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Artikel vom 05. Juli 2012 09:00, 597 mal gelesen

Titelthema

Jeder Tag ist ein Kampf

Essstörungen sind wie eine Sucht – sie können den gesamten Alltag bestimmen

Es gibt drei Arten von Essstörungen: Magersucht, Binge Eating und Bulimie

Es gibt drei Arten von Essstörungen: Magersucht, Binge Eating und Bulimie

Demi Lovato ist magersüchtig, Lily Allen hat an Bulimie gelitten: Das sind nur zwei prominente Beispiele für Leute mit Essstörungen. Tatsächlich leiden immer mehr Jugendliche an einer der drei häufigsten Essstörungen Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Binge Eating. Was mit ein, zwei Diäten beginnt, kann gefährlich werden. Und aus dem suchtartigen Kreislauf einer Essstörung wieder rauszukommen, ist sehr schwer.

Seelische Probleme sind Auslöser

Das Heimtückische an Essstörungen ist: Der Grund liegt in den meisten Fällen eigentlich woanders, das Gewicht hat nichts damit zu tun. Meist entstehen die Störungen aus einem anderen, seelischen Problem heraus:
Essen oder Hungern wird als Ausweg oder als Ersatz für andere Bedürfnisse gesehen. Hungern oder Essen verschaffen ein Gefühl der Befriedigung und gleichzeitig der Kontrolle. Das hält allerdings nur kurzfristig, und man braucht bald eine Wiederholung. So beginnt ein unseliger Kreislauf. Dabei kann eine Kleinigkeit zum Auslöser werden, ein blöder Spruch von Freundinnen genügt oft, so was wie: "Na, Du kriegst auch einen ganz schön dicken Hintern."

Die bekannteste Essstörung ist wohl die Magersucht. Zum einen sieht man Magersüchtigen ihre Krankheit irgendwann an, weil sie so dünn sind. Zum anderen hat auch die Diskussion über Magermodels vor einigen Jahren die Krankheit ins Bewusstsein gerückt. Diese untergewichtigen Models können das Schönheitsideal gerade von Jugendlichen prägen, die auf der Suche nach Vorbildern sind und oft Selbstzweifel haben. Manche beginnen dann Diäten, um ebenfalls möglichst dünn zu sein.

Magermodels als Vorbild

Die Diskussion um Magermodels wurde durch zwei Dinge angestoßen: 2003 starb das französische Model Isabelle Caro an Magersucht. Die 29-Jährige wog am Schluss nur noch 25 Kilogramm. Außerdem waren bei der neu angelaufenen Fernsehshow "Germany's Next Topmodel" ausschließlich sehr dünne Mädchen zu sehen - mehr noch: Empörung gab es nach einer Rüge für eine der sehr schlanken Teilnehmerinnen, sie sei zu dick. Seit 2010 verzichtet die Zeitschrift "Brigitte" auf Magermodels, im Mai dieses Jahres hat "Vogue" nachgezogen.Magersucht wird immer häufiger öffentlich diskutiert, seit sich auch Prominente zu ihrer Krankheit bekennen. Eine davon ist Demi Lovato. Die 19-Jährige hat sich wegen Magersucht in einer Klinik behandeln lassen.
Sie sagt: "Es geht jeden Tag von vorne los, man bekommt nie frei." Das beschreibt den Suchtcharakter der Krankheit ganz gut. Wobei Magersucht wohl die Essstörung mit den deutlichsten Anzeichen für eine echte Sucht ist, sagt Hannelore Honold, Leiterin der Suchtprävention im Landshuter Netzwerk. Sie bietet auch Gesprächsrunden für Leute mit Esstörungen an.
Menschen mit Anorexie, wie Magersucht unter Fachleuten genannt wird, haben nicht nur ein völlig überzogenes Schönheits- und Schlankheitsideal; sie haben auch eine gestörte Selbstwahrnehmung. Egal, wie dünn sie schon geworden sind, sie finden sich immer zu dick. Deshalb hat Magersucht eine hohe Todesrate: Zehn bis 15 Prozent der Betroffenen sterben daran, oft trotz Behandlung. Sie hungern sich zu Tode. Hannelore Honold warnt deshalb vor Diäten bei Jugendlichen. "Fast jede Essstörung beginnt mit Diäten." Laut Bundeszentrale für gesundheitsliche Aufklärung leidet jede dritte Schülerin zwischen zwölf und 20 Jahren an einer Frühform von Esstörungen; bei 14 Prozent besteht ein hohes Risiko für Magersucht.

Die britische Pop-Sängerin Lily Allen hat ebenfalls eine Essstörung: Bulimie. Auch sie hat darüber gesprochen und gesagt, das sei nichts, worauf sie stolz ist. Allen hat die Illusion, die hinter dieser Sucht steckt, erkannt: die Illusion, schlank zu bleiben, obwohl man viel isst.

Heißhungerattacken und unwiderstehliches Verlangen

Denn Bulimiekranke leiden unter Heißhungerattacken, sie haben ein unwiderstehliches Verlangen nach Essen. Dann essen sie alles, was sie bekommen können, vor allem Sachen mit viel Kalorien. Es folgt das schlechte Gewissen und damit das Erbrechen, um das Essen wieder loszuwerden.
Die Bulimie gilt als heimlichste aller Esstörungen, denn die Betroffenen bleiben meist relativ normalgewichtig, "vielleicht ein bisschen über- oder untergewichtig", sagt Honold. Man spricht auch von einem Doppelleben: Nach außen hin sind die Betroffenen "normal" und kontaktfreudig; aber heimlich, wenn sie keiner sieht, sind sie gierig und hemmlungslos. Mit dem Kreislauf aus Essen und Erbrechen können sie
nicht aufhören, auch, wenn sie es sich noch so oft vornehmen.

Die verschiedenen Arten von Essstörungen im Überblick (4 Einträge)

 


Essanfälle gibt es auch beim sogenannten Binge Eating, der Esssucht. Diese Anfälle sind aber geplant, erklärt Honold. Die Betroffenen gehen dafür extra einkaufen und essen dann ein, zwei Stunden lang sehr viel.Sie stopfen das Essen regelrecht in sich hinein. Daher sieht man auch ihnen die Krankheit an: Die Kranken haben sehr starkes Übergewicht, sie sind in den meisten Fällen richtig dick. Die Essanfälle treten vor allem
abends auf, wenn die Leute zur Ruhe kommen. Dann haben sie wieder Zeit für ihre Probleme, dann bemerken sie ihre Einsamkeit. Das wird mit Essen kompensiert.

Nach wie vor sind vor allem junge Frauen von Essstörungen betroffen, auch wenn daran immer wieder Jungen erkranken. Zu den Hintergründen gehört laut Honold oft das familiäre Umfeld. Sie nennt fehlende gemeinsame Mahlzeiten, Scheidung der Eltern und mangelndes Selbstbewusstsein. Auch wegen der komplexen Ursachen ist es laut Honold während eines stationären Aufenthalts leichter, das Essverhalten zu ändern. 70 bis 80 Prozent der Patienten schaffen das dort.

von Katrin Filler


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