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Artikel vom 29. Oktober 2012 07:27, 438 mal gelesen

Cham

Unter Tage bei den Kanalratten

Klärmeister Andreas Heigl und seine Truppe betreuen 200 Kilometer Abwasserkanal

Mit Lampe und Gaswarngerät macht sich Andreas Heigl auf in die Unterwelt, um das Abwasserkanal-System zu kontrollieren.

Mit Lampe und Gaswarngerät macht sich Andreas Heigl auf in die Unterwelt, um das Abwasserkanal-System zu kontrollieren.

Von Jasmin Kraus.
"Handschuhe an!" Klärmeister Andreas Heigl bellt seinen Besucher im Halbdunkel an. Der hatte kurzzeitig vergessen, nach dem Fotografieren die Plastikhandschuhe wieder überzuziehen und an eine Kanalwand gefasst. Die Hand zuckt zurück und streift sich flugs das Plastik über.

"Die Leute nennen uns manchmal Kanalratten, aber ich kann Ihnen was sagen: Ratten sind saubere Tiere", sagt er und blickt seinem Gegenüber fest in die Augen. Im Vergleich zu Menschen? Keine Antwort ist auch eine. "Ratten fressen nicht jeden Dreck. Die ernähren sich am liebsten von Speiseresten", erklärt Heigl. Und davon finden die Tier in den Zuläufen aus den Häusern genügend. Keines der Tiere lässt sich indes im Stauraumbecken an der Badstraße blicken. Dort wirkt die Unterwelt noch vergleichsweise freundlich - an der einen oder anderen Stelle sickert Licht durch einen Schacht. Es gibt Tiefgaragen, die sind unwirtlicher. "Hier ist es noch schön", schränkt Heigl erneut ein.

Ganz Cham ist untertunnelt


Aber der Klärmeister betreut mit seiner sechsköpfigen Truppe ein Kanalnetz mit einer Gesamtlänge von 200 Kilometern. Ganz Cham ist untertunnelt. Ein dunkles Gewirr aus Schächten, Becken und Rinnen. Eine Stadt unter der Stadt. "Es gibt da ein paar Kanäle, die sind gerade einmal 90 Zentimeter hoch. Wenn du da was arbeiten musst, macht das keinen Spaß", sagt er. Den Job, den Heigl seit 39 Jahren macht, kann nicht jeder machen. Klaustrophie zum Beispiel verbietet sich komplett. Manchmal ist es eng und dunkel unter der Erde - und es stinkt mitunter bestialisch. Ein Scheiß-Job im wahrsten Wortsinn.

"Früher, wenn jemand neu bei uns angefangen hat, dann hab' ich den gleich die ersten Tage mitgenommen zur Kläranlage nach Rötz. Damals hing da noch die Tierkörperverwertung dran. Wer das ausgehalten hat, konnte die Ausbildung beginnen", erklärt Heigl und lacht dazu ein bisschen sarkastisch. "Einer war mal dabei, der hat zwei Tage lang nix mehr gegessen; aber er hat durchgehalten und ist immer noch im Team", sagt er.

Gedärme in den Pumpen

Für ihn selbst, war es das Schlimmste, die drei Pumpen in der Altenstadter Straße zu reinigen. "Vor ein paar Jahren, als Südfleisch noch keine Flotationsanlage hatte, haben an Großschlachttagen Tierdärme regelmäßig das System dort unten lahmgelegt", erinnert sich Heigl mit Grausen. Bei der Erinnerung verzieht es sogar ihm das Gesicht. "Und ich konnte das Zeug noch nicht mal mit Handschuhen anfassen", würgt er die Worte hervor. Sein Kollege Josef Guggenberger kichert. "Ja, kommt schon mal vor, dass man sich mitten in der Arbeit übergeben muss", gibt der offen zu. Dabei hat sich für die Klärarbeiter ohnehin vieles gebessert.

Die meisten Kanäle fahren sie mit der Kamera ab. Die filmt alle Schäden und Verstopfungen, so dass die Facharbeiter nicht in jedes Loch kriechen müssen. "Vieles macht die Technik wett", sagt Heigl. Als er angefangen hat in der Kläranlage zu arbeiten, musste er noch oft runter und die Zuläufe per Hand freischaufeln. Den Dreck beförderte dann eine Seilwinde nach oben, wo ihn ein weiterer Kollege mit dem Schubkarren wegfuhr. "Das kann man sich fast nicht mehr vorstellen", sagt er.

Gewitter sorgen für Ärger

Dafür gibt es jetzt andere Probleme: Vor allem im Winter, wenn es wenig Schnee gibt, aber sehr kalt ist, versagt gern mal eine vollelektronische Steuerung. Dann muss einer raus, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, und das Problem beheben. Oder bei Gewitter. "Nach einem Platzregen haben wir Hochkonjunktur", sagt Heigl und leuchtet das Dunkel unter der Erde mit seiner Lampe aus. Was wie Graffiti wirkt, sind braune Spuren an der grauen Wand. "So hoch steht binnen Stunden hier das Wasser", sagt er. Ungläubiges Staunen, wo doch grad nur ein dünnes Rinnsal träge durchs Rohr dröppelt. "Dieser Kanal ist 550 Meter lang und endet in der Altenstadter Straße in einem Regenüberlaufbecken. Dort sammelt sich Wasser aus Windischbergerdorf, Selling, Kothmaißling, Schlammering. Da kommt schon was zusammen."

Durch den Gully ins Dunkel


Dann geht es weiter. Eben dorthin, wo sich das Wasser sammelt. Hinab durch den Gully-Deckel in der Altenstadter Straße. Kaum taucht Heigl ein, knarzt schon sein Gaswarngerät. "Das haben wir immer dabei. Es könne sich ja gefährliche und giftige Gase bilden hier unten. Davor warnt uns das Gerät in verschiedenen Abstufungen." Es stinkt, und zwar gewaltig. "Ja, da wo andere entsetzt zurückweichen, können wir immer noch lachen", sagt er und fügt hinzu: "Man gewöhnt sich dran."

Dass der Ekel eine gewisse Faszination auslöst, kennt Heigl aus dem eigenen Bekanntenkreis: "Ich hab schon mal jemanden zum Kotzen gebracht, der das ganz genau wissen wollte", sagt er und seine Augen blitzen dazu schelmisch. "Aber schreiben Sie das nicht."

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