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Artikel vom 03. Februar 2012 03:03, 360 mal gelesen

Kein Tier auf dem Teller

Wer Vegetarier ist, muss sich manchmal rechtfertigen

Von der blassen Masse zur farbigen Vielfalt: Tofu hat sich als "Fleischersatz" etabliert. (Foto: dpa)

Von der blassen Masse zur farbigen Vielfalt: Tofu hat sich als "Fleischersatz" etabliert. (Foto: dpa)

Von Claudia Hagn
"Was, Du isst kein Fleisch?" Der Satz kommt oft, ja sehr oft, wenn man sagt: "Ich bin Vegetarier." Verwunderte Blicke, dann nach zwei, drei Sekunden oft die Nachfrage: "Tun dir die Tiere leid oder machst du's wegen was anderem?" Und hier beginnt sie dann, die Rechtfertigung, warum man auf Fleisch verzichtet und nur Gemüse auf dem Teller hat. Auch gibt es gern die Frage: "Ja und was isst du denn dann überhaupt?" Zusätzlich kommen manchmal spitze Bemerkungen von der Seite wie "Ach, du bist das also, der meinem Essen das Essen wegisst!"
Wer sich entscheidet, Vegetarier oder Veganer zu sein, steht - zumindest am Anfang - im Mittelpunkt

Alle wollen wissen, wieso man denn jetzt kein Fleisch mehr will, wieso man auf die Leberkäsesemmel nach der Schule und die Bratwürstelsemmel am Christkindlmarkt verzichtet - und stattdessen höchstens Pommes isst und vielleicht danach noch einen Fruchtspieß. Und hier gehen die kleinen Probleme schon los: Evi Wimberger, Ernährungsexpertin von der AOK Landshut, sagt, es gibt so genannte "Kuchen- und Puddingvegetarier". Die essen zwar kein Fleisch mehr, ernähren sich dafür aber auch nicht gesünder, sondern stopfen nur Kuchen und Pudding in sich hinein. Alles, was weich und schnell essbar ist, wird bevorzugt, sagt Wimberger.

Die Massentierhaltung ist für viele Menschen der Grund, auf Fleisch zu verzichten. (Foto: dpa)

Die Massentierhaltung ist für viele Menschen der Grund, auf Fleisch zu verzichten. (Foto: dpa)

Doch das ist falsch - Fleischverzicht heißt trotzdem, sich möglichst gesund zu ernähren. Pudding und Kuchen gehen schon mal, sind aber kein Ersatz für Steak und Fischfilet. Deshalb steht man als Vegetarier auch beim Blick auf so manche Speisekarte im Lokal häufig verloren da: Da gibt es dann unter "Vegetarisches" vielleicht noch Nudeln mit Tomatensoße, gern steht da aber auch der Salat mit Putenstreifen. Und von der Oma hören Vegetarier schon mal den Satz "Ach geh, so ein bisserl Schinken, das geht doch." Hier Überzeugungsarbeit zu leisten, dass Schinken auch vom Tier kommt - das ist oft ein hartes Stück Arbeit.

Sabine Schönberger, 17, ist seit sieben Jahren Vegetarierin. Alles fing damit an, dass sie mit zehn Jahren eine Dokumentation über Fleischproduktion sah. Vom Schwein zum Schnitzel also. Seit Sabine die Bilder gesehen hat, kommt bei ihr kein Tier mehr auf den Teller. "Als ich das Leid gesehen hab', das dahintersteckt, hab' ich beschlossen, Vegetarier zu werden."

Tier- und Umweltschutz als Hauptgründe für Verzicht auf Fleisch
Das geben viele an, wenn man sie nach dem Grund für die fleischlose Ernährung fragt. Vor allem die Massentierhaltung mit schlechten Bedingungen finden viele schlimm - mittlerweile kommen aber auch andere Aspekte dazu. "Es geht mir mittlerweile auch um den Umweltschutz, um die Emissionen, die bei der Fleischproduktion erzeugt werden", sagt Sabine. Das CO2, das bei der Produktion erzeugt wird, belastet die Umwelt. 2007 hat eine Studie ergeben, dass die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch das Klima so stark belastet wie 250 Kilometer Autofahrt. Am klimaschädlichsten soll jedoch das Methan sein, das die Tiere bei der Verdauung ausstoßen.


Sabine war nicht die erste in ihrer Familie, die zur Vegetarierin wurde: Ihre Schwester hat drei Jahre vor ihr angefangen. Also war das vegetarische Kochen in der Familie schon angekommen, als Sabine kein Tier mehr auf den Teller kam. Vielfältigeres Essen ist das Ergebnis, sagt Sabine. Sie nimmt sich bei Grillpartys oft das vegetarische Essen selber mit, "aber mittlerweile wissen es alle in meinem Freundeskreis, es sind auch viele Vegetarier dabei. Das geht dann schon."

Manche Vegetarier vermissen dann und wann ein Stück Fleisch, die Bratwürstelsemmel auf der Dult oder das halbe Hendl - Sabine nicht. "Mich ekelt es eher davor. Manches kann ich nicht mal mehr riechen." Schlimm für sie wird's vor allem dann, wenn noch erkennbar ist, welches Tier auf dem Tisch liegt, bei einer Gans zum Beispiel. Eins vermisst Sabine aber dann doch: Gummibärchen. In den normalen ist meistens Gelatine drin, ein Stoff, der aus dem Bindegewebe von Schweinen und Rindern gewonnen wird. Natürlich gibt es mittlerweile Ersatz für Gelatine - dennoch sagt Sabine, dass die Ersatz-Gummibärchen vom Geschmack her nicht an die mit Gelatine rankommen.

Die anfangs skeptischen Blicke von Nicht-Vegetariern: An die gewöhnt man sich als Vegetarier schnell. Es gibt auch Unterschiede bei Vegetariern - die, die unbedingt auch andere zu Vegetariern machen wollen, und die, die sagen: Jeder so, wie er will. Sabine gehört zu der zweiten Gruppe. "Natürlich erkläre ich, wieso ich kein Fleisch esse. Aber ich sag' keinem, er soll auch keins essen. Da muss man tolerant sein."

Wenn Sabine gefragt wird, ob sie jemals wieder Fleisch essen wird, sagt sie sofort entschieden: "Nein." Es gibt aber durchaus Leute, die nach fünf, zehn Jahren wieder vom Vegetarier oder sogar Veganer zum Fleischesser geworden sind. Hier heißt tatsächlich die Devise: Jeder muss es selbst entscheiden. Zwingen kann man keinen zu etwas. Und das gilt vor allem beim Essen.

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