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Artikel vom 29. März 2012 10:00, 363 mal gelesen

Ring frei!

Wenn sich Eltern trennen, müssen Kinder viel einstecken

© Andre - Fotolia.com

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Von Tanja Pfeffer

Die Sonne ist fast untergegangen. Philip (Name von der Redaktion geändert) beobachtet sie noch durch das angelaufene Küchenfenster. Es ist 18.10 Uhr - eigentlich Zeit fürs Abendessen. Das gibt es bei Philip schon lange nicht mehr gemeinsam. Seine Eltern haben ihn in die Küche geholt. Er ahnt, was kommen wird. Sie werden ihm sagen, dass sie sich nicht mehr verstehen. Sie werden ihm sagen, dass sie sich nicht mehr lieb haben. Er hat es monatelang mitbekommen - die Streitereien, die angespannte Stimmung, dass Mama abends nicht mehr zu Hause ist. Philip ist neun Jahre alt, er hat drei Geschwister: drei, vier und sechs Jahre alt. Jetzt aber steht er alleine vor seinen Eltern. "Philip, bei wem möchtest du in Zukunft wohnen? Bei Mama oder bei Papa?" Mehr sagen sie nicht.

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Philip ist heute 16 Jahre alt. An das Gespräch in der Küche vor sieben Jahren erinnert er sich noch sehr genau. "Ich habe nicht lange nachgedacht. Ich bin bei Papa geblieben." Warum er sich so entschieden hat? "Ich war einfach egoistisch." Philip wusste, die drei Kleinen würden bei Mama bleiben. "Meine Geschwister konnten so anstrengend sein." Er wollte es ruhig haben. Philip besucht sie seitdem alle 14 Tage am Wochenende. Philip hat sich an diesem Abend richtig verhalten, findet die Sozialpädagogin Martha Altweck-Glöbl. "Oft denken Eltern, sie sind gerecht, wenn sie ihr Kind entscheiden lassen, wo es wohnen will. Doch damit bringen sie Kinder in einen großen Gewissenskonflikt." Es ist nicht ihre Aufgabe, diese schwere Entscheidung zu treffen, meint sie. Kinder lieben beide Elternteile und wollen niemandem wehtun. Philip hat kein schlechtes Gewissen seiner Mutter gegenüber. "Sie haben gemeinsam entschieden, dass wir nicht mehr zusammenleben. Dann müssen sie auch mit meiner Entscheidung leben."

Etwas Glück hatte der 16-Jährige dennoch. Er musste trotz des Umzugs nicht die Schule und seine Freunde wechseln. Sie sind nur innerhalb der Stadt umgezogen. Oft aber leben getrennte Familien viele Kilometer voneinander entfernt. "Dann bleiben nur die Ferien, um das andere Elternteil zu sehen", sagt Martha Altweck-Glöbl. Was aber, wenn man nicht weg will aus seinem gewohnten Umfeld? "Beim Kinderschutzbund gibt es ein Nottelefon und auch viele Internetberatungsstellen helfen weiter", weiß Martha Altweck-Glöbl. Ab 14 Jahren gebe es zudem die Möglichkeit, in betreuten Wohngruppen zu leben.

Elf von 1 000 Ehen gingen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland im Jahr 2010 schief. Nicht gezählt sind all die Trennungen ohne Trauschein. Was eine solche Trennung aber oft für die Kinder bedeutet, ist vielen Erwachsenen nicht klar. "Die innerliche Zerreißprobe und die Wut auf einen oder auch beide Eltern sind schrecklich für junge Menschen", weiß Martha Altweck-Glöbl. Die 55-Jährige hat schon mit vielen Familien und Kindern gesprochen, die in einer Trennung steckten. Oft fühlen Kinder besonders mit dem Elternteil mit, das verlassen oder gar betrogen wurde. "Man will nicht, dass es Mama oder Papa schlecht geht", so die Sozialpädagogin. "Kinder machen viel aus Liebe." Philip kann das nur zu gut verstehen. Er hat gesehen, wie sein Papa unter der Trennung gelitten hat. "Ich habe versucht, ihn aufzumuntern. Wir haben viel miteinander gemacht in der Zeit", erzählt er. Zweieinhalb Jahre habe es in etwa gedauert, bis Philip das Gefühl hatte, seinem Papa geht es wieder gut.

Gespräche gegen schlechte Noten
Viele Kinder verändern sich nach einer Trennung, weiß Martha Altweck-Glöbl. Entweder zeigt sich das gleich oder erst Jahre später. Philip merkte in der Schule, dass etwas nicht stimmt. Seine Noten haben sich drastisch verschlechtert. "Ich wollte ja lernen, aber ich konnte mich einfach nicht konzentrieren", sagt er. Deswegen war er auch freiwillig bei einem Psychologen. Er hat ihn sogar gewechselt, als es nicht besser wurde. "Etwas gebracht hat das zwar schon, aber im Endeffekt musste ich mit der Situation fertig werden, nicht der Psychologe." Deshalb hat Philip aufgehört. Er hat seine eigene Methode gefunden, sich abzulenken: PC-Spiele wie Fußball-Manager oder Siedler. "Vor allem zur Zeit der Scheidung hat mir das viel geholfen. Einfach Ohrstöpsel rein und schon war kein Wort der Streitereien mehr zu hören." Der damals Neunjährige hat viel mit seinem besten Freund und später auch mit seiner Freundin geredet. "Das empfehle ich jedem, der in der Situation ist. Redet mit jemanden." Philips Noten sind mittlerweile wieder besser. Dieses Jahr macht er seinen Schulabschluss. "Mir ist klar geworden, dass ich trotzdem einen guten Start in mein Leben brauche. Ohne guten Abschluss wird das nichts", so der 16-Jährige.

Vom Männerhaushalt zur Patchworkfamilie
Mittlerweile haben Philips Eltern wieder neue Partner - und mit ihnen sind zwei weitere Geschwister in sein Leben gekommen. Aus dem Männerhaushalt ist eine große Patchworkfamilie mit Halb- und Stiefgeschwistern geworden. "Ich freue mich, dass Papa wieder jemanden gefunden hat. Er kann ja nicht ewig allein sein", sagt er vernünftig. Der will jetzt wieder heiraten. Für den 16-Jährigen ist das in Ordnung. Etwas Angst aber hat er. Was ist, wenn auch das schiefgeht? Was wenn sein Papa das Gleiche nochmal durchmachen muss - den gleichen Schmerz, die gleiche Belastung? An die große Liebe glaubt Philip nicht. "Streit kann alles kaputtmachen." Heiraten will der 16-Jährige trotzdem einmal. "Es gehört dazu. Bis 30 wird sich hoffentlich eine Frau finden, der ich vertrauen kann."

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