Lesenswert (0) Empfehlen Google +

Artikel vom 03. Mai 2012 15:35, 350 mal gelesen

Grenzenlose Freiheit in 350 Metern Höhe

Ein rebellierender Magen, ein rasender Puls und dann die absolute Stille: mein erster Segelflug

Noch kann ich zusammen mit meinem Piloten Florian lachen

Noch kann ich zusammen mit meinem Piloten Florian lachen

"Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann." Ich sitze gerade in einer 43 Jahre alten Schleicher ASK 13, einem doppelsitzigen Segelflugzeug, und muss an diesen Ausspruch Loriots denken.

Warum mir gerade jetzt diese Worte in den Sinn kommen, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären, denn Sekunden vor dem Start liegt mir nichts ferner, als irgendeine Mahlzeit in mich reinzustopfen. Mein Magen würde rebellieren, schon ohne Nahrung macht sich ein flaues Gefühl breit. Doch ich wollte es ja nicht anders, niemand hat mich gezwungen, in diesen Segelflieger einzusteigen.
Vor einigen Wochen habe ich in der Zeitung von der erfolgreichen Jugendarbeit des Segelflug-Sportvereins Cham gelesen und spontan den Entschluss gefasst, darüber einen Beitrag für unser Jugendmagazin Freistunde zu verfassen. Schnell war der Pressewart kontaktiert und ein Termin vereinbart. Und genauso schnell saß ich dann in eben jenem Schulflugzeug, mit dem die Jugendlichen ihre ersten Starts und Landungen trainieren. Dabei wollte ich eigentlich nur eine Reportage schreiben und die jugendlichen Piloten interviewen.

Doch im Augenblick kreisen meine Gedanken um besagte warme Mahlzeit und schon Sekunden später werde ich lautlos über den Dächern Chams kreisen. Noch habe ich allerdings Boden unter den Füßen und Fluglehrer Florian vor mir.

Mein erster Segelflug - ein Selbstversuch (5 Einträge)

 

Mit dem Fallschirm am Rücken
Warum ich hinter mir oder besser an meinem Rücken festgeschnallt einen Fallschirm habe, darüber mache ich mir lieber keine Gedanken. "Den brauchst du nur, damit du bequemer sitzt, als Polsterung quasi", meint Florian. Na, da bin ich aber beruhigt! Aber war da nicht so ein verschmitztes Lächeln in Florians Augen? Ich habe keine Zeit, diesen Blick weiter zu deuten, denn schon schließt Florian die Cockpit-Haube. Sie ist rundum aus Plexiglas, damit ich hoch in den Lüften den Ausblick genießen kann. Noch kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass ich eine einzige Sekunde dieses Fluges genießen werde. Mein Puls rast, als ob ich gerade einen Marathon hinter mich gebracht hätte.

Die letzten Vorbereitungen laufen, Florian geht die Checkliste durch: "Seitenruderpedale eingestellt? Fallschirm?" Intuitiv ziehe ich die Gurte meiner bequemen Polsterung noch etwas enger. Sicher ist sicher. "Selbst in Ordnung? Angeschnallt?" Angeschnallt bin ich, von in Ordnung kann im Augenblick keine Rede sein, doch das scheint Florian nicht sonderlich zu interessieren. Er geht Punkt für Punkt durch: Ruder, Bremsklappen, Höhenmesser, Funk, Seitenwind. Wind, oh ja, windig ist es heute sehr. Es pfeift über den Flugplatz, keine optimalen Bedingungen zum Segelfliegen. Für meine Gemütslage wäre ein sonniger, windstiller Tag mit malerischen Schäfchenwolken am Himmel eindeutig beruhigender gewesen. "...auf Seilriss vorbereitet sein..." Was hat Florian da gerade so gleichgültig in seinem monotonen Checklisten-Singsang von sich gegeben?! "...Haube verriegelt, Startmeldung..." Während ich noch an den Seilriss denke, gibt's auch schon einen kleinen Ruck und los geht's.

Ich suche nach Griffen, um mich festzuhalten, doch um mich herum sind nur irgendwelche Hebel, an die ich mich lieber nicht klammere. Ich bin dem 340 PS starken Dieselmotor, der Seilwinde und den Flugkünsten Florians ausgeliefert. Nach nur zehn Metern Beschleunigung heben wir ab. Es geht steil nach oben, für meinen Geschmack etwas zu steil. Der Druck auf meine Ohren wird stärker. "Gleich scheppert es ein bisschen, wenn sich das Seil löst", warnt mich Florian vor. Gott sei Dank, denn ohne Vorwarnung hätte dieses Scheppern und das gleichzeitige leichte Absacken und Wackeln des Segelfliegers doch leichte Panik in mir ausgelöst.

Lautloses Dahingleiten, traumhafter Ausblick
Jetzt aber gleiten wir lautlos dahin. "Das ist es, was das Segelfliegen ausmacht," schwärmt Florian. Und ich muss ihm Recht geben. Die Stille um uns herum beruhigt auch meinen Magen, mein Puls verlangsamt sich und ich bin jetzt tatsächlich froh um die Plexiglasscheibe und den fantastischen Ausblick. Kein dröhnender Motor stört die Ruhe in 350 Metern Höhe. Das ist also die grenzenlose Freiheit, die Reinhard Mey besingt.

Leider ist das Wetter heute nicht optimal, der Aufwind fehlt. Wir sinken pro Sekunde einen Meter, das heißt unser Flug wird keine fünf Minuten dauern. Die Kunst beim Segelfliegen ist es, die Thermik auszunutzen, um möglichst lange in der Luft zu bleiben. Doch heute kann Florian seine Künste nicht zeigen, das Wetter spielt nicht mit. Meiner Euphorie tut dies aber keinen Abbruch. Ich genieße jede Sekunde meines ersten Segelflugs. Weit ab von der Hektik des Alltags, schweift mein Blick in die Weite des blauen Himmels.

Meine Gedanken werden jäh unterbrochen, als Florian die Landung ankündigt. Routiniert steuert er den Segelflieger geradewegs auf die Landebahn zu. Ein Blick auf die immer größer werdenden Häuserdächer lässt ein bisschen Wehmut aufkommen. Gerne wäre ich noch ein paar Runden über Cham hinweggesegelt. Stattdessen setzt Florian die ASK 13 sanft auf den Boden auf, ein kurzes Ruckeln und schon hat uns die Erde wieder.

Von Kerstin Weinzierl

Kommentare zum Artikel


Artikel kommentieren


Das könnte Sie auch interessieren

Kinderkonzert und Marionettentheater

Cham

Kinderkonzert und Marionettentheater

Eine besondere Geschichte voller Musik bringen hölzerne Marionetten gemeinsam mit ihren Puppenspielern,...

mehr dazu
Anzeige
Anzeige

Verbreitungsgebiet Verbreitungsgebiet Cham Deggendorf Regen Dingolfing Straubing-Bogen Regensburg Landshut Erding-Freising-Kelheim
Anzeige
Anzeige