ich mir, dass man daraus eine tolle Komödie machen kann. Wie Motte (der Protagonist) in die Schule geht, seine Probleme mit dem Sitzen und so weiter", sagt Zoran Dvrenkar. Schnell hat er beim Schreiben dann aber gemerkt, dass die Charaktere in der Geschichte in eine ganz andere Richtung gehen wollen. Weniger lustige Schulerlebnisse, mehr Verschwörungen, Experimente und Action. Denn auch, wenn "Der letzte Engel" auf dem Titel steht: Mit Engeln im klassischen Sinn hat das Buch nur wenig zu tun. "Das hat schon zu einem sehr lustigen Radiointerview geführt", sagt Zoran Dvrenkar. Zwei Fragen konnte er beantworten - die anderen neun drehten sich um Engel. "Und das ist ein Thema, das mich nicht besonders interessiert", sagt er und hebt entschuldigend die Hände.

Nein, die Engel in "Der letzte Engel" haben eigentlich nichts mit den Gestalten aus dem Religionsunterricht zu tun. Vom Thema her sind sie eher den Schutzengeln zuzuordnen und im Buch selbst geht es wesentlich stärker um Wissenschaft und Gentechnik als um Glauben und das Abendgebet. Besonders kurios: Der Hauptcharakter Motte, der ganz nebenbei auch der einzige Engel mit Flügeln im ganzen Buch ist, kommt zwischendurch gar nicht vor. Kurz bevor er sich als Erzähler für die nächsten Kapitel verabschiedet und die Geschichte in eine ganz andere Richtung schwenkt, trifft er zwei alte Frauen, russische Gräfinnen. Zu Mottes Überraschung erkennen sie ihn und wissen, dass er ein Engel ist. "Ich wusste von den beiden Gräfinnen nur, wie alt sie sind", erzählt Zoran Dvrenkar. Im nächsten Kapitel drehte sich seine Geschichte aber um die Gebrüder Grimm, die gerade auf einer Reise sind. "Ich habe ein wenig recherchiert und entdeckt, dass die beiden, ein Jahr nachdem dieser Teil der Geschichte spielt, Kyrillisch gelernt haben." Dann habe sich alles zu einem Bild gefügt. Auf einmal wusste der Autor, wer die russischen Gräfinnen waren, wie sie in die Geschichte passen und auch, was mit Erzähler Motte geschehen wird.

Nicht nur ein Jugendbuch

Und das sind, so viel sei schon einmal verraten, nicht unbedingt gute Dinge. Überhaupt geht es in "Der letzte Engel" an manchen Stellen doch recht drastisch und blutig zu. Ist das dann eigentlich noch Jugendliteratur? Ganz abgesehen davon, dass Zoran Dvrenkar diesen Begriff nicht mag. "Ich schreibe Geschichten", sagt er und überlässt das Finden der richtigen Schublade dem Verlag. Bei "Der letzte Engel" beschäftigte dieses Thema sogar den Verleger. Der freute sich rückblickend nämlich sehr, dass "Der letzte Engel" eben so geworden ist, wie es jetzt in den Bücherläden steht. Ein Buch für Jugendliche und Erwachsene, bei dem jeder seinen Spaß hat.

Auch die Leser, die Zoran Dvrenkar auf der Buchmesse besuchen, sich von ihm Autogramme in die Bücher schreiben lassen und ihn fragen, wann er denn in ihre Nähe zur Lesung vorbeikomme, sind von seinem Buch angetan. Nur das Ende - dieses verdammte Cliffhanger-Ende, was war eigentlich da los? "Zunächst wollte ich schon fragen, ob wir den Veröffentlichungstermin nicht noch ein wenig verschieben können", sagt Zoran Dvrenkar. Denn, um zu dem Ende zu kommen, das er ursprünglich für "Der letzte Engel" geplant hatte, hätte er noch 600 weitere Seiten gebraucht. Dann aber schrieb er das letzte Kapitel - "und auf einmal habe ich gemerkt, dass das ein guter Punkt ist, um aufzuhören." Ja, ein ziemlich guter Punkt. Einer, der den Leser in der Luft hängenlässt und ihn bis zum zweiten Teil noch sehr viele Fingernägel kosten wird. Immerhin gibt es schon die ersten beiden Kapitel der Fortsetzung. Den Rest schreibt Zoran Dvrenkar gerade. Ob er denn wenigstens schon etwas über das Ende verraten kann, fragt jetzt auch eine Verlagsmitarbeiterin, die sich an den Tisch gesellt hat. Der Autor grinst und schüttelt den Kopf. Denn ein Buch entsteht bei Zoran Dvrenkar in der Regel so...

Von Sebastian Geiger

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